Thomas von Aquin ist in mehrfacher Hinsicht ein Schwergewicht. Der große scholastische Denker und Kirchenvater ist eine Jahrhundertbegabung als Lehrer, als tiefenscharf formulierender Philosoph und Theologe und man benötigt deutlich mehr Zeit, intellektuell in sein facettenreiches Werk einzutauchen, als er selbst brauchte, um es zu schreiben. Dass Thomas bei all dem noch wie es sich für einen Dominikaner gehörte, zu Fuß quer durch Europa reiste und vielfältige Kontakte pflegte, macht ihn zu einer faszinierenden Persönlichkeit und zu einem lohnenden Forschungsprojekt. Aber wer zu Biografien oder Monografien über Thomas greift, gibt nicht selten nach wenigen Seiten auf oder empfindet die Lektüre zumindest als herausfordernd oder gar beschwerlich. Grund dafür ist die in der Regel monopole Orientierung an Thomas als Theologe oder als Philosoph. Aber wer sich dem Aquinaten auf diese Weise nähert, wird immer nur einen Teil seines vielseitigen OEuvres vermitteln können und den Leser am Ende mit einem Verluserlebnis zurücklassen. Nicht so Hanns-Gregor Nissing. Denn er wählte einen Ansatz, der Thomas gleich in mehrfacher Hinsicht gerecht zu werden vermag. Der Grund: Nissing setzt dort an, wo Thomas im teleologischen Sinne hinstrebte und ankam. Denn er ordnet seine Einführung in Leben und Werk des Aquinaten, der ihm schon viele Jahre zugleich geistig-geistlicher Begleiter und Studienobjekt ist gemäß dessen Hymnus Adoro te devote. Die Geschichte ist bekannt. Thomas, zu dessen Aufgaben nicht nur das Forschen, Lehren, die Diplomatie, sondern auch das Verfassen liturgischer Texte gehörte, hatte am Ende seines Lebens eine Schau, in deren Licht er sein Tun bewertete. Die Gebete, die er schrieb erweisen sich aber nicht nur als Quelle, die einleuchtend macht, was Thomas wirklich wichtig war, sie erweisen sich, wie der Hymnus Adoro te devote, auch als Schlüssel zum Werk des großen Kirchenlehrers. Dass Nissing diesen Schlüssel als solchen wahrnahm und in aufschließender Weise einsetzt, um dessen Denken und Wirken als Leuchtturm für unsere Zeit sichtbar zu machen, ist bemerkenswert und verdienstvoll. Er macht in seiner Monografie wahrnehmbar, was das Lebensthema des Thomas ist. Die Wahrheit, der er sich in der ursprünglichen Textfassung des Hymnus, Adoro te devote latenz veritas, betend nähert, die er denkerisch durchdringt und deren Verkündigung er sein Leben widmet. Wie dieses Leben sich von seiner Berufung zum von seiner Familie gegen erhebliche Widerstände ertrotzten dominikanischen Ordensleben über das Mendikanten- und Magisterdasein entfaltete, das er in der Nachfolge der Apostel lebte, aus welche Quellen er seine Erkenntnis schöpfte, wie er als Dichter und Theologe mit dem Zentralthema der Eucharistie umging, wie er die Kreatürlichkeit als „Notenschlüssel“ für das geheimnisvolle Netzwerk von Schöüpfung, Sünde und Erlösung entdeckte und vermittelte und wie sich das Verständnis der Persönlichkeit des Thomas von der Ewigen schau her erlangen lässt, all dies entfaltet Nissing in dem vorliegenden Buch in luziderem Sprache und mit menschlicher Wärme. Beides bewirkt, dass der heilige Thomas von Aquin dem Leser auf eine bislang vielleicht noch nicht erlebte Weise nahekommt, die zu erleben man vielen wünscht.