Diese an der Vorlage von Sherwood Andersons Klassiker „Winesberg, Ohio“ orientierte Komposition von Stories offenbart die düstere Seite der amerikanischen Freiheit, nämlich jene, in Regionen absterbender Zivilisation zu degenerieren und seelisch abzusterben. Das liest sich so grausig, weil es realistisch und folgerichtig erscheint. Wo die Gemeinschaft als soziokulturelles Wesen scheitert, da gerät der Mensch als „vereinzelter Einzelner“ in den Albtraum. Nur wird das hier nicht dokumentiert, sondern zu einem erstklassigen literarischen, zweifellos weltliterarischen Ereignis. Der extreme Stoff kommt der deftigen Gestaltungsweise des Autors entgegen. Nichts, was er beschreibt, ist belanglos, während die gegenwärtige „urbane“ Short-Story in Deutschland leider oft nur Befindlichkeiten zu bieten hat. Bei Pollock erscheint hingegen alles existentiell.In Knockemstiff funktionieren nur noch der Dollar, der Minimalkonsum und die Drogen. In den rostigen Trailern und verkommenen Häusern regiert archaische Brutalität, gepaart mit einem aller Scham entkleideten Sexualtrieb, der kaum mehr mit „Libido“ zu tun hat. Übrig bleibt schweigende Verzweiflung. All die von ihr befeuerten Sehnsüchte unterstreichen in ihrer Unerfüllbarkeit nur die Ausweglosigkeit. Alle sitzen sie „in der Senke“, der Niederung von Knockemstiff, fest. In der Falle! Was sie sich wünschten, blieb unerfüllt, also werden grausig-schöne Scheinwelten generiert. Schwach und verlassen sind alle; aber jene, die noch über eine leidlich funktionierende Physis verfügen, suchen hart abzugreifen, was sie für einen kurzen Kick brauchen. Jedoch bleiben auch sie letztlich unbefriedigt zurück. Was bleibt überhaupt? – Ekel, Hilflosigkeit, Krankheit. Alle haben alles verloren, aber Exklusion wäre ein Euphemismus für diesen finalen Endzustand. Sie verstoffwechseln Junk-Food, büßten dadurch jede körperliche Kontur ein, verödeten sich das Hirn mit Giften; und dennoch vegetiert da ein Ich in ihrem Körper, das sie mit Schamgefühlen quält..Häufig schreibt der Autor aus der Perspektive von Kindern und Jugendlichen, weil sie schutzlos besonders traumatisch getroffen werden. Daß das Böse eine Konstante im Menschlichen darstellt, ist eine Erfahrung, die zum Leben gehört; in „Knockemstiff“ aber schwingt das Böse das Szepter. Man stellt es sich geradezu wie von einem modernen Alfred Kubin illustriert vor. Und man ist froh, wenn es vorbei ist. Aber sicher darin, ganz große Literatur und eine düstere Fortschrift zu Sherwood Anderson und William Faulkner gelesen zu haben. Ersterer spielt in „Winesburg, Ohio“ noch mit subtilem Humor. Der aber ist bei Pollock gar nicht am Platze. Nur Bitternis. Gut, eine Ausnahme: Zwar ebenfalls bitter, aber ich las die charmanteste Geschichte über die Demenz eines alten Mannes … –Stünde man in Knockemstiff, man wollte sogleich fort. Aber vermutlich käme kein Bus. Alle Handelnden wollen weg, außer jene, die von der düsteren Gravitation „der Senke“ wie festgehalten sind. Aber keiner schafft es, sich zu retten. Und die Hölle sind wieder mal – immer die anderen. Manchen gelingt eine Art Flucht, aber gerade die bringt sie um, woanders ebenso elendig, wie es ihnen in der traurigen Heimat beschieden schien.