Nun ist dieses Buch also doch noch auf Deutsch erschienen, schlappe 22 Jahre nach dem französischsprachigen Original. Aus unerfindlichen Gründen hat Delius Klasing dieses Buch all’ die Jahre nicht herausgebracht, und so bin ich dem Verlag Aequator GmbH aus München sehr dankbar, dass dieses Wunder 2015 doch noch geschah. Das Vorwort von Wilfried Erdmann ist interessant, allerdings hat man versäumt, einige mündliche Interview-Passagen sprachlich zu glätten, so dass Erdmanns Ausdrucksweise stellenweise etwas vulgär klingt – was sicherlich nicht beabsichtigt war.Bernard Moitessier ist im Segelsport und in der Geschichte der Weltumseglungen kein Unbekannter. ‚Tamata’ ist der polynesische Name seines letzten Schiffes und auch seiner Autobiografie. Es ist der Ausdruck für ein zentrales Lebensmotto dieses Seglers, so wie das Schiff ein Fahrzeug auf dem eigenen Lebensweg ist. Darum ist gerade dieser Buchtitel in mehrfacher Hinsicht sehr passend.‚Tamata’ (zu Deutsch: ‚ich versuche’) besagte für Moitessier, dass nicht der Erfolg, sondern der Versuch die Bestimmung des Menschen sei. Diese Haltung habe ich auch einem todkranken Bekannten vermittelt, denn ich glaube, dass diese Haltung auf dem Weg selbst das Ziel ist, und das Ziel nicht allein im Endpunkt des Ankommens liegt. Dies erklärt vielleicht schon, warum Bernard Moitessier – einer der besten seines Faches – mein Segellehrer ist, obwohl ich mit Segelsport wenig am Hut habe.Vierzig Jahre lang schmückte ein Buch das elterliche Wohnzimmerregal, das erstmals gelesen wurde, als es vor ein paar Jahren in meinen Besitz gelangte. Es war das Buch ‚Allein mit dem Meer’ (Original: ‚A world of my own’) von Robin Knox-Johnston, der die erste Nonstop-Einhandregatta um die Welt (1968/69) gewonnen hatte. Die faszinierendste Passage im ganzen Buch war die über einen sonderbaren Franzosen, der mit besten Aussichten auf den Sieg einfach anderthalbmal um die Welt fuhr, um dann auf Tahiti zu landen.Es gibt „einschlägige“ Erfahrungen, die Seeleute (besonders in der Segelschifffahrt) durch ihr Leben auf See immer wieder in ganz ähnlicher Weise machen, und die ihnen mit der Zeit eine andere Mentalität aufprägen als (wir) Landratten sie haben. Diese Erfahrungen sind nicht per se auf die Seefahrt beschränkt, und auch nicht jeder erlebt sie gleichermaßen intensiv; zudem kann nicht jeder seine Erfahrungen in Worten wiedergeben, oder gar in Buchform. Moitessier konnte es so gut wie er segeln konnte. In seiner Ehrlichkeit und Bescheidenheit teilte er sein Wissen und seine Werte mit denen, die empfänglich dafür waren. Wie im Leben, so in seinen Büchern.Seine gefühlten Erlebnisse sind weniger äußere Ereignisse wie (etwa Seeschlachten oder Seeungeheuer) bei anderen Autoren, sondern das innere Erleben während der Lebensreise unter Segeln. Einige Einhandsegler füllen ihre Bücher zur Hälfte damit, wann sie welches Segel gesetzt und wieder gerefft haben. Moitessier dagegen lässt nach und nach sein gesamtes Weltbild abrollen, und er sinniert über Fragen, die eigentlich jeden betreffen. Auch wenn er mitunter verschlossen war, so bricht in seinen Büchern der Wille zum Lehrer, der viel zu vermitteln hat, durch. Ich habe Moitessier erst nach seinem Tod kennengelernt, aber was heißt das schon? Ich habe nicht nur das Gefühl, ihn gut zu kennen, er ist immer noch einer meiner größten Lehrer.Doch selbst manchem Segler wird es schwer fallen, in diesem Mann mehr als einen Seemann zu sehen. Dabei ist die Weltreise des Einhandseglers das Sinnbild des menschlichen Lebensweges schlechthin. Moitessier ist auf dem klassischen Symbol selbst geritten, und ihm ist dabei klar gewesen, dass er Darsteller in einer Live-Sendung war, die nur einmal läuft, nämlich in Echtzeit. Moitessier ist sich dessen bewusst gewesen, vermutlich mit annähernd jedem Atemzug, den er tat. Klare Luft und klarer Blick strömen aus jedem seiner Sätze, und die Ruhe an Bord, die zu wohlüberlegten Grundsatzentscheidungen und Lebenseinstellungen nötig ist, wird er auf seinem kleinen Fahrzeug zur Genüge gehabt haben.‚Tamata’ ist sein letztes und im Angesicht seiner Krebserkrankung auch wichtigstes Buch, nämlich autobiografisches Hauptwerk geworden, an dem Moitessier mehrere Jahre geschrieben hat. Anfang der 1990er Jahre war ihm längst bekannt, dass er für viele Orientierungssuchende zu Lande und zu Wasser zu einem Wegweiser geworden war. Darum hat er sein geistiges Vermächtnis aus seinem bewegten Leben als inzwischen prominenter Schriftsteller in dieses enorm lehrreiche Buch gepackt. Es nimmt den Leser mit auf eine lange Reise – von Französisch-Indochina (nicht nur) durch die Südsee und rund um die drei Südkaps (und über den trockenen Sinai) bis in die Bretagne und nach Paris – und lässt den Suchenden unterwegs vieles finden!„Um die Welt zu segeln ist der kürzeste Weg zu sich selbst.“ (Bernard Moitessier, 1970)