Wer meine Rezensionen über Schachbücher nachliest wird entdecken, dass ich eigentlich mehr ein Freund von Mittelspiel oder noch nicht geschrieben von Endspiel bin. Aber auch von umfassenden Trainingskonzepten allgemein a la Jussupows Tigersprungreihe. Eröffnungstheorie habe ich dort im Vergleich zu den anderen Partiephasen als untergeordnet beschrieben.Trotzdem habe auch ich, wenn auch sehr spezifisch, Eröffnungsliteratur. Vieler meiner Bücher habe ich in meinen Rezensionen vier oder fünf Sterne vergeben, unter anderem weil ich auch, wie ich glaube, sehr bewusst gekauft habe.Vor allem lege ich wert darauf, dass der Autor entweder ein Großmeister oder ein Internationaler Meister mit Reputation als guter Trainer ist. Wäre der Autor auf meinem eigenen bescheidenen Niveau, wäre der Lerneffekt womöglich nicht ganz ausreichend.Nigel Davies erfüllt alle diese Vorgaben vollständig.Geht man nun dieses Buch mit einem Blechkasten wie Stockfish durch, wird man eventuell enttäuscht werden. Das aber auch ganz ohne dieses Buch, denn wenn man mit 1….g6 und 2…. Lg7 eröffnet findet man sich bereits nach zwei Zügen bei einer Bewertung von minus 0,8 oder 1,2. Oh Schreck!Ich hab dann gleich abgezählt, aber ich hatte gar keinen Bauern weniger.Wer also klassischen Ausgleich erwartet, ist somit in der Modernen Verteidigung auf falschem Terrain. Wir haben hier eine unbalancierte Situation vor uns mit Chancen auf beiden Seiten und gewinnen wird der Spieler, der mehr kombinatorische Sehkraft und auch positionelles Verständnis hat.Vor diesem Hintergrund sind auch alle Analysen mit Bewertungen in diesem Buch zu betrachten. Dazu kommt eine gewisse Eigenarbeit. Denn Kapitel 1 z.B. mit Schwerpunkt Österreichischem Angriff kann durch Zugumstellung auch aus Kapitel 3 mit Le3 Stellungen erreicht werden und dort hat man schon den Zug 4. ….a6 gemacht, der in Kapitel 1 nicht Hauptempfehlung ist. Man muss also in Kapitel 1 die Partie FM Baum gegen Davies genau analysieren, da man durch Zugumstellung dort landen könnte.Unabhängig möglicher Zugumstellungen (die man selbst heraus finden muss) gibt einem das Buch eine absolute Sicherheit, dass wirklich alle gegnerischen Möglichkeiten berücksichtigt sind. Man ist also in der eigenen Partie auf alles vorbereitet, wenn man obige Anmerkungen bei der Arbeit berücksichtigt und hat damit eine Sicherheit, dass eigentlich keine Überraschungen passieren können. Man hat mit einigen Einschränkungen sogar die ersten 8 Züge als Bedenkzeit mit einem guten Gefühl gratis.Vor allem gefällt mir, dass im Kapitel 1 bei der Erklärung warum Davies den Aufbau mit d6 und e6 bevorzugt auch das weitere schwarze Schema ohne weiße Gegenzüge gezeigt wird. Ähnlich sollte man dann in den Folgekapiteln vorgehen,ohne dass dies dort expliciet so aufgezeigt wird. Die Gegenzüge mit daraus taktischem Einfluss sieht man dann schon in den Beispielpartien. Aber so erlernt man Strukturen auf einfache Weise. Wo gehören bei einer gegebenen Bauernstruktur die Figuren hin, was sind die Ideen usw.Empfehlung ist natürlich auch, sich selbstständig aus Chessbase Partien der „ganz Großen“, die dieses System spielen, wie z.B. Asmaiparashvili heraus zu suchen. Und dort natürlich anzuschauen oder zu analysieren. Da bemerkt man, wo zum einen die Probleme liegen oder wovor die „Großen“ zum anderen vielleicht sogar gar keine Sorge haben - damit man keinem eigenen Schreckgespenst aufsitzt.Mir persönlich hat dieses Repertoirbuch sehr weitergeholfen, bis in die Oberliga also Drittklassig und Gegnerdurchschnitt 2000 bis 2200. Mehr braucht man über die umsetzbare Qualität nicht zu sagen.Und in Sachen Umsetzbarkeit ist es vielleicht am Anfang und noch einige Jahre danach sogar besser wie Tigers Modern, da dieses viel komplizierter ist und nicht die „Sicherheit des Davies“ verschafft. Wenn ich nochmal besser werden sollte, wäre dann allerdings Tiger die erste Wahl.