Kann ein 1987 erstmals erschienenes Buch über Hitler 2024 noch zeitgemäß sein, oder ist es hoffnungslos veraltet? Es ist, kurz zusammengefasst, in seinen Fragestellungen, Methoden und Erkenntnissen bemerkenswert zeitlos geblieben. Ein Beleg dafür ist, dass das Buch 2017 bereits als 5. erweiterte Neuauflage erschien. Doch bezog sich die Erweiterung nicht auf den Haupttext, der unverändert blieb. Ihm wurde ein Beitrag vorangestellt, der seit der Erstauflage veröffentlichte Beiträge der Hitler-Forschung daraufhin prüft, inwiefern sie die eigenen Befunde stützen oder ihnen widersprechen. Außerdem ist es um drei weitere Aufsätze des Autors und um ein Nachwort von Jürgen W. Falter ergänzt.Gegenstand des Buches ist nicht Hitlers Leben, sondern sind sein Selbstverständnis sowie seine wirtschafts- und sozialpolitischen Vorstellungen. Zitelmanns Ziel ist es, sich in diese Aspekte von Hitlers Weltanschauung „hineinzudenken“, deren Umsetzung in die Praxis bleibt außen vor. Vor dem Hintergrund des zentralen Problems, wie es Hitler gelingen konnte, so viele Deutsche zu begeistern, geht Zitelmann von der Annahme aus, dass Hitlers sozialrevolutionäres Programm und nicht die von ihm angestrebte „Endlösung der Judenfrage“ oder der von ihm beabsichtigte „Kampf um Lebensraum“ den Schlüssel für die Erklärung der Attraktivität des Nationalsozialismus bieten.Rainer Zitelmann ist promovierter Historiker und Soziologe, war Unternehmer und Journalist, und veröffentlichte zahlreiche Bücher, Aufsätze und Medienbeiträge. Sein Buch über Hitler, das 1985/86 als Dissertation entstand, richtet sich an die zeitgeschichtliche Forschung, ist aber zugleich so verständlich geschrieben, dass es allen an der NS-Geschichte interessierten Lesern Erkenntnisgewinne verschaffen kann. Es schließt an Diskussionen an, die in den 1980er-Jahren über die Stellung Hitlers innerhalb des NS-Systems, über moderne und antimoderne Elemente seiner Weltanschauung, über seine tatsächlichen Ziele sowie über die Gründe für die Anziehungskraft seiner Bewegung geführt wurden.Das Buch besteht neben Einleitung und Schlussbetrachtung aus sechs Teilen. In ihnen behandelt Zitelmann insbesondere Hitlers revolutionäres Selbstverständnis , seine Haltung zu ökonomischen Problemen, seine sozialen Zielsetzungen und wirtschaftspolitischen Vorstellungen sowie seine Selbsteinschätzung im politischen System. Er stützt sich dabei auf die Auswertung hunderter Reden, Aufsätze, Gespräche und Schriften, die Zitelmann damals zu einem großen Teil erstmals überhaupt durch intensive Archivrecherchen für die Forschung erschloss. Bis dahin stützten sich Hitler-Forscher, wie Eberhard Jäckel, Alan Bullock und andere, nur auf wenige ausgewählte Zeugnisse, insbesondere auf sein Buch „Mein Kampf“. Dadurch blieben Entwicklungen in Hitlers Denken und verschiedene Aspekte seiner Weltanschauung unterbelichtet. Methodisch sieht sich Zitelmann der „phänomenologischen Methode“ von Ernst Nolte verpflichtet, und will Hitler unter weitestgehendem Verzicht auf eigene moralische Beurteilung selbst zu Wort kommen lassen. Die Zeitlosigkeit des Buches ist nicht zuletzt gerade diesem Ansatz geschuldet. Um taktische Äußerungen, etwa aus propagandistischen Gründen, von echten Überzeugungen Hitlers zu unterscheiden, wendet er ein Analyseraster an. Interne Äußerungen in kleinem Kreis und über einen längeren Zeitraum häufig wiederkehrende Gedanken erhalten mehr Gewicht. Außerdem prüft Zitelmann die Aussagen in Bezug auf die innere Schlüssigkeit in Bezug auf Hitlersche Grundannahmen, wie beispielsweise seine Idee vom ewigen Lebenskampf.An Ergebnissen der Studien sollen hier aus Platzgründen nur einige hervorgehoben werden. Zitelmann arbeitet heraus, dass sich Hitler als Sozialist und Antikapitalist verstand und dass die von ihm angestrebte Versöhnung der Klassen in der „Volksgemeinschaft“ kein rein propagandistisch-taktisches Ziel war. Sozialismus bedeutete für Hitler freilich nicht Mitleid mit dem Einzelnen, sondern die Verpflichtung des Einzelnen auf das Gemeinwohls bzw. auf das (vom Führer vermeintlich erkannte) Gesamtinteresse des Volkes, wie auch den Primat der Politik vor der Wirtschaft. Der Klassenkampf sollte überwunden werden, um das deutsche Volk für den angeblichen Kampf ums Dasein zu einen und zu ertüchtigen. Die von Hitler zwecks Klassenversöhnung angestrebte Chancengleichheit und soziale Mobilität galten nicht für diejenigen, die wie Juden, „Zigeuner“ oder Behinderte aus rassischen Gründen aus der „Volksgemeinschaft“ ausgeschlossen wurden. Hitler wollte die Vorzüge des Privateigentums und der freien Konkurrenz mit den vermeintlichen Vorteilen staatlicher Planung verbinden. In späteren Jahren wurde er zu einem Bewunderer der stalinistischen Planwirtschaft und schloss Verstaatlichungen und Enteignungen nicht mehr aus. Zitelmann widerlegt Annahmen, Hitler habe die Rückkehr in eine vorindustrielle Agrargesellschaft angestrebt und sei im Kern antimodern gewesen. Im Gegensatz dazu arbeitet er die von Hitler bewusst angestrebte soziale und technische Modernisierung heraus. In einem zusätzlich wieder abgedruckten Aufsatz legt Zitelmann ausführlich dar, dass Hitlers Angriff auf die Sowjetunion nicht primär im Motiv des Kampfes gegen den „jüdischen Bolschewismus“ begründet lag, sondern aus ökonomischen Überlegungen erfolgte.Dass man, um Hitlers Weltanschauung in Gänze darzustellen, nicht nur seine sozialrevolutionären Vorstellungen betrachten darf, sondern auch seinen Antisemitismus, ist nicht dem Buch anzulasten. Kritisch ist lediglich anzumerken, dass man als Beleg für die durchaus plausible These, Hitlers Attraktivität habe vor allem in seinem sozialrevolutionären Programm gegründet, auch die Rezeption seiner Äußerungen auf die Bevölkerung genauer hätte untersuchen müssen. Darüber hinaus ist in Frage zu stellen, inwiefern es sich bei Hitlers internen „Tischgesprächen“ oder „Gesprächen im Führerhauptquartier“ tatsächlich um verlässliche Quellen für seine echten Überzeugungen handelt und ob die Mitschriften nicht doch auch von den Verfassern und Redakteuren geprägt waren.Zitelmanns Buch ist eine Pionierstudie in Bezug auf Hitlers sozialrevolutionäres Programm, die bis heute Bestand hat. Es bietet einen tiefen Einblick in Hitlers sozial- und wirtschaftspolitischen Vorstellungen und liefert einen substanziellen Beitrag zum Verständnis von dessen Weltanschauung. Es ist empfehlenswert für alle, die Hitler, den Nationalsozialismus und seine Anziehungskraft verstehen und es nicht bei einer verurteilenden Distanzierung belassen wollen.