Vom Kapitelaufbau bis hin zu den leserfreundlichen doppelten Lesebändchen, die ein problemloses Hin- und Herblättern erleichtern, ist dieses in vieler Hinsicht Maßstäbe setzende Werk nicht nur ein Meilenstein der internationalen Grass-Forschung, sondern es eröffnet auch dem interessierten Leser auf eingängige und gut lesbare Weise, wie das Lebenswerk von Günter Grass mit dessen Lebenszeit und der Zeitgeschichte untrennbar zusammenhängen. Dabei werden Ambivalenzen, Irrtümer und Widersprüche weder verschwiegen noch schamhaft umgangen. Harro Zimmermann hat sich über Jahre und Jahrzehnte mit dem Werk von Grass auseinandergesetzt, weswegen seine immense Arbeit zugleich eine Leserbiographie jenes Autors darstellt, mit dem sich viele Deutsche oft schwergetan haben. Was auf so angenehme, ja bisweilen kurzweilige Art und Weise zu lesen ist, widerspricht einer Eloge ebenso wie einer affektgesteuerten Nörgelei. Wer die Literatur und ihre Autoren liebt, verschweigt deren Schwächen so wenig wie deren Leistungen, sondern sucht im "Sowohl als auch" die Annäherung an eine beispiellose literarische Leistung. Hier schreibt kein Journalist nur für den Tag, aber auch kein Stubengelehrter, sondern ein leidenschaftlich engagierter Teilhaber an einem Prozess, der mit jeder neuen Lektüre und jedem Perspektivwechsel seine Unabschließbarkeit unter Beweis stellt. Es geht nicht nie um das Definitive, sondern stets um den Weg dorthin. Grass hat stets versucht, parallel zu seiner Zeit zu schreiben. Wer Zimmermanns Biographie liest, vollzieht dieses Geschehen gewissermaßen noch einmal mit, freilich diesmal aber mit dem Wissen des Zurückschauenden. Sei es die Detailanalyse des Einzelwerkes, sei es der Überblick über die Kontexte eines Werkes, stets ist die lebendige Nähe bei der Lektüre spürbar, so dass schier das Wunderbare gelingt, während des Lesens einer Biographie den Roman einer Biographie mitzuerleben. Ich habe lange keine Biographie eines deutschen Autors gelesen, die Gelehrsamkeit und menschliche Nähe auf so beeindruckende und lange nachhallende Weise zusammengebracht hätte. Kurz: Zimmermanns Werk ist das, was man im Italienischen ein Capolavoro nennt: ein Meisterwerk. Es verdient unsere Bewunderung, unseren Respekt und unsere Wertschätzung.