Zu Günter Grass‘ 1994 erschienenem Roman „Ein weites Feld“Als ich 1995 im Alter von 58 Jahren „Ein weites Feld“ zum ersten Mal, noch beruflich aktiv, las, kannte ich schon Theodor Fontanes „Der Stechlin“, „Unwiederbringlich“ und natürlich „Effi Briest“. Ich hatte das Glück, vorher auch schon in Neuruppin und am Stechlinsee und anderen Fontane- Schauplätzen in der Mark Brandenburg und in Berlin gewesen zu sein. Man wusste auch, wer Günter Grass war. (Sein Roman Vom Häuten der Zwiebel mit dem späten, viele verstörenden Bekenntnis, dass er als 18jähriger Mitglied der Waffen- SS geworden war, erschien erst 2006. („Günter Grass vorzuwerfen, dass er als Jüngling an das Dritte Reich geglaubt hat, ist absurd. Über sein langes Schweigen aufschreien mag, wer ihn zuvor zur moralischen Ikone erhöht hat - es hat aber etwas Tantenhaftes.“ (SZ)). Ein Jahr später las ich 1996 „Ein weites Feld“ nochmals und war abermals begeistert. Ich ließ mich durch die vielen Verrisse, darunter im SPIEGEL der des Oberverreißers MRR, der den Roman als Leitartikel- Pamphlet abtat, nicht draus bringen. Schon 1994 zitierte Grass Fontanes Brief- Urteil über Kritiker: „Alle Kritiken sind wie von Verbrechern geschrieben.“Mir gefielen der Stoffreichtum des Romans und der Grundeinfall, einem 100 Jahre nach Fontane ebenfalls in Neuruppin geborenen Mann mit Namen Theodor Wuttke, liebevoll „Fonty“ genannt, die Geschichte des Schriftstellers Fontane, der DDR und der Wiederver-einigung erzählen zu lassen, und ihm über drei Systeme hinweg den von Joachim Schädlich erfundenen Spitzeldienstler Tallhover als ständigen Begleiter und Mitwisser aller „Fehltritte“ Fontanes und Wuttkes an die Seite zu geben. Dabei bedient sich Wuttke bzw. Grass aller Erzähl- und Schreibtechniken, wie sie schon Fontanes Schreiben ausmachten. Wuttke trägt seine Berichte als Causeur in Gesprächen, Dialogen und in Briefen, werkkundigen Zitaten aus Romanen und Ballade und nicht zuletzt in Vorträgen über den „Unsterblichen“ für den DDR- Kulturbund vor. Über allem gibt es die Erzählstimme eines Angehörigen des Fontane- Archivs in Potsdam, der sich mit der Formel „Wir vom Archiv“ meldet.Als ich Ende 2018 über die Beschäftigung mit Fontanes Treue- Ballade „Archibald Douglas“ zur dritten Lektüre von „Ein weites Feld“ motiviert wurde, schlug ich mir bei der Lektüre, meta-phorisch gesprochen, ein ums andere Mal auf die Schenkel. Ich las zwei drei balladenkundigen Freunden das auf einer Seite abgedruckte Kabinettstückchen vor, als sich Fonty an seinem 70. Geburtstag in einem Berliner McDonalds- Lokal hinreißen lässt zur Faszination aller Gäste den „Archibald Douglas“ vorzutragen. „Und ein von Bier aufgeschwemmter, in viel nietenbe-schlagenes Leder gezwängter Glatzkopf hieb Fonty auf die Schulter: “War ne Wucht, Alter!“Zur Bewunderung über Grass‘ Erzählkunst und Erzählobsession gibt es viele Anlässe. Grundlegend ist die historische, geographische und literarische Detailkenntnis von GG. Der 65jährige Grass ist auf vielen Feldern bewandert. Es ist faszinierend zu sehen, mit welchem Beziehungsreichtum - Anspielungen, Zitate, Nachrichten- kunstvoll alles miteinander verwoben ist. In intensivierendem Rhythmus und in kontrapunktischer Verstärkung wiederholt Grass die Leitmotive vom Paternoster- Aufzug, Haubentaucher, Bootsfahrten/Rudern und Regen über den ganzen Roman hinweg mit dem Tenor „Alles schon mal da gewesen.“ Man kann sich nur wundern, was Günter Grass alles herbeiholt und seiner Doppelfigur Fonty/ Hofthaler alles sehen, hören, berichten, beschreiben, bewundern und verdammen lässt. Grass hat auch ein hellhöriges Ohr für viele Idiome und Gesprächstöne und lässt diese in einprägsamen Szenen lebendig werden. Wie hat Wuttkes Frau Emmi das Berliner Schnauze- Idiom drauf, wie echt wirkt Fontys Fontane- Plauderton, wie einfühlsam lässt er Fontys französische Enkelin Madeleine (ein Produkt, als Fonty als Soldat im besetzten Frankreich Vorträge hält, die die Resistance für sich reklamierte) literarische Bildungssprache sprechen!Im Laufe des Romans wird Grass‘ Botschaft deutlich: Leute, glaubt es, in der Person des Schrift-stellers Fontane, haben wir in seiner Vermächtnisfigur des alten Dubslav in „Der Stechlin“ eine Korrektur des Deutschen und Preußischen, und einen lebenslangen Anwalt für das Mensch-liche, Tolerante, für das weise und gebrochene Darüberstehen“. Wie wundervoll sind Fontys Gespräche mit dem ersten Treuhand- Chef Rohwedder, der später einem politisch motivierten Attentat zum Opfer fiel. Wie großartig sind die Empathie- Gespräche Fontys, in dem natürlich auch viel Günter Grass steckt, mit dem Erzähler der viel gerühmten, aber nur von wenigen gelesenen „Jahrestage“ Uwe Johnson („Schriftsteller der deutschen Teilung“). Wie ergreifend ist Fontys Rede zur Wiedervereinigung vom Fontane Denkmal in Neuruppin herab!Auch wenn man Vorbehalte gegenüber GG haben sollte, könnte es sein, dass der Sprach- und Geschichtsfreund die Lektüre dieses nun auch schon fast wieder 30 Jahre alten Buches wegen seines Beziehungsreichtums viel Freude und Spaß macht.Alois Feuerer (Jg.1937, im Januar 2019 verfasst)