Xue Mo: Die Riten der WüsteÜbersetzt aus dem Chinesischen von Peter KolbBACOPA Verlag, Scihiedelberg/Österreich, 2020, ISBN 978 390 307 1650, 592 S., mit Kalligraphien und Fotos des AutorsKrasse Gegensätze in der Landschaft, ebensolche in der Gesellschaft"Wildes China" ist der Titel einer Serie, die derzeit im deutsche Fernsehen zu betrachten ist. Beschäftigt man sich mit den Fotos, die Xue Mo, einer der führenden zeitgenössischen Autoren Chinas, seinem umfangreichen Roman beigefügt hat, so stellt sich ein ähnlicher Eindruck ein wie beim Betrachten der Bilder im Fernsehen: eine grandiose, überwältigende Landschaft. Dabei spielt die Wüste, die einen erheblichen Teil von Chinas Landfläche ausmacht, in dem Film, soweit bisher bekannt, gar nicht einmal eine besondere Rolle. Das Großartige, Monumentale von Gebirgen und Gewässern ist das Thema des Films, aber auch immer schon der traditionellen chinesischen Malerei. Es sind in den alten Bildrollen in Shang-Shui (Berg und Wasser)-Manier immer auch Menschen zu sehen, aber sie sind ganz klein und unauffällig in das Bild eingefügt.Die Wüste als Thema ist neu, aber die Einstellung der überwältigenden Landschaft gegenüber entspricht dieser alten chinesischen Tradition, und auch die Rolle der Menschen, die mit dieser Landschaft leben– besser gesagt; an ihrem Rande, denn dauernd in der Wüste leben ist wohl nicht möglich - , ist ganz ähnlich: Was ist schon unser Leben, unser Schicksal, unsere Verantwortung, unsere Moral angesichts der Wüste. Dieser Weite, dieser Ruhe, diesem Wohlbefinden, diesen Schrecken, dieser Unerbittlichkeit, dieser Grausamkeit, die die Wüste als Erlebnislandschaft bietet, kommt nichts gleich.Die Bildhaftigkeit der Sprache von Xue Mo beeindruckt. Man möchte gleich einmal diese Wüste auch erleben können. Aber würde man mit den Menschen dort zurechtkommen? Es ist ein kleines Dorf, ein eng begrenzter Lebensraum, nur wenige Menschen, die nach der Abwanderung vieler Jüngerer noch das bäuerliche Leben aushalten oder aushalten müssen – mit den wenigen Höhepunkten eines Ausflugs in die Wüste oder einer Jagd mit Falken auf die dort leben Kaninchen oder – wenn es hoch kommt – Wüstenfüchse. Zu den Ansprüchen an Geschick und Lebenstüchtigkeit, die die Landschaft stellt, kommen noch die Schwierigkeiten, die das politische System mit Familien- oder auch Abgabenpolitik mit sich bringt, kommen noch die Probleme, die sich an die chinesische Mystik und die alten Traditionen heften, hier vor allem der Glaube an die Macht der Ahnen und die Überzeugung von der überlegenen Bedeutung des männlichen Geschlechts. Stärkere Gegensätze als die Freundlichkeit im menschlichen Umgang und brutale Härte, wenn ein menschliches Problem anscheinend nicht anders lösbar ist, sind kaum vorstellbar. Die Verachtung, mit der man Frauen begegnet, und die Liebe, mit der die Frauen ihre Familie umsorgen und auch selbst umsorgt werden, existieren – fast möchte an sagen harmonisch – nebeneinander.Ein Aspekt, nicht unbedingt das vorrangige Thema des Buches, aber weltweit für menschliches Unglück verantwortich, ist die Darstellung des alles in den Schatten stellenden Anspruchs auf einen männlichen Nachkommen. Die im Roman behandelten Ereignisse in diesem Zusammenhang sind bewegend, aber das Thema sollte in unserer auf Integration bedachten Gesellschaft viel genauer und explizit behandelt werden, findetKarinIm Nachtrag ein Wort zur Übersetzung: Es ist eine riesige Fleißarbeit, die der deutsche Übersetzer – ausgewiesener China-Kenner – auf sich genommen hat. Man kann ihm nur herzlich dafür danken,ein weitgehend unbekanntes China auf diesem Wege in Deutschland bekannt gemacht zu haben. Dem Buch möchte man weite Verbreitung wünschen.
Eigentlich wissen wir viel zu wenig über das heutige China, da liest man allenfalls SF aus China oder Corona-Tagebücher, ansonsten kennt man doch allenfalls seeeehr alte chinesische Literatur... und das ist ein Fehler, das sollte mit diesen Riten hier schleunigst geändert werden:Jede Seite ein Genuss, tiefe und vor allem sehr glaubhafte Einblicke ins chinesische Leben der kleinen Leute, gefällt alles sehr gut, gerne mehr davon ... naja, vermutlich gibt es schon sehr viel Gutes aus dem Land der Mitte, leider erreicht es uns oft nicht.Mit Filmen ja ganz ähnlich: viele Juwelen mit großartigen (Jung-)Schauspielern und tollen Themen können sich gegen unseren Hollywood-Mainstream-Stampf leider nicht durchsetzen, hier sei beispielhaft der Film „better days“ mit den großartigen chinesischen Jungstars Zhou Dongyu und Jackson Yee genannt,aber zurück in die Wüste: toller Plot, tolles Personal, flüssige Übersetzung, absolut Langnasentauglich,Leute: erweitert Euren Horizont,die zeitgenössischen Inder und Japaner sind literarisch längst im alten Europa angekommen,jetzt geht hoffentlich mit den „Riten der Wüste“ in China die Sonne auf!