In einer Zeit, in der allerorten über tatsächlichen und vermeintlichen Rassismus diskutiert wird, treten die subtilen Romane von Hella S.. Haase wieder aus dem Schatten des Vergessens. Als Kind niederländischer Eltern geboren und aufgewachsen in "Niederländisch-Indien", sprich Indonesien, hat die Autorin, die mit 22 Jahren im Jahre 1940 in die Niederlande umgezogen ist, ihre alte Heimat nie vergessen können und nie vergessen wollen. Mehrere ihrer Werke drehen sich um das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlicher Hautfarbe in einer kolonialen Situation rassischer Schichtung. Mit großer Sensibilität schildert Hella S. Haase vor tropischer Kulisse die Möglichkeiten und Grenzen gleichberechtigten menschlichen Zusammenlebens in den zwanziger und dreißiger Jahren auf der Insel Jawa. Die (weiße) Romanheldin bemüht sich, jedwede Form von Rassismus zu vermeiden, stößt aber dennoch immer wieder an ihre Grenzen in einer rassisch determinierten Gesellschaft. In "Das indonesische Geheimnis" kehrt die Heldin am Ende ihres Lebens noch einmal zurück zu Stationen ihres Lebens, erinnert sich an alte Freunde und geht deren Lebensläufen nach. Dabei stößt sie auch auf ein überraschendes Geheimnis, das hier nicht enthüllt werden soll, aber ihre eigene Biographie in eine neues Licht rückt.Haase ist eine Autorin, die für ihre Helden ein sensibles Gleichgewicht zwischen Selbstkritik, Selbsterkenntnis und Selbstgerechtigkeit sucht und findet. Man liest ihre Erinnerungen an eine längst vergangenen Welt mit viel Spannung. Haases großes Thema, das Zusammenleben von Menschen mit unterschiedlichem Hintergrund, ist gerade wieder aktuell. Es geht deshalb um mehr als um eine ansprechende Reiselektüre für Europäer, die nach Indonesien reisen wollen. Auch wer mit Südostasien wenig zu tun hat, wird hier viel Material zum Nachdenken finden.
Hella S. Haasse: Das indonesische Geheimnis,Um es vorweg zu schicken: Das Buch war für mich so spannend, das ich es in fast einem Rutsch gelesen habe. Die Kritik ist sich einig: der holländischen Autorin ist mit dem 2002 publizierten Roman ein großer Wurf gelungen, der ihr in Holland den Publikumspreis 2003 einbrachte. 2015, rechtzeitig zur Frankfurter Buchmesse, erschien das Buch auf Deutsch unter dem Titel: „Das indonesische Geheimnis“.Ausgerechnet aber am Titel sei ein wenig Kritik erlaubt. Nach der Lektüre des Buches stellt sich nämlich die Frage, was denn an der beschriebenen Geschichte ein „indonesisches“ Geheimnis gewesen sein soll? Was ist an dem wahrscheinlichen Verhältnis der Freundin Dee mit dem Ehemann der Protagonistin Herma Warner so besonders „indonesisch“, dass es den deutschen Titel rechtfertigte? Auf Niederländisch heißt der Roman: „Sleuteloog“, und nach Recherchen im Wörterbuch müsste man das mit „Schlüsselloch“ übersetzen. Man möge mich berichtigen, aber so die Übersetzung korrekt ist, erscheint mir auch der holländische Titel nicht ganz passend, denn es ist überhaupt keine „Schlüsselloch-Story“, im Gegenteil. Das Ende geliebter Illusionen braucht auch hier kein Schlüsselloch.Selbst wenn einem etwa ab der Hälfte des Romans der Verdacht beschleicht, dass die attraktive Freundin Dee (Adele) eventuell auch privat mehr mit Hermas späteren Ehemann Taco zu tun hatte, als Herma es wahr haben wollte, so ist das Verhältnis der beiden Freundinnen und ihrer Familien in „Nederlands Indie“ der zwanziger und dreißiger Jahre zwar der rote Faden der Geschichte, das große beschriebene Thema jedoch ist ein anderes: Es ist der provozierte Rückblick der Protagonistin Herma auf ihre Kindheit und Jugend als privilegierte Angehörige der niederländischen Kolonialgesellschaft jener Jahre.Der Autorin Hella S. Haasse – selbst 1918 in Batavia (Jakarta) geborene Holländerin – gelingt es mit großer literarischer Kunst, Menschen und Welt des damaligen Niederländisch-Indien lebendig werden zu lassen. Frau Mijers, Onkel Louis, Tante Non, Hermas Eltern, sowie Hermas Freundin Dee und ihre Mutter Nadia – allesamt engagiert gezeichnete Personen und Schicksale dieses exotischen Milieus. Für uns Heutige besonders aufschlussreich: die Beschreibung der subtilen diskriminierenden Abgrenzungen im Verhältnis der Angehörigen der niederländischen Kolonialgesellschaft untereinander, der Spannungen zwischen den „reinblütigen“ europäischen Kolonialbeamten und der alteingesessenen Kolonialelite, die schon über Generationen hinweg von einheimischen - indonesischen Müttern abstammte. Man ahnt, dass es im neuen Staat Indonesien für alle, die ihren Status und Einfluss irgendwie an ihrer niederländisch-europäischen Herkunft festzumachen versuchten, keine Zukunft geben würde.Zitat: „ Ich bin ein Produkt dieser letzten, schwer zu definierenden Periode Niederländisch-Indiens, den beiden Jahrzehnten zwischen den Kriegen: Einschneidende, stürmische Entwicklungen unter dem Deckmantel einer scheinbaren Ordnung, die entweder nicht bemerkt oder verstanden, beziehungsweise von der einheimischen wie auch der ansässigen europäischen Elite falsch eingeschätzt wurden. Das alte Niederländisch-Indien, in dem man auch als Holländer mit allen Vor- und Nachteilen Wurzeln schlagen konnte, war verschwunden, und für die „hierzulande Geborenen rein europäischer Herkunft“, wie es damals offiziell hieß, gab es keine Heimat mehr.“„Das indonesische Geheimnis“ ist die eindringliche Erzählung der letzten Phase von „Nederlands-Indie“, bevor 1942 mit der Besetzung Indonesiens durch die Japaner der endgültige Countdown des holländischen Kolonialreichs eingeläutet wurde und sich unter seinem Führer Sukarno ein neues Land mit dem Namen „Republik Indonesia“ in einem grausamen vierjährigen Kolonialkrieg seinen Platz unter den unabhängigen Staaten der Welt erkämpfte. Damit war aber nicht nur ein Kolonialreich untergegangen, sondern es war auch der traumatische Exodus von über dreihundert tausend Menschen aus einem Land, das für sie die eigentliche Heimat gewesen war.Wer über diese rein dramatischen Fakten hinaus, etwas über Denken und Fühlen dieser Menschen erfahren möchte, dem sei dieser Roman aufs wärmste empfohlen. (KS)