Dominik Graf, vielfach preisgekrönter Filmemacher, ist nicht nur eine Ausnahme-Erscheinung unter den deutschen Film-und Fernsehregisseuren, der seit Jahren für ein besseres deutsches Kino und für anspruchsvolles Fernsehen kämpft. Dass auch in Deutschland immer noch großes Fernsehen möglich ist, hat er nicht zuletzt mit dem Zehnteiler "Im Angesicht des Verbrechens" wieder einmal eindrucksvoll bewiesen. Er, der sich im Thriller und im Polizeifilm am wohlsten fühlt, aber auch schon manches andere Genre als Regisseur erfolgreich inszeniert hat, ist auch Cineast mit Leib und Seele. In seinem wundervollem Buch, das der mittlerweile verstorbene Filmkritiker und gute Freund Grafs, Michael Althen, 2010 herausgegeben hat, vereint Graf selbst geschriebene Texte über von ihm besonders geschätzte Perlen des internationalen Kinos und Fernsehens. Die Texte sind zum großen Teil in den 2000er Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der Süddeutschen Zeitung und anderen Quellen erschienen, ein paar Texte stammen noch aus den späten Neunzigern. Althen eröffnet das Buch mit einem Vorwort, dann folgt ein Prolog, der auf eine besondere Szene aus Melvilles "Die Millionen eines Gehetzten" näher eingeht. Gegliedert ist das Buch in mehrere große Blöcke, die sich mit dem deutschen, englischen, französischen, italienischen, amerikanischen und dem osteuropäischen Kino beschäftigen, mit Filmen, die Graf besonders bewegt und fasziniert haben (und es bis heute tun), mit Kollegen, deren Arbeit nicht nur Graf selbst geprägt hat, sondern die auf ihre Art Besonderes für das Kino geleistet haben. Dabei geht es um Filme so unterschiedlicher Regisseure wie Jean Becker, Carlo Lizzani, Alain Resnais, Lucio Fulci (sein berüchtigter Gangster-Thriller "Das Syndikat des Grauens" wird in einem eigenen Text behandelt), Max Ophüls, Andrzej Wajda, Zbynek Brynych, Jean Pierre Jeunet, Mike Figgis, Claude Sautet, Wolfgang Büld, Donald Cammell, Alfred Vohrer, Klaus Lemke, Alain Tanner oder Robert Aldrich.Graf widmet sich Werken unterschiedlichster Genres, vom Liebes-Melodram über Damiano Damianis legendäre Mafia-Thriller, dem Detektiv-Film (wobei Arthur Penns "Die heiße Spur" (1975) und Robert Altmans "Der Tod kennt keine Wiederkehr" (1973) seine Favoriten sind) bis zum trashigen Horrorfilm. Eine zusätzliche persönliche Note bekommen seine Texte, wenn er erzählt, wie die Filme beim ersten Ansehen auf ihn gewirkt haben, damals als junger Kinogänger oder bei der Fernseh-Ausstrahlung. Er wirft, geschliffen und mit hintergründigem Humor, einen speziellen Blick auf einzelne Filme berühmter, teilweise aber auch bis heute nur wenig bekannter, oft leider völlig in Vergessenheit geratener Filmemacher, die sich während ihrer Karrieren meist weit abseits des gängigen Mainstream-Kinos bewegt haben und mit ihren Ideen von großem Kino in einer an leicht verdaulicher Konfektionsware und Profit orientierten Industrie (Graf gebraucht in diesem Zusammenhang ein paar Mal das Wort "Drecksgeschäft") nicht selten brutal gescheitert sind, die uns aber in diesem Prozess Filme hinterlassen haben, welche oft lange Zeit kaum oder gar nicht von der breiten Öffentlichkeit wahrgenommen wurden (manche werden es bis heute nicht!), jedoch als Meisterwerke gelten können, ja, gelten müssen. Manchmal wird auch, wie im Falle von Nicholas Roeg oder Jean Eustache das Gesamtwerk eines besonders geschätzten Kollegen beleuchtet. Graf spricht anhand präzise ausgesuchter Beispiele auch über filmische Mittel wie Musik, Schnitt, Kamera und Lichtsetzung, über Erzähltempo, Gewalt im Film, Chronologie und den Gehalt von Dialogen.Viele der besprochenen Filme waren zum Zeitpunkt ihres Erscheinens keine großen Erfolge, im Gegenteil. Einige waren kolossale Flops, manche superteuer, skandalös, geschmäht vom Publikum und von der Kritik verrissen, vom Studio oder Verleih manchmal umgeschnitten und damit verstümmelt. Kommerzielle Desaster, die manchmal ganze Karrieren beendeten, wobei nicht nur Regisseure schwer zu leiden hatten, (nach "Lola Montez", den Graf zu seinen persönlichen Lieblingsfilmen zählt, hieß es in der Branche: Vor Ophüls wird gewarnt!). Auch viele großartige Schauspieler sind in der Versenkung verschwunden. Solche Flops beschädigten Laufbahnen nachhaltig auch dahingehend, dass die Regisseure zwar noch jahrelang Filme drehten, aber immer mehr Probleme bekamen, ihre Projekte zu finanzieren. Dominik Graf kennt das, ohne in diesem Buch darauf einzugehen, aus eigener Erfahrung. Als 1996 sein ambitionierter Polizeifilm "Die Sieger" im Kino völlig unterging, wandte er sich verstärkt dem Fernsehen zu und dreht seitdem nur noch sporadisch fürs Kino, oft nur mit sehr knappen Budgets. Und doch sind es, dies macht Graf in seinen Texten wieder und wieder deutlich, oft gerade die großen Flops der Filmgeschichte, die es besonders wert sind, wiederentdeckt zu werden. Graf begründet dies stets schlüssig und nachvollziehbar. Er fordert im Kino ein Recht auf das Scheitern leidenschaftlich ein, als sei vermeintlicher künstlerischer und allzu realer finanzieller Schiffbruch in vielen Fällen geradezu eine Pflicht .Graf ergreift Partei für ein Kino abseits der vor allem von Hollywood vorgelebten Blockbuster-Mania, ein Kino, das sich quer zu den gängigen Vorlieben und Konventionen stellt. Er zeigt immer wieder seine Zuneigung für experimentelle Filme und sogenanntes Genre-Kino, auch mit Hang zum Trash. Solange er Substanz hat, darf ein Film ruhig auch teuer sein, manchmal muss es das sogar. Besonders liebt er Filme, deren Macher es virtuos verstehen, mehrere Genres miteinander zu kreuzen. Er entwirft ebenso zärtlich wie hingebungsvoll eine besondere Landkarte für Kino-Liebhaber, eine Landkarte, die von den Stummfilmen Friedrich Wilhelm Murnaus über den italienischen Giallo der 60er und 70er Jahre bis zum heutigen amerikanischen Kino eines Steven Spielberg reicht. Von vielen Filmen, die in seinen Texten zur Sprache kommen, haben, genau wie von manchen Regisseuren, wohl die Wenigsten schon einmal gehört, geschweige denn, dass sie die Filme gesehen haben. Hier geht es eben nicht nur um Filme, die heute zu den großen Klassikern des internationalen Kinos zählen, sondern sehr oft vor allem um kleine intellektuelle Werke, echtes Independent-Kino. sowie dreckige Low-Budget-Produktionen, die zum Teil bis heute ein Dasein im kineastischen Untergrund fristen. Und wenn Graf sich berühmten Regie-Kollegen wie Fassbinder, Robert Altman, Sydney Pollack oder George Roy Hill zuwendet, wird schnell klar, dass er deren heute bekannteste Filme vom rein künstlerischen Standpunkt aus betrachtet, nicht immer für ihre besten hält. Dafür verteidigt er immer wieder vehement deren kaum bekannte Werke. David Cronenbergs "The Dead Zone" wird etwa in einem längeren Text unter die Lupe genommen. Man sollte die wahre Klasse eines Films eben nicht an der Anzahl der Preise festmachen, die er gewonnen hat, oder am Erfolg an der Kinokasse.Graf scheint eine besondere Liebe mit dem französischen Kino zu verbinden, jedenfalls nehmen die Frankreich-Texte, in denen er auch ausführlich die Nouvelle Vague behandelt, sowie auf von ihm verehrte Kollegen eingeht, (er widmet sich auch dem jahrelangen Streit zwischen den einstigen Freunden Godard und Truffaut), einen besonders breiten Teil des Buches ein. Immer wieder kommt Graf, der oft selbst für die musikalische Untermalung seiner eigenen Filme sorgt, natürlich auch auf die Verwendung von Ton und Musik in seinen Lieblingsfilmen zu sprechen. Ein Kapitel beschäftigt sich mit den vier Komponisten, mit denen Truffaut bevorzugt zusammengearbeitet hat. Der Enthusiasmus, der aus solchen Texten strömt, ist regelrecht ansteckend.Doch egal, mit welcher Art von Filmen und mit welchem Regisseur sich Graf gerade auseinandersetzt, seien es auch Größen wie Coppola, Rossellini, Dokumentarfilmer Chris Marker oder Billy Wilder: Nie ergeht sich Graf in purer Lobhudelei, egal wie sehr er manchmal auch ins Schwärmen geraten mag (gut, es gibt auch für ihn Filme, die über jeden Zweifel erhaben sind), sondern er analysiert immer mit wachem, kritischem Blick, sich nicht scheuend, selbst mit noch so sehr von ihm bewunderten Kollegen auch mal hart ins Gericht zu gehen und Schwächen selbst in Monumenten der Filmgeschichte wie "Apocalypse Now" aufzuzeigen. Mehr als einmal gibt er, wenn er über ganze Karrieren reflektiert, offen seinem Unbehagen darüber Ausdruck, wie mit großartigen Filmemachern, die den ganz großen Durchbruch nie geschafft haben, umgegangen wurde, wobei er stets seine Bewunderung durchschimmern lässt über das Werk, welches sie dem System abtrotzen konnten, auch wenn manchmal nur ganz wenige wirklich große Filme dabei herauskamen. Andererseits merkt er sehr kritisch an, dass Regisseure, wie zum Beispiel Robert Altman, zwischenzeitlich vom Weg, der ihre frühen Filme so einzigartig machten, abgekommen sind. Vielleicht auch gezwungenermaßen, um ihre Karrieren überhaupt über einen bestimmten Punkt hinaus fortsetzen zu können.Der letzte große Block des Buches hat den Titel Deutsche Karrieren. Darin finden sich neben einem Lob auf Schauspieler Peter Lohmeyer auch die rührenden Nachrufe Grafs auf viel zu früh verstorbene Weggefährten, wie den Kameramann Martin Schäfer, der mit Graf 1987 dessen bis heute erfolgreichsten Kinofilm "Die Katze" drehte, Tonmeister Milan Bor, der ebenfalls an diesem Film mitgearbeitet hat und 1982 für "Das Boot" Oscar-nominiert war, Kameramann Helge Weindler, mit dem Graf mehrere Folgen von "Der Fahnder" drehte, und den Star dieser wegweisenden, von Graf mitentwickelten deutschen Krimiserie: Klaus Wennemann. Ein kleiner Epilog, der in die ganz frühe Phase von Grafs Regie-Karriere zurückführt schließt die Textsammlung ab. Doch Dominik Graf setzt noch einen drauf: In einer eigenen Rubrik schwelgt er, wie bereits vielfach in den Texten, in seinem persönlichen DVD-Universum, das leider immer noch viele Lücken hat. Aus seinem Ärger über die oft sträflich vernachlässigte Veröffentlichung vieler großartiger Filme macht Graf keinen Hehl. Und bietet so, fein gegliedert und mit teils sehr witzigen Erläuterungen versehen, eine erstklassige Kaufhilfe Faszinierend, wie abwechslungsreich auch diese Liste ausgefallen ist. Auch hier weist Graf explizit darauf hin, dass die meisten Filme bei ihrem Erscheinen absolutes Kassengift waren. Sie enthält einige echte Klassiker wie "Rio Bravo" (1959) und "Blade Runner"(1982) und einige echte Geheimtipps wie "Malastrana" (1971) oder "Hitch Hike" (1976). Dabei spart er auch von ihm geschätzte Dokus und Fernsehserien nicht aus. Der ersten Staffel von "Allein gegen die Mafia" hat er sogar einen eigenen Text gewidmet, der sich im Italien-Block findet,Dieses Buch, das als Titel den ersten Vers des Eichendorff-Gedichts "Wünschelrute" trägt, ist ein Muss für jeden echten Filmliebhaber und eignet sich wunderbar als Geschenk für Gleichgesinnte. Eine Entdeckungsreise ist diese Sammlung, eine echte Fundgrube, die den Blick auf das Kino schärft. Man verschlingt die extrem kompetenten, auch humorvollen Texte förmlich, und lernt einiges dabei, zum Beispiel, wie sehr das deutsche Kino, das aus verschiedenen Gründen auf dem großen Parkett bislang nur ganz selten konkurrenzfähig war, heute internationalen Ansprüchen hinterherhinkt, (schönen Gruß an Til Schweiger und Konsorten), dass man sich auch in Filme verlieben kann, die eigentlich etwas misslungen sind, und andere entdecken kann, die zu Unrecht als misslungen gelten. Man bekommt riesige Lust, sich die vielen, zumeist wenig oder gar nicht bekannten Filme auf DVD zu besorgen sofort und in den Player zu legen. Danke, Dominik Graf!"Schläft ein Lied in allen Dingen,die da träumen fort und fort,und die Welt hebt an zu singen,triffst du nur das Zauberwort."