Scheuermann kann beides, behauptet man in der Literaturkritik – Romane, Erzählungen, Gedichte, Prosa und Lyrik, beides sind ihre Fachgebiete, zwischen denen sie in ihren regelmäßigen Publikationen gerne hin und her springt. Doch gibt es dennoch ein Gebiet, auf dem sie besser ist? Ein Gebiet, auf dem ihre schriftstellerische Qualität begründet liegt?Wer ihren 2014 erschienenen Gedichtband skizze vom gras lesen wird, der wird sich diese Frage nicht mehr stellen – denn er wird bemerken, wie hinfällig und überflüssig sie ist. Scheuermann geht es in ihren Werken, so sehe es zumindest ich, der ich neben ihren Gedichten eben auch ihre Romane gelesen habe, nicht darum, sich selbst innerhalb ihres Werkes zu duellieren, sondern es geht ihr vielmehr darum, einen Ausgleich zu schaffen zwischen zwei sehr verschiedenen Genres, die jedoch dennoch auf ihre Art und Weise miteinander verbunden werden können.Das sogenannte Prosa-Gedicht existiert nicht erst seit gestern, nicht erst seit Scheuermann schreibt, doch bekommt es in diesem Band, der mittlerweile die zweite Auflage erreicht hat, noch einmal einen ganz anderen Stellenwert. Die modernen Lyriker von heute haben sich schon lange von den strengen Regeln, von festgelegten metrischen Strukturen und klarer Abfolge von Reimschemata getrennt, die Gedichte von heute zeichnen sich vorrangig durch ihre Metaphorik und Symbolik aus, und das macht auch Scheuermanns Gedichte zu einem ganz besonders bildintensiven Leseerlebnis. Ab und zu kann sie sich einen kleinen Seitenhieb in Richtung klassisches Gedicht nicht verkneifen - ganz so extrem wie z.B. bei ihrer Lyrikkollegin Nadja Küchenmeister sind die stilistischen Anspielungen auf die Ursprünge des lyrischen Schreibens nicht, doch finde sich z.B. in ihrem Gedicht „Veilchen“ recht am Ende des Bandes über einen Kreuzreim verbundene Verse wie „Ja, ich vermisse dich auch dieses Jahr/ doch endlich darf ich dich als Geist behüten. / Am Tassenboden ist ein Muster und ich sehe klar.“, die nebenbei gesagt nicht nur von ihrem rein formalen Aufbau grandios komponiert sind, sondern sich auch inhaltlich wunderschön und schlüssig in das Gedicht einfügen und es zu einem runden Ende bringen.Scheuermann erhielt für ihren Gedichtband noch im Erscheinungsjahr den von der Kritik lang erhofften „Hölty-Preis“ für Lyrik, den höchstdotierten Preis in Deutschland für Gedichtschreiben. Dies deutet allerdings darauf hin, dass nicht nur Scheuermanns sprachliche Leistung in diesem Band überragend ist, sondern auch vielmehr die hier verarbeiteten Inhalte einen hohen Stellenwert einnehmen. Hier ist das Genre des Prosagedichts genau das richtige! Während sie nie Versstrukturen, ab und zu auch eine Strophenform, selten nicht einhält, sind es dennoch lange Sätze, mit Satzzeichen und regelkonformen Satzstrukturen, die eben durch ihre Aneinanderreihung oder aber auch durch ihre starke Metaphorik eben doch zu Gedichten werden.Von den vielen Themen, die sie in skizze vom gras aufgreift, lohnt es sich, ein paar konkret anzusprechen. Die Naturlyrik ist eines der vielen Teilbereiche, in denen in der klassischen Lyrik der vergangenen Epochen geschrieben worden ist. Scheuermann wagt es aber, dieses Gebiet noch einmal zu erweitern. So setzt sie sich in ihren Gedichten meist mit dem lyrischen Ich neben Tiere, Pflanzen, Landschaften, und die Gedanken, die hier bei der Betrachtung dieses Lebens entstehen, übertragen sich aus ihrer Bildebene hinaus auf die Sachebene, auf das menschliche Leben. Erschreckend genau sind ihre „Skizzen“ von den Tieren, die sich hier finden, so z.B. in ihrem Gedicht „Säbelzahntiger“, das mit den Versen „Was wirst du behaupten / wenn ich dich frage / wozu du diese Wahnsinnszähne brauchst“ beginnt und wird weitergeführt mit den vielen religiösen Elementen, die sich in diesem Gedichtband zu Hauf finden, wie z.B. „ Neulich träumte ich /ich wäre die Göttin, die für dich / zuständig ist. Hätte dir selbst diese Waffe gemacht. / Nur damit es Gründe gäbe zu gehen - / aus einem vagen Gefühl / von Bedrohung heraus.“. Sofort hat man die Kriegsindustrie vor Augen, wenn man diese Verse liest. Sofort sieht man die Bedrohung, und spürt die Angst, und fragt sich – wozu? Wer hat das geschaffen? Ein Gott?Die Verdrehung der Religion in der heutigen Zeit, die Macht des Menschen, die „göttliche“ Kräfte entwickelt, ist besonders Thema ihres für den ersten Zyklus titelgebenden Gedichts „Zweite Schöpfung“, in dem in eindrücklichen Bildern beschrieben wird, wie Scheuermann die Menschen wohl empfindet („Dies ist die Freiheit / unserer Art, neue, andere Arten zu machen. / Gott hat uns mit einem Bausatz beschenkt.“) Die Doppeldeutigkeit ihrer Gedichte, die Zusammenführung von zwei Elementen, die sich gegenüberstehen, das Einbauen der eigenen Interpretation des eigenen Gedichts – das ist schon grandios, was da auf meist nicht einmal 20 Zeilen in fast jedem dieser Gedichte hier entsteht! Die meist provokante Art der Gedichte, dass sich Scheuermann auch traut, eine Aussage, ein Statement, das sicher nicht das ihre ist, am Ende des Gedichts stehen zu lassen, aber dem Leser dennoch klar gemacht zu haben, wie er, wenn er sich ihr anschließt, zu vorliegender Geschichte zu stehen hat, übersteigt die Beurteilung von sprachlicher Leistung sondern setzt auch ein hohes Literaturverständnis der Autorin selbst voraus. Nicht zu Unrecht kann man denke ich behaupten, dass Schriftsteller, die es verstehen, sehr, sehr gute Lyrik zu schreiben, auf jeden Fall Sprachkünstler erster Sahne sind.Das Ausschlaggebende, das diesen Gedichtband dann auch zu einem so stimmigen Leseerlebnis macht, ist der Eindruck, den man über Scheuermanns schriftstellerische Arbeit bekommen muss. Es gibt zwar auch hier Zyklen, die die Gedichte noch einmal voneinander abtrennen, aber keineswegs bricht sie ihr Thema innerhalb eines Bandes. Die Motive wie z.B. die der zweiten Schöpfungen kehren auch in anderen Gedichten wieder, wodurch man vermuten kann, dass sie die Gedichte extra für diesen Band geschrieben und dann eben auch unter dem großen Überthema „Mensch und Umwelt“ veröffentlicht hat, und dass dies nicht eine einfache Sammlung von Gedichten seit ihrem letzten Band, Über Nacht ist es Winter ist.Die leichten Abweichungen z.B. in die Liebeslyrik, wie in „ Letzte meiner Art“, die dennoch den Sprachgebrauch der vorhergegangenen Naturlyrik aufgreift, aber sein ganz eigenes Thema, seinen ganz eigenen Schluss findet („Wenn es Nacht wird und du nicht da bist, / wirfst du unzählige Schatten in die Nächte der Zukunft. / Jetzt schon kann ich sie manchmal spüren. / Wie kalt sie sind.“).Diese Gedichte sind wichtig, weil sie sehr aktuell sind! Scheuermann schreibt aus einer Zeit, in der es noch keine „Fridays for Future“ gab, und versucht mit ihren Mitteln, mit den Mitteln der Sprache, die Bilder, die man nun, wenn man sich mit dem Klimawandel auseinandersetzt, eben nun in den Nachrichten präsentiert bekommt, bei den roten Bildern der Landschaften bei der Wettervorhersage. Scheuermann braucht die polarisierende Art der Klimaschützer, der Demonstranten und grünen Politiker nicht – sie schafft es alleine mit Wörtern in einem von der Leserschaft sehr schwach beachteten Genre, der Lyrik, genau das zu erreichen, wofür manche Filme, Statistiken und Hoch-rechnungen brauchen. Dabei geht es hierbei nicht um irgendwelche Kohlekraftwerke, um Atomenergie oder um Erdölbohrungen. Es geht hier um das, was alles schon nötig gewesen wäre, bevor es soweit gekommen ist – um die persönliche Achtung gegenüber der Natur. Hier geht es nicht um Plastik im Meer oder um die großen Mülldeponien… das alles sind Resultate eines Lebens, das sich ganz sicher nicht an den Intentionen dieser Gedichte orientiert hat. Die Verse, die Scheuermann hier zu Papier bringt, finde ich dann doch weitaus intelligenter als „Wir sind hier, wir sind laut, weil ihr uns die Zukunft klaut“. Diese Verse sind ein Resultat von vielen Überlegungen, inneren Prozessen, Anschauungen und vor allem: von Ruhe. Die Themen Umweltschutz und Klimawandel gehören natürlich die Schule… doch ist es wirklich schlau, über Greta Thunberg zu diskutieren, wenn man sich mit Gedichten von Silke Scheuermann auseinandersetzen könnte? Auf jeden Fall kann man sich Versen wie diesen widmen, die, wenn zwar nicht politisch dennoch herzerwärmend sind, und an das erinnern, was Sprache kann:„ Erst der Winter würde das Geschehen in Tränen auflösen / individuelle Wege die Wangen hinunter / gleiten lassen; sie einfrieren. / Doch bis dahin / ist es noch Zeit.“(„Geburtstagsstrauß für die Angestellte“, aus dem Zyklus „Drei Sträuße“)