Sie sind alle Waisenknaben, die so genannten neuen Bestseller-Atheisten, wie der englische Biologe Richard Dawkins ("Gotteswahn") und die weiteren Kirchen-Kritiker, die zur Zeit die Regale der Buchhandlungen füllen, Waisenknaben gegenüber diesem Friedrich Nietzsche. Man sollte zu den Quellen, zu den "Urtexten" gehen, wenn man zu diesem Thema etwas erfahren möchte. Man sollte erst das "Original" lesen, danach die Sekundäre Literatur.Was Nietzsche hier 1888 zu Papier bringt ist an Polemik, Übertreibung, Schärfe und Beleidigungen nicht zu überbieten. Er legt den Finger in die Wunde, er bohrt den Finger tief in die Wunde hinein. Von Höflichkeit, Gelassenheit oder philosophischer Zurückhaltung ist nichts zu spüren. Erbarmungslos legt er die vermeintlichen Schwächen der Religionen und hier insbesondere die des Christentums offen. In dieser beißenden Schärfe und Sprachgewalt ist so etwas wohl noch niemals geschrieben worden.Wie von Vor-Rezensenten und in der Sekundärliteratur beschrieben, muss man gegenüber der Auslegung der Nationalsozialisten einiges klarstellen. Der Übermensch im Zarathustra, der hier natürlich präsent ist, ist nicht der überlegene Arier der Nationalsozialisten, sondern ein in sich weiter entwickelter Mensch auf dem Wege zur Vollkommenheit, nicht gefesselt durch Religion, Konvention und Moral. Er ist der Mutige, der Starke, der Aufstrebende. Duckmäuser und sich unterordnende, sowie sich freiwillig zurücknehmende Menschen finden bei Nietzsche keine Gnade. Wie immer wieder beschrieben, meint er damit nicht den geistig oder körperlich Schwachen, sondern den seelisch und charakterlich Schwachen und Verzagten. Diese "Schwachen" sollen laut Nietzsche natürlich auch ihr "behagliches" Leben führen, aber im 2. und 3. Glied. Es führt der voll ausentwickelte "Übermensch" Nietzsches zum Wohle aller. Genau genommen ist das die Evolution des Darwin, die Nietzsche hier bewusst oder unbewusst zugrunde legt. Das Starke, das Bessere, das Lebenstüchtige setzt sich durch. Ein gefundenes Fressen für die Nationalsozialisten war natürlich der Judenhass, den Nietzsche in diesem Werk immer wieder äußert.Doch irrte Nietzsche? Die Menschen haben jetzt mehr als 10.000 Jahre Zeit gehabt, sich so zu entwickeln wie von Nietzsche vorhergesagt. Doch sie haben es nicht getan. Der Mensch ist noch genauso infam und trügerisch wie vor Jahrtausenden. Und auch dort, wo das laut Nietzsche schuldige Christentum diesen Weiterentwicklungsprozess nicht gestört haben kann, sieht es um den Menschen nicht besser aus. Offenbar funktioniert der Evolutionsprozess bei dem Menschen im seelisch-charakterlichen Bereich nicht mehr. Die Darwinisten werden sagen, was sind Jahrtausende, Millionen-Milliarden Jahre sind das Zeitfenster der Evolution. Es gibt jedoch auch Auslegungen Nietzsches, die nicht von einem fortlaufenden Entwicklungsprozess ausgehen, sondern den Übermenschen als Ausnahmeerscheinung im unendlichen Meer der "behaglich dahinlebenden Menschenmasse" sehen. Aber wo ist er? Wenn man sich die Herrscher und Diktatoren dieser Welt ansieht, erkennt man ihn nicht.Schließlich wird von Siegfried König in seinem Kommentar zur 2013 erschienenen Gesamtausgabe Nietzsches der "Übermensch" einfach als der "voll entwickelte Mensch gesehen, der alle Anlagen entfaltet hat...Eine Formel, ein Schlagwort, ein Bild, in das Nietzsche alles hineinlegt". Also eine Utopie, vielleicht als Ersatz für den von Nietzsche verkündeten "Tod Gottes".Nietzsche bemängelt u.a., dass die Religion den Menschen fessele, ihm das eigene Denken und die eigene Initiative nehme. Er solle sich unterordnen. Die Priesterschaft denke für ihn. Alle Naturgesetze sind laut Nietzsche der Religion ein Dorn im Auge, auch die Sexualität gehöre dazu. Die Religionen verschandeln laut Nitzsche das Diesseits und versprechen dafür ein paradiesisches Jenseits. Das sind alte Argumente, die auch schon vor Nietzsche niedergelegt wurden, nicht jedoch mit diesen zwingenden Folgerungen und Konsequenzen.Man muss Nietzsche nicht zustimmen. Man kann das alles mit gutem Recht ablehnen. Der Leser, der sich zum Atheismus bekennt, der Richard Dawkins und den anderen Kirchenkritikern zustimmt, wird Punkte finden, mit denen er übereinstimmt. Gleichgültig lässt Nietzsche sicher keinen Leser. In solchen dürftigen Zeilen, wie sie hier niedergeschrieben sind, kann man diesem Genius ohnehin nicht annährend gerecht werden.Das Buch ist leicht zu lesen und zu verstehen, abgesehen von einigen Passagen, die sehr in die Religionswissenschaft hineingehen. Auch der überzeugte Christ sollte es lesen, schon um die Argumente seiner Gegner zu kennen. Einen Priester oder Pastor, der das Werk nicht kennt, wird es ohnehin nicht geben.