Über zwei Milliarden Menschen leben weltweit in Armut, leiden unter Hunger, Unterdrückung und Krieg. Über 65 Millionen von ihnen waren allem im letzten Jahr auf der Flucht, viele erhoffen sich ein besseres Leben in Europa oder Nordamerika. Hilfe tut also dringend not - aber sind offene Grenzen die richtige Antwort auf das Elend in der Welt? Diese Ansicht findet viele Fürsprecher, doch der Philosoph Julian Nida-Rümelin ist überzeugt: Offene Grenzen würden das Elend nicht wesentlich mildern, sondern die Herkunftsregionen weiter schwächen und die sozialen Konflikte in den aufnehmenden Ländern ve rschärfen. Eine Lösung für die beschämenden humanitären Skandale unserer Zeit sind sie nicht. In seiner Ethik der Migration schlägt Nida-Rümelin eine Brücke zwischen Philosophie und Politik: Politisches Handeln muss auf den Werten und Normen der Humanität beruhen. Nur so können verantwortungsbewusste und zukunftsträchtige Entscheidungen getroffen werden. Gerade weil solche Entscheidungen in der Migrationspolitik komplex sind und Dilemmata unvermeidlich, brauchen wir die Verfasstheit m Staaten: Sie bieten unverzichtbare politische Gestaltungsspielräume. Denn ob es uns gelingt, die weltweite Armut und Perspektivlosigkeit in den Ursprungsregionen wirksam zu bekämpfen, wird zum Lackmustest unserer Menschlichkeit. Ursprünglich erschienen in der Edition Körber.
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Redaktion02.07.2026
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Ein sehr interessantes und wichtiges Buch, das zum Nachdenken anregt, allerdings die Darstellung der globalen Probleme könnte noch tiefer gehen.
Das Buch ist wohltuend klar nach dem heillosen Durcheinander von Begriffen, Kategorien, Zahlen und sachlich falschen Argumenten in den letzen zwei Jahren.
Dieses Denken „über Grenzen“ zeichnet sich durch einen erfrischenden Realismus aus, das manche Professoren in ihren Fach-Grenzen vermissen lassen, indem sie etwa die nationalen Grenzen gänzlich aufheben wollen. Nida-Rümelins „Ethik der Migration“ folgt überhaupt keinem einseitigen, dogmatischen ethischen Imperativ. Es handelt sich um eine reflexive Kultivierung des gesunden Menschenverstandes oder des von diesem getragenen Werturteils. Der Autor nennt dieses Vorgehen „kohärentistisch“, also auf Kohärenz und Berücksichtigung vieler Gesichtspunkte beruhende Wertung durch die „ethische Urteilskraft“, die durch keine Theorie zu ersetzen sei. „Jedes Argument, das wir vortragen, hat seine letzte Rechtfertigung nicht in den Postulaten der einen oder anderen ethischen Theorie, sondern in der Praxis normativer Stellungnahmen, die wir teilen. Ethik und Philosophie generell sind nur eine Fortführung dieser Praxis, sie versuchen, einen Beitrag zu ihrer Systematisierung zu leisten, und nicht, aus dieser auszusteigen, sie zu zerstören oder neu zu konstruieren“ (17 f). Die so verstandene ethische Urteilskraft bewahrt ihn vor unfruchtbarem und weltfremdem Moralisieren.Die Migration, die das Buch primär ins Auge fasst, ist allerdings nicht die faktisch in Deutschland schon geschehende humanitäre Hilfeleistung aufgrund der Bürgerkriegsmigration sowie der Armutsmigration, sondern die von einem „kosmopolitischen Gesichtspunkt“ her betrachtete mögliche und künftige. Hierdurch unterscheidet sich der Gedankengang von der derzeitigen Diskussion der Parteien über die Flüchtlinge in Deutschland. Nida-Rümelin stellt von solch hohem kosmopolitischen Standpunkt schon früh (S. 98) die These auf: dass die Weltprobleme grundsätzlich nicht durch Migration zu bewältigen seien, dass sie im Gegenteil neue Ungerechtigkeiten in den durch Abwanderung der Fähigsten betroffenen Ländern schaffe. Das ist im Vergleich zur derzeitigen europäischen und deutschen Diskussion ein überraschend neuer, wichtiger Blick, der sich in „Sieben ethischen Postulaten für die Migrationspolitik“ konkretisiert und dabei doch nahe an die derzeitige Diskussion heranführt: 1. Sie muss zu einer humaneren und gerechteren Welt im Ganzen beitragen, 2. In den Einwanderungsgesellschaften muss Migration als Bereicherung, nicht als Bedrohung wahrgenommen werden können. 3. Migrationspolitik muss mit dem Selbstbestimmungsrecht der aufnehmenden Bevölkerung vereinbar sein. 4. Sie darf soziale Ungleichheiten im aufnehmenden Land nicht verschärfen. 5. Besonders die wirtschaftlich motivierte Migration muss mit Kompensationen der Herkunftsländer einhergehen. 6. Transferzahlungen an die Herkunftsländer seien der Migration vorzuziehen. 7. „Verlange von der Migrationspolitik nichts, was du nicht auch in deinem sozialen Nahbereich akzeptierst“ (154). Würden Sie z.B. akzeptieren, wenn plötzlich zum Frühstück ein friedlicher Hungerleider in Ihr Wohnung eindränge? Nida-Rümelin verteidigt die Grenze seines Hauses, wenngleich er mit dem Eindringling eine andere Hilfsleistung vereinbaren würde. Diese Haltung entspricht einerseits seiner deutlich artikulierten Empörung über die unnötig ungerechte Verteilung der Güter in der Welt, anderseits seiner Verteidigung von Grenzen und humaner Selbstbestimmung auch der besser Situierten. „Dazu bedarf es nach meiner festen Überzeugung nicht nur des guten Willens einzelner Regierungen, sondern vor allem des schrittweisen Aufbaus globaler Institutionen“ (178). Der geballten Urteilskraft des Verfassers (die selbst durch manche Übungen in akademischer Ethik nicht getrübt wird, wenngleich er sich von seinen früheren sprachanalytischen Trockenübungen verabschiedet hat), ist soweit kaum etwas entgegenzusetzen.„Der humanistische Individualismus, der den philosophischen Hintergrund dieses Essays bildet, wendet sich insofern gegen den Multikulturalismus“, gemeint ist wohl als Nebeneinander unterschiedlicher Kulturen auf einem Gebiet. Vom Einzelnen her gehe es aber darum, in „multikulturell verfassten Gesellschaften“ nach persönlichem Bedürfnis zu navigieren (147). In diesem wichtigen Punkt bin ich anderer Auffassung und treffe die strukturelle Unterscheidung von jeweils gastgebender Kultur und Gastkulturen. Die letzteren haben m.E. zwar das Recht auf landsmannschaftliche Traditionspflege, jedoch keineswegs auf dauerhafte kulturelle Enklavebildung. Dadurch ist auch der Unterschied zwischen Integration und Assimilation (mit dem viel Doppelspiel betrieben wird) m.E. nur als vorübergehender anzuerkennen. Dass unser früherer Kulturstaatsminister in diesem Punkt – aufgrund seines „humanistischen Individualismus“ - nicht klarer sieht, halte ich für ein erhebliches Defizit, das nur durch jene unklar formulierte Einschränkung gemildert wird. Denn gemeinsame Kultur ist nichts anderes als die gelebte Gemeinschaft der (genügend unterschiedlichen) Menschen selbst.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 19:39 Uhr.