Dieses Buch von Ludwig Hasler über «ein Alter, das noch was vorhat» und über das aktive Mitwirken und Mitgestalten an der Zukunft empfinde ich als äusserst reichhaltige Inspiration. So prallvoll mit originellen und wertvollen Impulsen, dass ich es am liebsten gleich dutzendfach weiterschenken möchte. Und zwar nicht nur an die wachsende Gruppe der Ü-60-er, für die es eigentlich geschrieben ist, sondern auch an alle anderen, die sich Gedanken machen über tiefere Sinnhaftigkeit und kreativ-konstruktiven Austausch zwischen den Generationen.Richard Brusa, Grosswangen / Luzern
Nur ein Schweizer Biedermann kann auf die spleenige Idee kommen, das Glück im Alter sei in längerer Lebensarbeitszeit zu suchen. Das ganze Buch ist letztlich für genau diese Behauptung geschrieben und kommt deshalb wie ein Auftragswerk für gebeutelte Pensionskassen und Rentensysteme daher. Kein Wunder wird der Autor gerne an alle möglichen Anlässe eingeladen. Die Beweisführung für seine obige These ist aber dermassen dürftig, dass man das Ganze ruhig links liegen lassen kann. Sehr spiessig ist auch die Anbiederung an den Zeitgeist via Hin- und Hergehüpfe bei den weiblichen und männlichen Berufsbezeichnungen.Das Buch las ich beinahe zeitgleich mit dem verwandten «Alt sein wie ein Gentleman» von Sven Kuntze. In bestimmter Hinsicht sind es Zwillinge: Beides sind Produkte betagter Journalisten, die ihren Bekanntheitsgrad in der Kohorte der gutgeschulten Alten einigermassen halten konnten – und ihn weidlich ausnutzen. Beide Autoren sind gleichgeschaltet sozialisiert: Durchlauf Gymi, Phil. I-Fakultät einer Uni, belehrender Journalismus. Deshalb auch gleichen sich die Bücher in einer Unart, die nur von dieser Absolventengruppe mit Liebe gepflegt wird: Zitate, Zitate, Zitate von allen möglichen Philosophen, Schriftstellern etc. quer durch die Jahrhunderte. Nur Phil-I-er können in dieser Penetranz zitieren, um geradezu manisch ihre Bildung hervorzustreichen. Die absolute Spitze erreicht unser Autor bei der von niemandem bestrittenen These, der Mensch sei ein soziales Wesen. Dafür ruft er den «Aristoteles und 127 weitere Grossdenker» an (S. 83). Ja, bravo, das ist aber eine Meisterleistung.Davon abgesehen irrlichtert der Verfasser zwischen einigen gelungenen Abschnitten und vielen mühsamen und langweiligen. Was den Hauptgedanken der Arbeit im Alter betrifft, den beweist er mit ganzen drei Beispielen aus seinem Umfeld. Ein alter Fernwärmetechniker, ein alter Arzt und eine alte Blumenverkäuferin erscheinen ihm ganz einfach glücklicher als andere und flupps haben wir den «Beweis». Es könnte ja auch sein, dass deren Antrieb Geldgier, Flucht vor Langeweile und Rechthaberei ist oder dass ihrem glückseligen Anschein Antidepressiva nachhelfen. Aber nein, nix da, die drei Glücklichen sind glücklich, weil sie in hohem Alter immer noch in den Zwängen des Berufslebens stecken. Ja wer will, bitte sehr. Im übrigen sehen wir quer durch das Buch eine typische Journalisten-Unart. Man zitiert das, was einem in den Kram passt und unterschlägt alles andere. Die Griechen z.B. verachteten die Arbeit, hielten sie für Sklavensache, und das Christentum sah die Arbeit als eine Folge der Vertreibung aus dem Paradies.Die Beweisführung ist aus meiner Sicht faul und ergebnisbezogen. Wäre der Autor ehrlich, würde er seinen einseitigen Philosophenkram in der Kiste ruhen lassen und einfach sagen: Ökonomisch können wir uns das aktuelle Rentensystem nicht leisten. Das wäre diskutabel, aber immerhin etwas Handfestes anstelle von subjektiver Meinung und – Zitaten.Nachher lässt sich der Autor noch seitenlang aus über die Erfahrung von Alten. Mag sein, aber all die weitschweifigen Hymnen auf irgendwelche Erfahrungen treffen bereits auf das mittlere Lebensalter zu und danach ist es rasch einmal fertig mit brauchbarem Erfahrungszuwachs. Auf S. 111 versteigt sich der Autor arg und behauptet vom uralten Arzt doch allen Ernstes, der sei in seiner Rolle unersetzbar. Ist er nicht, die Friedhöfe sind nach einem Bonmot voll von solchen Unersetzbaren. Was der Autor im Buch propagiert ist unausgegorenes Zeug zur Rechtfertigung der eigenen Bedeutung. Würde man die Schwärmerei praktisch umsetzen, würde die Gesellschaft komplett vergreisen, denn vor allem die Elite würde noch mit 90 denken, sie sei unersetzbar.Das Buch hat wie gesagt einige gute Zeilen. Manchmal ist die Kritik am Verhalten von Alten auch berechtigt. Davon abgesehen überwiegen die negativen Aspekte wie: unnötige und überbordende Zitiererei, ödes Definitionsgeschwätz, Anbiederung an den Feminismus, Einschmeicheln bei den Alten und ihrer angeblichen Erfahrung, vor allem aber das Behaupten ohne Beweis dafür mit Zitaten. Mein Abschlusswunsch: Liebe Verleger, bitte lasst einmal einen Ingenieur oder Naturwissenschaftler seine Sicht des Alters darlegen und nicht immer diese unerträglichen «Geisteswissenschaftler».Nachtrag vom 26.4.2020Wegen Corona bzw. dessen Folgen las ich wieder einmal Bücher, die ich behalten habe und behalten werde. Was Werke über das Alter betrifft, behauptete ich in einer Rezension, dass das meiste Schrott ist. Aus meiner Sicht ganz und gar nicht zu diesen geschwätzigen Tageswerken gehören folgende sehr empfehlenswerte Bücher:• Norberto Bobbio, Vom Alter; italienischer Rechtsgelehrter; geschrieben als er gegen 90 Jahre ging; hat Züge einer Autobiografie, jedoch kluge, scharf formulierte Gedanken zum Alter und Altern; eher melancholische bis pessimistische Grundstimmung; dezidierter Gegner des von der Werbung angepriesenen frischen, sexy, quicken und optimistischen Alten und dem Werbespruch «Geniesse das Alter».• Jean Améry, Über das Altern; österreichischer Schriftsteller; Widerstandskämpfer und Opfer des Nationalsozialismus; geschrieben als er gegen die 50 ging; philosophischer Essay; Inhalt nicht ganz einfach zu lesen, aber wegen klarer Haltung und durchdringender Gedankenführung schlicht brillant; nicht empfehlenswert für depressive Naturen; der Autor schrieb auch noch den Essay «Hand an sich legen»; Freitod mit 66 Jahren• Mehrere Autoren, Gutes Leben im Alter (rezensiert); zahlreiche Auszüge aus Werken von Philosophen und Schriftstellern von den Alten Griechen bis in die Neuzeit; ausgezeichnete Sammlung, in die jederzeit mit Gewinn hineingelesen werden kann.