Zum Buch Selbststeuerung, Die Wiederentdeckung des freien Willens von Joachim BauerDas Buch von Bauer bietet auf jeder Seite eine solche Fülle von lebenswichtigen Erkenntnissen, dass der Schreiber einer Buchbesprechung fürchten muss, das Ganze zu verwässern, wenn er nicht Wesentliches trifft. Wie dem auch sei, es muss geschrieben werden, um das Interesse anderer potentieller Leser zu wecken.Was ist gemeint, wenn von Selbststeuerung die Rede ist? Warum ist Selbststeuerung zu empfehlen? Was soll sie bewirken? – Ich beeile mich zu zitieren (S. 9): „Ihr tiefer Sinn liegt darin, unser ganz eigenes, wahres Leben zu leben und zu uns selbst, zu unserer ureigenen Identität zu finden.“ – Aber dann: S. 12: „Wie finden wir den Weg aus einer von Selbstverlust, verlorener Selbstbestimmung und Stress gekennzeichneten Situation?“ – Beim konzentrierten Lesen wird jeder wohlwollende Betrachter brauchbare Hilfestellung finden.Was es bedeutet, sich selbst verloren zu haben, nicht mehr selbstbestimmt zu existieren und sich dem krank machenden Stress nicht mehr entziehen zu können, das wird dem Leser auf vielen Seiten und mit immer wieder neuen überzeugenden Beispielen klar gemacht. Es gibt nichts Wichtigeres, als sich selbst zu „reparieren“, wo nötig. Selbstfürsorge, ja, im eigenen und im Interesse der Mitmenschen, die wir damit gleichzeitig sanieren. Es geht darum, glücklich zu werden, dabei aber gut zu unterscheiden zwischen hedonistischem und eudämonischem Glück. Vergnügen, Lust, Genuss – soweit geht es um sinnliche Begierde, die ihren Sinn und ihre Bedeutung behalten soll. Aber es muss Raum gelassen werden auch für das, was Platon meint, wenn er Eudämonie dagegen schlicht als Freude deutet. Es ist jenes Glück, aus dem die Kraft erwächst, sich längerfristige Ziele zu setzen, tiefe und sinnhafte Erfahrungen zu machen. (Kein Gutmenschen-Gerede oder –tun! – Lassen wir uns nicht verwirren von solchen, die ja auf der Seite der Verteidiger der These stehen: es gibt keinen freien Willen. Wer Obiges ablehnt, sich gar lustig macht darüber, hat sich selbst verloren. Was das heißt? Lesen, bei Bauer lesen!) – Eine Voraussetzung für Selbststeuerung ist immer auch: Beziehungen pflegen, im Gespräch mit einem anderen die Perspektive dieses Gegenübers – ein Versuch – zu übernehmen. Sich selbst eher vergessen als sich für wichtig halten. Bei der Verwirklichung einer Aufgabe an das Ziel denken, an Sinn und Nutzen für den anderen.Wenn Bauer Selbstdisziplin empfiehlt, ist da nichts von schwarzer Pädagogik, die seelisch beschädigt. Dagegen kämpfte zwar auch die 68-er-Generation. Zunächst wurde das allgemein begrüßt, dann aber gerieten diese Prediger der anti-autoritären Erziehung doch auch in falsches Fahrwasser. „Die seinerzeit heftige Welle dieser Bewegung ist nur scheinbar abgeebbt.“ Noch mehr: „Ihr Wasser wurde auf die Mühlen einer gewaltigen Konsum- und Medienindustrie umgeleitet, welche die einst von den 68ern propagierten Slogans kurzerhand zu Werbeslogans ihrer Produkte machte.“ – Wen wir heute als Hauptleidtragende vor uns sehen: die Kinder und Jugendlichen, die undiszipliniert alles und jedes ergreifen, weil es farbig, bebildert und bewegt ist. Smartphones unaufhörlich und überall. Der Geist schweift von Hü nach Hot. Fähigkeit zur Selbstkontrolle? – Nein, ganz anders: krank machendes Tun, Suchttendenzen mit Schulversagen.– Bauer wird zum Rufer in der Wüste: hört auf, kommt zu Euch, besinnt Euch, sprecht mit dem konkret da sitzenden Nebenmann, nicht mit den Pokémon-Wichten in der virtuellen Welt. – Und solche Versuchungen erkennen, sich bewusst machen, welche Folgen solche Existenzweisen auf unsere Psyche und, ja und auch auf unsere Biologie haben. Alles, was wir mental in uns eingehen lassen, hat eine neurobiologische Fundierung zur Folge, das heißt, alles wird in Netzwerken unseres Gehirns festgeschrieben. An der graphischen Darstellung S. 54 soll erkannt werden: – im oberen Bereich der Stirnhöhle liegt der präfrontale Cortex, im darunter liegenden Bereich die Ebene des Basis- oder Triebsystems –. Beide Systeme sind miteinander verbunden bzw. erhalten Impulse vom jeweiligen anderen System. Hier spielt sich ab, was der Mensch im Bereich Emotionen (Belohnungs- und Angstempfindungen) erlebt bzw. selber mit mehr oder weniger freiem Willen beeinflussen kann.Daher spricht Bauer auch wiederholt von dem neurobiologischen Korrelat, einer Art Stempel, der im Körperlichen nachweisbar wird. Von jeder psychischen Aktivität werden Spuren wie in eine Matrix eingezeichnet. Wer sich das bewusst macht, wie das menschliche Gehirn und mit ihm der ganze Körper darauf reagiert, mit Resonanz reagiert, erkennt, dass es nicht so einfach ist, solche „Verschaltungen“ aufzulösen. Die Psychotherapeuten sollten alles und jeden einzelnen wieder „reparieren“. Leichtes Geschäft? – Wie viele Therapien werden abgebrochen: kein Ergebnis. Besser an eigene innere Kräfte glauben. – Bauer weiß, wie viel getan werden muss, um den Menschen klar zu machen, dass auch die Emotionen eine wichtige Rolle selbst für den Verstand spielen.Sodann widmet Bauer sich der Beschreibung all jener aus nicht aufgebauter Selbststeuerung resultierender Krankheiten. Jede Krankheit entsteht aus Vernachlässigung seiner Fähigkeiten zur Selbsthilfe. Jede Krankheit ist auch das Ergebnis von Überforderung. Das Wort Stress ist zu leicht daher gesagt. Wir müssen begreifen, was da überfordert, überzogen, überanstrengt, überbewertet wurde. Auch was an Motiven dahinter steckte. Wir meinen, das richtige zu tun, wenn wir uns so voll und ganz einsetzen, auch für andere, aber schon macht es Klick, zu weit gegangen. – Selbstfürsorge mangelhaft. Es gibt dennoch den „inneren Arzt“, dessen Rolle wir selbst auch als Kranke übernehmen können. Und wo die Motivation wirklich eine gute war, wird dieser innere Arzt auch wissen, wie er dem Überforderten, also sich selbst, zu Hilfe eilt. Das heißt: Konkrete Pläne machen, wirksame Strategien der Stressbewältigung entwerfen. – Auch hier ist es das Innehalten, das Reflektieren, das Antizipieren, Fähigkeiten, die auf schönste Weise belegen, dass ein Mensch von seinem freien Willen Gebrauch macht.Wem also der Lebenssinn genommen wird, indem von der Determiniertheit seines Wollens geredet wird, der muss in depressive Phasen verfallen und ist aufnahmebereit für weitere, seine Gesundheit schwächende Einflüsse. Denn er steckt nun in einem Vakuum, einem existentiellen Vakuum. Wer sein Leben wegwirft, war lange Zeit depressiv. Und wenn auch unser Entscheidungsspielraum nur ganz klein ist, er ist aber da. Es gibt das Zögern: soll ich dies tun oder soll ich jenes unternehmen? – Antizipieren der Folgen! Nun entscheide, Mensch.Auch sogenannte Dispositionen oder die Biochemie seines Gehirns können nicht als Beweis dafür genommen werden, dass der Mensch nicht in veränderter Situation neu reflektieren kann und demzufolge zu einer Entscheidung kommen kann, die sich von einer bis dahin gewählten unterscheidet. Wer das wirklich verstanden hat, fällt auf jene „Neuro-Experten“ nicht herein, die da glauben, dem Menschen jede innere Freude über bewusst gewollte Veränderungen nehmen zu sollen.Zur weiteren Verteidigung der „Entdeckungen“ von Bauer lese man die Rezension von Lüder Deecke. Er belegt auch die wissenschaftliche Fundiertheit seiner Thesen. („Bauer stellt neurobiologisch begründete Zusammenhänge zwischen der Fähigkeit des Menschen, einen Willen zu entwickeln und den Selbstheilungskräften im Falle einer Erkrankung dar.“)Für Bauer kann gelten, was von allen Geistesgrößen gesagt werden kann: sein spirituelles Interesse liegt fernab von jeder Bezogenheit auf eine bestimmte religiöse Glaubenshaltung, er sucht die Kraftquellen des Lebens in persönlichen Begegnungen.Das ganze Buch von Bauer habe ich gelesen als ein Gespräch mit diesem großartigen Menschen. So wie er mich angesprochen hat, so ganz sicher auch die große Zahl der übrigen Leser. Ich rate allen Menschen: Selbststeuerung als Demenzprophylaxe – das ist der Titel des letzten Kapitels.Was treibt jene „Soziobiologen“ an, die es sich zum Anliegen machen, die Vorstellung vom egoistischen Gen zu pflegen und für die Verbreitung der Thesen vom unfreien Willen zu sorgen? Nur wissenschaftlicher Ehrgeiz?Was die Kritiker betrifft (es geht um jene Autoren von Rezensionen, die da glauben nachweisen zu müssen, dass Bauer diese Autoren nicht richtig verstanden habe), die mit ätzendem Spott über Joachim Bauers angeblich unzureichende wissenschaftliche Beweisführung sprechen (bezogen auf die Widerlegung von Darwin, Dawkin und Singer, auch Konrad Lorenz) bin ich jedenfalls entsetzt über den Tonfall und die offenkundige Absicht, Bauer zu diskreditieren.Bauers eigentliches Anliegen mit seinem Werk „Das kooperative Gen“ (als Kritik an dem „Das egoistische Gen“) bestand nicht etwa darin, diese Wissenschaftler mit hoch-wissenschaftlichem Instrumentarium nach allen Regeln der „Kunst“ zu widerlegen, es ging ihm/ geht ihm, so denke ich, in erster Linie darum, all jene verunsicherten Menschen wieder aufzurichten, die sich von deren Thesen existentiell verunsichern ließen und in tiefe Lebenskrisen stürzten (Vgl. „Prinzip Menschlichkeit“ – Warum wir von Natur aus kooperieren).– Die These von den Genen, die selbst unveränderlich auch im Menschen das Gesetz der Entwicklung bestimmen, hat Bauer widerlegt, indem er zeigt, dass Gene nicht nur steuern, sondern auch selbst gesteuert werden. Wo Veränderung im Menschen abläuft, wo es Erlebniseindrücke gab, da setzten sich gleichzeitig die Gene in Bewegung. Bauer spricht hier von Genaktivatoren.Die Hinführung des Menschen zu dem Glauben an eigene innere Kräfte, die geweckt werden können und die jedes Individuum psychisch und physisch gesund machen können, ist ein hoher Akt der Menschenliebe und kann nicht hoch genug eingeschätzt werden. Angeboren sind uns nur die Potentiale, was wir daraus machen, ist unsere persönliche Sache.Regina Zern