In meiner Ausgabe als E-Book befindet sich nur der Roman "Das Dorf", deshalb bezieht sich meine Rezension allein darauf.Schauplatz ist ein Landgut mit Namen Durnowka, das dann weiter hinten im Text als Vorwerk bezeichnet wird. Es liegt im südrussischen Steppengebiet, an einer breiten Schlucht, "auf der einen Seite die Bauernkaten, auf der anderen Seite der kleine Gutshof". (Pos. 415) Das Potential des Schwarzerdegebiets und die eindringlich beschriebene Armut seiner Bewohner bilden einen von Bunin problematisierten Gegensatz.Der Autor porträtiert in diesem Roman, den er von 1909 bis 1910 im realistischen Stil geschrieben hat, die beiden Brüder Tichon Iljitsch und Tusma Iljitsch Krassow, die aus armen Verhältnissen stammen und das Landgut erworben haben, wobei sie selbst als Gutsherren nur gerade so überleben können. Tichon hat die Mentalität eines kleinen Krämers, während Kusma ein Intellektueller ist, der literarische Schreibversuche gemacht hat, aber als Schriftsteller erfolglos geblieben ist. Darüberhinaus gibt es zahlreiche weitere Charaktere überwiegend aus dem Volk, die das Buch bevölkern. Auch die Revolution von 1905 spielt eine Rolle. Tichon macht sich keine Illusionen: "die hätten mich erbarmungslos totgeprügelt, wenn es richtig losgegangen wäre." (Pos. 2767) In Durnowka bleibt es jedoch bei einer kleinen Rebellion, die einfach so wieder in sich zusammenfällt.Das Buch ist zwar in dritter Person geschrieben, aber doch sehr stark aus der Perspektive des jeweiligen Hauptprotagonisten. Im ersten Kapitel ist das Tichon, im zweiten und dritten Kapitel Kusma. Es wird nicht direkt eine Handlung erzählt, sondern Bilder, Szenen und Episoden aneinandergereiht, fast wie in einer Art Gedankenstrom der Hauptprotagonisten. Im Gegensatz zum völlig unsympathisch dargestellten Tichon erzeugt Kusma noch einen kleinen Rest von Sympathie beim Leser. Er macht sich Gedanken über den Zustand des Landes, das geprägt ist von Armut, Elend, Seuchen, Unbildung und Schmutz, und verurteilt den Gleichmut und die Gefühllosigkeit des Volkes. Da er sich selbst daraus nicht lösen kann, scheitert er am Ende genauso wie Tichon. Im Gegensatz zu Tichon, der kaum aus dem Dorf herausgekommen ist, hat Kusma auch die Stadt kennengelernt, aber er sieht Russland geprägt von Dörfern. "Ganz Russland ist ein Dorf", heißt es an einer Stelle. Er fühlt sich in Durnowka "wie Dreyfus auf der Teufelsinsel". (Pos. 2360)Die Großstadt, die Kusma kennengelernt hat, ist im übrigen Woronesch, die Geburtsstadt Bunins. Ich weiß nicht, ob sich Bunin in Teilen mit dieser Figur identifiziert. Es wird auf jeden Fall auch Ironie deutlich, wenn er schreibt, dass sich Kusma als Anarchist empfindet, aber nicht erklären kann, was das ist. Außerdem ist er gegen Slawophile. Tichon hingegen macht Sündenböcke für Fehlentwicklungen verantwortlich, namentlich Juden, Studenten und Sozialdemokraten. Er hat Gewaltausbrüche, die sich gegen das Gesinde und Frauen richten.Bunin soll die Abschaffung der Leibeigenschaft kritisch gesehen haben. Dieses 45 Jahre zurückliegende Ereignis wird in dem Buch erwähnt. Offensichtlich wollte der Autor die Entfremdung der freien Bauern und der armen Gutsbesitzer voneinander darstellen. Die Sprache, in der der spätere Literaturnobelpreisträger deprimierende Verhältnisse ohne jede Aussicht auf Besserung beschreibt, ist meisterhaft und Anlass, bei der Lektüre bis zum Ende durchzuhalten. In der Übersetzung von Dorothea Trottenberg, die erst 2011 fertig gestellt worden ist, entspricht der Text dem heutigen Sprachgebrauch im Deutschen, ist also nicht antiquiert.Alle Rezensenten heben die meisterhaften Naturbeschreibungen hervor. Die Natur wird in diesem Roman allerdings im wesentlichen als feindlich wahrgenommen, es gibt Hitzeperioden, Regenperioden und Schneestürme. Zwischenzeitlich hat Kusma daran gedacht, sich zur Ruhe zu setzen und einen Garten zu bestellen, was an den berühmten letzten Satz in Voltaires Candide erinnert. Daraus wird nichts, und Kusma denkt deprimiert, dass die Gegend das ganze Jahr über nichts weiter als 8 Monate Schnee und Eis und 4 Monate Regen zu bieten hat. Gleichwohl gibt es liebevolle Naturbeschreibungen bis hin zu Farbstimmungen und den Gesang der Nachtigall.Auch wenn dies normalerweise Sachbüchern vorbehalten ist, vermittelt dieser Roman ein nachhaltiges Bild der Verhältnisse im ländlichen Russland zu jener Zeit. Ich bewerte ihn mit 4 Sternen.
Iwan Bunins interessanteste Werke mit gesellschaftlichem Bezug sind neu übersetzt erschienen. Es lohnt sich einen Blick zu werfen auf den ersten russischen Literaturnobelpreisträger, zumal die Erzählungen künstlerisch wie im Bezug auf den Plot sehr reichhaltig und dicht sind. Beide behandelten Gesellschaftsschichten, also die Bauernschaft im "Dorf" und der Adel in "Suchodol", haben während und nach der Oktoberrevolution den größten Wandel ihrer Lebensweisen und Gewohnheiten erlebt und so ist es Bunin gelungen, einen poetischen und zugleich realistischen Blick auf deren zaristische Lebensumstände zu gewähren. Ähnlich wie Tschechow und anders als Tolstoj verzichtet er dabei auf epische Ausgestaltungen und moralische Zeigefinger, sondern ist ehrlich und konzentriert sich auf das Wesentliche. Beide Daumen nach oben!