Wenn man die Fortbildungsangebote z.B. auf der Internetseite des Institutes für hypno-analytische Teile-Arbeit in Nürnberg betrachtet, das von Jochen Peichl geleitet wird, dann fällt einem zunächst auf, dass es inzwischen eine große Anzahl von Therapeuten gibt, die sich mit dissoziativen Patienten beschäftigen. Dann fällt einem auf, dass die Fortbildungen in ganz Deutschland verteilt stattfinden, und auch im benachbarten Ausland z.B. in Wien stattfinden.Außerdem wird mittlerweile, die Teile-Arbeit, auch in der ganz normalen Psychotherapie angewendet. Nicht nur bei schwer traumatisierten und dissoziierten Menschen, über die dieses Buch geschrieben wurde.Für mich zeichnet sich das Buch in erster Linie durch eine verständliche Sprache aus. Zum Verständnis tragen aber auch nicht unwesentlich, die kleinen Zeichnungen der Therapeutin bei, die komplexe Sachverhalte der menschlichen Psyche, manchmal mit einer prägnanten Situation, in der ein bestimmtes Verhalten auftaucht, zum Ausdruck bringen.Zum Vergleich habe ich mir noch einmal das neueste, von Francine Shapiro, der Erfinderin der EMDR- Methode, erschienene Buch hervorgeholt, das ich persönlich als theorielastiger empfinde.Dies ist ein praxisorientiertes Buch. Es macht uns zunächst einmal mit der Schwierigkeit vertraut, dissoziative Phänomene im Alltag, und in der therapeutischen Situation zu erkennen. Die Theorie der Strukturellen Dissoziation, die von Onno van der Hart, vor etwa 20 Jahren entwickelt wurde, geht davon aus, dass es unter den Persönlichkeitsanteilen, mindestens einen ANP, also einen anscheinend normalen Persönlichkeitsanteil gibt, der für die Bewältigung der Alltagsanforderungen zuständig ist, und einen EP, also einen emotionalen Persönlichkeitsanteil, der verletzt wurde und der das eigentliche Zentrum des Traumas darstellt.Warum gibt es diese emotionale Verletzung? Weil mit der Tat häufig Personen verknüpft sind, die eigentlich für den Schutz des Kindes zuständig sind. Die Mutter, der Vater, ein Großvater, ein Onkel, der Lehrer in der Schule. Es hat nicht nur eine Integritätsverletzung stattgefunden, sondern auch ein unglaublicher Verrat. Es ist eine unerträgliche Situation entstanden. Für das Kind (den ANP-Anteil), müssen die Eltern gute Eltern bleiben. Es muss in der Schule gut funktionieren, muss Leistung erbringen. Einen Schulabschluss machen und ein Studium absolvieren. Trauma, kommen häufig „zufällig“ ans Licht. Wenn eine berufliche Neuorientierung erforderlich ist, wenn eine Beziehung gescheitert ist. Das heißt, wenn etwas den Menschen erschüttert, das „so ähnlich“ wie das Trauma ist, das man normalerweise auch ohne therapeutische Hilfe bewältigen könnte. Nun aber ist dieser Mensch in einer Weise erschüttert, die mancher als „übermäßig“ beschreiben würde. Nun geht die Klientin mit der Erwartung, dass die Therapeutin ihr helfen möge zur Therapeutin, und es stellt sich heraus, dass in einer geheimen Kammer des Bewußtseins, sich Erinnerungsfragemente befinden, die nicht in das Schema des zu bearbeitenden Problems passen.EMDR ist mittlerweile ein sehr verbreitetes Psychotherapieverfahren. Es gibt Autorinnen (Sörensen, Shapiro), die es geübten Patienten, sogar für die Selbstanwendung empfehlen. Also wenn man bereits eine Therapie hinter sich hat und die größten traumatischen Brocken bereits verarbeitet sind.Die Anwendung des EMDR-Verfahrens für die Behandlung von Menschen mit multiplen Persönlichkeitsanteilen stellt trotzdem eine Besonderheit dar.Hierzu ist es zuerst notwendig, dass die Therapeutin mit der Patientin ein tragfähiges Arbeitsbündnis schafft. Hier gibt es nicht selten Probleme, weil einer der Persönlichkeitsanteile sich dagegen sträubt, dass das Trauma entdeckt und aufgedeckt wird. Die Patientin leidet zwar und das ist das Motiv, sich in die Therapie zu begeben. Aber es darf auch nicht zu schmerzhaft werden. Das ist der Sinn von Dissoziation, also der Fähigkeit zu „switchen“ und nach außen, einen fröhlichen, funktionierenden Teil zu präsentieren, während sich im Inneren, im Gefängnis, ein verletztes und verzweifeltes Kind befindet.Die Entdeckung unterschiedlicher Persönlichkeitsanteile, die nicht immer gut zusammen arbeiten, ist eng mit den Namen Watkins, Frederick und Phillips verbunden. Sie waren die ersten, die über die Therapie multipler Personen geschrieben haben. Die die Grundlagen für entsprechende Therapiekonzepte gelegt haben. Marsha Linehan, hat mit schwierigsten, sogenannten Borderline-Patienten gearbeitet, und damit die Zuversicht in die Welt gebracht, dass man diesen Menschen helfen kann.Hierzulande haben sich Micheala Huber und Jochen Peichl sehr um die Arbeit mit DIS-Patienten und Patientinnen verdient gemacht. Der Name Luise Reddemann, und Ulrich Sachsse, ist mit dem wichtigsten Teil der Traumatherapie, nämlich der Stabilisierungs- und Integrationsarbeit verbunden.Auch die fähigste Therapeutin, ist nicht in der Lage ein traumatisches Ereignis ungeschehen zu machen. Der wichtigste Punkt für die Patientin ist, wieder zu ihrer eigenen Kraft zu finden. Nachdem man noch einmal einen Blick auf das Geschehene geworfen hat, ist es manchmal notwendig eine andere Bewertung vorzunehmen: Die lauteten kann: „ich bin nicht schuld“. „Ich habe nicht den Anlass für das gegeben, was geschehen ist“.Die Therapeutin und Lehrerin Sandra Paulsen stellt uns hier, ihre eigene, respektvolle, trauma-therapeutische Arbeit vor. Diese ist, wie die körpertherapeutische Arbeit Peter Levines, oder der Anthroprologin und Psychotherapeutin Sandra Ingerman, auch durch schamanische Heilungsarbeit inspiriert.Für mich ist es ein wertvolles Buch, das mir wieder neue Einsichten in die Dynamik des Traumas und seiner Auflösung, vermittelt hat.