Was kann man von einem Buch über "Wintervögel" erwarten? Was sind "Wintervögel" überhaupt? Viele bei uns im Winter vorkommende Vogelarten lassen sich doch auch im Sommer beobachten. Warum also ein gesondertes Buch hierzu? Mit diesen Fragen habe ich "Das große Buch der Wintervögel - Beobachten - Bestimmen - Schützen" von Uwe Westphal in die Hand genommen und gelesen. Der Autor ist sich natürlich der Unschärfe des Begriffs "Wintervögel" bewusst und definiert und begründet auch die seinem Buch zugrunde liegende Zeitspanne, die er als "Winter" verwendet. Doch schnell wird auch klar, dass es Uwe Westphal nicht primär um begriffliche Abgrenzungen geht, sondern um eine Einladung: Die Einladung zur Vogelbeobachtung auch in der für manchen Naturfreund vielleicht vermeintlich unattraktive Zeit zur Vogelbeobachtung. Der dreischrittige Untertitel "Beobachten - Bestimmen - Schützen" nennt auch die in der Reihenfolge der Nennung absteigende Schwerpunktsetzung: Zum Thema "Schutz" sind einige Tipps gegeben, die jedoch von Umfang und Nachhaltigkeit her klar auf Einsteigerniveau bleiben - Hinweise also vor allem für die Privatperson im eigenen Garten. Es ist auch kein Bestimmungsbuch - die gibt es ja bereits in ausreichender Anzahl und Qualität - auch wenn zahlreiche kurze Artenportraits Bestimmungshinweise bieten und artenspezifische Bebachtungshinweise liefern. Damit sind wir auch schon beim Schwerpunkt des Buches: Beobachtung von Vögeln im Winter. Hierzu gibt das Buch vielfältige Hinweise, wo sich gerade auch im Winter Beobachtungen lohnen, worauf man hierbei besonders achten sollte, welche Vogelarten zu dieser Zeit besonders häufig anzutreffen sind, oder ein Verhalten zeigen, das zu anderen Jahreszeiten nicht so zu beobachten ist. Die Texte hierzu sind fundiert und sehr gut zu lesen und unterschiedlichen Lebensräumen zugeordnet wie etwa "Stadt und Dorf", "Feld und Flur" bzw. "See und Fluss". So kann die Naturfreundin/ der Naturfreund als Anregung für den geplanten Spaziergang im Vorfeld im entsprechenden Kapitel schmökern und somit gut vorbereitet und sensibilisiert für mögliche Beobachtungen starten. Je nach Wohnort kann auch der Ausflug an "Meer und Strand" oder ins "Hochgebirge und Bergwald" geplant werden. Dieses Wintervogelbuch ist also eine herrliche Einladung zur Vogelbeobachtung gerade auch in den kalten Monaten des Jahres und somit eine gelungene Ergänzung zur bereits zahlreich vorhandenen sonstigen Literatur zu Vögeln.
Auch wenn der Winter für viele Menschen eher die am wenigsten beliebte Jahreszeit sein dürfte, für einen (angehenden) Vogelkundler bietet sie reichlich „Futter“ für sein Hobby. Als keineswegs vogelarm zeigt sich die kalte Jahreszeit, denn viele Vogelarten, hier sind es gut 180 Species, lassen sich bei Schnee und Eis beobachten, bestimmen und näher kennenlernen, vorausgesetzt der Beobachter selbst ist einigermaßen kältefest. Die Vögel sind es, wie es aus dem informativen Einführungskapitel zu ihren Angepasstheiten hervorgeht. Die „Wintervögel“ selbst, was natürlich nicht heißt, dass sie nur im Winter aktiv sind, werden im Kontext mit ihrem jeweiligen Lebensraum in farbenfrohen Kurzporträts in „Wort und Bild“ vorgestellt. Selbstredend hat der Autor auch ein Kapitel zur Vogelpflege und -fütterung im Winter verfasst. Auch Dokumentationsverfahren zur Bestandeserfassung finden Beachtung. Dieses Buch ist eine lohnenswerte Ergänzung zur ornithologischen Literatur und wahrhaftig kein Nischenprodukt, das nur die Winter-Avifauna betrifft, sondern auch als „Ganzjahreswerk“ seinen Wert hat. Dr. Christiane Högermann
Auch im Winter lassen sich Vögel gut beobachten. Manchmal sogar noch besser als im Sommer, wenn Bäume und Sträucher belaubt und die Vögel darin oft nur schwer zu sehen sind. U. Westphal befasst sich in dem vorliegenden Buch mit der Vogelbeobachtung im Winter. Viele Vögel bleiben als Standvögel in der kalten Jahreszeit bei uns, bei manchen Arten zieht ein Teil in den Süden, während der andere Teil hier bleibt, und viele Arten aus Skandinavien oder Sibirien überwintern als Wintergäste bei uns. Westphal beschreibt im einleitenden Teil sehr ausführlich, wie Vögel sich an die besonderen Verhältnisse im Winter angepasst haben, hinsichtlich Nahrung, Witterung und Temperatur, Nest, Winterquartier, Wechsel von Federkleidern etc.Im zweiten Buchteil stellt Westphal eine große Zahl von Arten, die im Winter bei uns beobachtet werden können, vor und beschreibt sie in Steckbriefen und schönen Fotos. Die Steckbriefe enthalten kurze Angaben zu Größe, Kennzeichen, Stimme, Nahrung, Verhalten, Status und zusätzliche interessante Infos. Die Fotos zeigen die Vögel im Wintergefieder. Sie sind überwiegend von guter Qualität, aber in manchen Fällen, z. B. durch starke Vergrößerungen, unscharf oder "pixelig".Einschub: Die Fotos stammen übrigens ca. zur Hälfte aus dem Buch "Die Vögel Mitteleuropas sicher bestimmen - Bildatlas" von W. Fiedler aus dem Quelle & Meyer Verlag (2015), und wurden schon in drei weiteren Veröffentlichungen abgedruckt. Dies ist jetzt das fünfte Buch mit den gleichen Fotos! Muss man das noch kommentieren?!Der zweite Buchteil ist nach Lebensräumen gegliedert. So werden die Arten entsprechend den Lebensräumen Stadt und Dorf, Wald und Forst, Feld und Flur, See und Fluss, Meer und Strand sowie Hochgebirge und Bergwald aufgeführt. Eine durchaus sinnvolle und nachvollziehbare Einteilung. Das beschriebene Artenspektrum ist dabei recht umfassend. Dieser Teil hat aber einen etwas ungewöhnlichen Aufbau. Auf den ersten Blick scheint es klar gegliedert, aber bald zeigt sich beim Lesen, dass sich ein Fließtext über den oberen Seitenteil mehrerer Seiten hinweg zieht, während sich im unteren Seitenteil ein oder zwei Steckbriefe unterschiedlicher Länge zu den im Text beschriebenen Vögeln finden. Ich gestehe, ich hatte Probleme damit zu erkennen, wo ich den Anschluss meines Textes finde. Da auch die Schrift im narrativen Teil sich nicht von den Artensteckbriefen unterscheidet, ist zunächst überhaupt nicht ersichtlich, dass hier zwei unterschiedliche Textstränge abgedruckt sind. Daran muss man sich erst einmal gewöhnen! Gleichwohl beschreibt der Fließtext im lockeren, gleichzeitig aber hochinteressanten Erzählstil die Vögel, die sich im Winter in Deutschland aufhalten, und ihre jeweiligen typischen Eigenschaften, Verbreitung (leider ohne Verbreitungskarten), Verhaltensweisen und Überwinterungsstrategien. Aber auch Häufigkeit bzw. Seltenheit, Ursachen für Gefährdung und Bestandrückgänge sowie Schutzmaßnahmen werden thematisiert.In den folgenden Kapiteln des Buchs werden besondere Aspekte von Gefährdung und Schutz der Vögel angesprochen, angefangen beim Einfluss des Klimawandels auf den Vogelzug, über Programme und Methoden zur Erfassung und Zählung von Vögeln, bis hin zum Schutz und zur Versorgung (Fütterung, Nisthilfen) von Wintervögeln. Nicht zuletzt werden nützliche Tipps zur Vogelbeobachtung und zur entsprechenden (Winter-)Ausrüstung gegeben.Am Schluss des Buchs steht eine Übersichtstabelle, der zu entnehmen ist, welcher Vogel in welchem Lebensraum bzw. in welchen Lebensräumen regelmäßig vorkommt, ein Literaturverzeichnis und Register.Mit einer Höchstbewertung für dieses Buch tue ich mich ein wenig schwer. Der Ansatz, den Westphal hier verfolgt, nämlich Wintervögel und ihre Lebensräume vorzustellen, ist sehr interessant. Und das Buch ist schön gestaltet, spannend und lebendig geschrieben und mit (überwiegend) sehr guten, wenngleich großenteils schon bekannten (!) Fotos illustriert. Aber es ist nicht ganz ausgereift. Da ist zunächst die unglückliche Seitenaufteilung im zweiten Teil, wo man den Überblick verlieren kann. Die abgedruckten Fotos lassen eine eindeutige Bestimmung nicht immer zu. Die Artenauswahl und die entsprechende Zahl der Artenportraits sind beeindruckend. Jedoch werden Einsteiger, für die das Buch ja gedacht ist, bei einigen Artengruppen, wie z. B. den Enten, Gänsen und den Watvögeln, ihre Probleme mit der Bestimmung haben. Da helfen die Fotos wahrscheinlich nicht weiter, sondern es müsste weitere Bestimmungsliteratur zu Rate gezogen werden. Manche der angesprochenen Themen zum Vogelschutz haben nicht speziell (nur) mit der Winterzeit zu tun, wie die Gestaltung von Gärten, ganzjährige Vogelfütterung, Nisthilfen, Störungen durch "Stand Up Paddling" (SUP), sind aber auch im Winter von Relevanz, was im Fall des SUP sicher gar nicht so im Bewusstsein ist.Man mag sich fragen, ob es solch ein Buch wirklich braucht. Ausführliche Artenbeschreibungen von Sommer- und Wintervögeln finden sich auch in anderen Werken, und die geschilderten Gefährdungs- und Schutzaspekte können ebenfalls anderen Büchern entnommen werden. Vielleicht können andere Leser mehr mit dem Buch anfangen als ich, und vielleicht über dieses Buch den Einstieg in die ganzjährige Vogelbestimmung finden. Für mich ist es nicht zwingend ein "must have". Gleichwohl ist es aber ein sehr interessantes Buch, also eher ein "nice to have", das als Weihnachtsgeschenk für Vogelbeobachter ganz sicher gut ankommt. Ich vergebe vier Sterne für dieses Buch.