Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über Trauer und Verlust, über eine Generation, eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. »Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.« Mein Vater, die Dinge und der Tod ist ein Buch über Erinnerung, wie wir es so noch nicht gelesen haben. Ein Buch über den toten Vater, ein Buch über eine Generation, über eine Zeit, aber auch ein Buch, das erzählt, wie wir uns erinnern. Wenn die Erinnerung spricht, sprechen die Dinge. Da ist der Sessel, der von der Fußballleidenschaft des Vaters erzählt, von den Nächten, in denen der Wecker gestellt wurde, um legendäre Boxkämpfe nicht zu verpassen. Da das selbst gemalte Ölbild an der Wand, das an eine Begabung des jungen Vaters erinnert, die in seinem Leben auf der Stecke blieb. Da die Uhr, ein Geschenk, das er zu einem Firmenjubiläum bekam, da der Bierkrug, der seine bayerische Herkunft wachrief ... In den Alltagsdingen vergegenwärtigt Rainer Moritz ein ganzes Leben, eine ganze Welt, besonders und unwiederbringlich. Dieses so liebevolle wie unsentimentale Portrait seines Vaters in seiner Zeit erzählt davon, wie wir uns vergewissern, wer wir sind, wenn wir mit dem Tod, mit dem Tod der Eltern konfrontiert werden.
Bewertungen & Erfahrungen
4,3 von 5
3 Bewertungen
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In den letzten Jahren haben Bücher Konjunktur, in denen Frauen und Männer, oft bekannte Autoren, sich nach dem Tod eines Elternteils erinnern, die Beziehung zu Vater oder Mutter reflektieren, sich so manches von der Seele schreiben und danach vielleicht besser weiterleben können, weil sie richtig Abschied genommen und alles, gerade auch das Schwere und Problematische losgelassen haben.Zuletzt hat die Schweizerin Cristina Karrer in ihrem bei Orell Füssli erschienenen Buch „Meine Mutter, ihre Liebhaber und mein einsames Herz“ das auf eine bewegende und literarisch anspruchsvolle Weise getan. Bei längerem Nachdenken erinnere ich jedoch auch in der Vergangenheit meines langen Leselebens viele Bücher, die sich dem Vater oder der Mutter genähert haben. Unvergessen bleibt für mich das Buch des jüngst verstorbenen großen Peter Härtling, in dem er unter dem Titel „Nachgetragene Liebe“ 1980 seinem längst verstorbenen Vater ein literarisches Andenken widmete und für viele seiner literarischen Nachfolger Standards setzte.Als der Autor des vorliegenden Buches am 12. Februar 2015 in seinem Büro von seiner Mutter die telefonische Nachricht erhält, sein Vater sei gestorben, kann er erst nicht wirklich begreifen, was sie ihm da mitteilt. Die Bestattung ist lange vorbei, als er sich daran macht, seine Erinnerungen an seinen Vater niederzuschreiben, und sich auf diese Weise so etwas wie einem Begreifen zu nähern.Es geht in seinem sehr persönlichen Buch nicht nur um Verlust und Trauer, sondern auch um die Geschichte einer Generation der jetzt etwa Sechzigjährigen und ihre Beziehung zu ihren Eltern. Und es geht darum, wie wir uns eigentlich erinnern:„Ein Mensch lebt so lange, wie sich andere an ihn erinnern. Vielleicht denke ich deshalb häufiger an meinen Vater als zu seinen Lebzeiten. Weil die Selbstverständlichkeit seines Daseins fehlt. Was für Erinnerungen sind es? Was haben sie mit den Dingen seines Lebens zu tun, mit den Objekten, die ihn Tag für Tag umgaben? Je länger ich an meinen toten Vater denke, desto mehr sprechen seine Dinge zu mir.“Wie bei Cristina Karrers oben erwähntem Buch sind es die Dinge, die lange nicht beachteten, so selbstverständlichen, die nach dem Tod Erinnerungen vermitteln und transportieren.Warmherzig und authentisch vergegenwärtigt sich Rainer Moritz das Leben seines Vaters und damit auch sein eigenes. Es ist vergänglich, wird irgendwann ein schnelles oder quälendes Ende haben. Gerade angesichts dieses Endes ist es gut, sich zu vergewissern, wer wir sind.Ohne es erst recht zu merken, wird der Leser mitgenommen in diese Selbstvergewisserung und beginnt schon bald, sich beim Lesen von Moritz` Erinnerungen mit seinem eigenen Leben zu befassen.Selbst Jahrgang 1954 hat mich neben der Auseinandersetzung mit dem patriarchalischen Vater am meisten angesprochen, wie er das Lebensgefühl einer Generation beschreibt, zu der ich selbst gehöre.
Rainer Moritz (Autor zahlreicher Bücher und Literaturkritiker) hat hier ein Buch über seinen Vater geschrieben. Über seinen verstorbenen Vater und die Dinge, die an ihn erinnern. Damit sind vor allem jene Gegenstände gemeint, die ihn unmittelbar umgaben, seinen Alltag geprägt haben: sein Sessel, die Bauernstube, der Fernseher, die Uhr, die Bilder, die er gemalt hat, der Aschenbecher… Das klingt vielleicht erstmal ziemlich trocken, aber Rainer Moritz vergegenwärtigt mit Hilfe verschiedener Anekdoten rund um diese Objekte auf äußerst eindrückliche und liebevolle Weise ein ganzes Leben. In den Geschichten rund um die Gegenstände spiegelt sich aber vielmehr auch das Lebensgefühl einer ganzen Generation wider: Wir erfahren nicht nur etwas über patriarchale Familienstrukturen, sondern auch über die politische Situation und den Alltag in einer zurückliegenden Zeit.Was mir aber am meisten an diesem Buch gefallen hat, lässt sich nur schwer in Worte fassen. Das Buch gibt dem Vater, seinen Beziehungen und seinen Dingen eine Gewichtung. Es bringt uns das wohl Unvorstellbarste überhaupt näher – die Vergänglichkeit. Es stellt existenzielle Fragen: Womit umgeben wir uns und wovon hängt es ab, womit wir uns umgeben? Was bleibt von uns, wenn wir nicht mehr sind? Was erzählen unsere Wohnung und die darin befindlichen Dinge über uns, über unsere Vorlieben und Abneigungen und was leisten sie mit diesen Erzählungen? Wie erinnern wir uns?Rainer Moritz ist ein Buch voller Wärme gelungen, das so dünn ist und doch so viel beinhaltet.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 19:39 Uhr.