Ich habe dieses Buch ins Büro einer kleinen, vertrauten Firma liefern lassen. Man kommt nicht umher, die Reaktionen interessiert zu beobachten, die der Anblick des Titels in den Menschen auslöst. Bei den jüngeren Kollegen eher interessiertes "Oh"-en und "Ah"-en und kurzes blättern durch das Exemplar. Bei etwas älteren Kollegen habe ich mich dabei ertappt, wie ich gar nicht erst wollte, dass dieses Buch in das Blickfeld derjenigen wandert. Denn egal, ob es eine "kritische" Edition ist, oder nicht. Das Gefühl, als wäre man wieder 12 beim heimlichen rauchen einer Zigarette im Gebüsch neben der Grundschule, dass man gerade ziemlich kontroversen, verbotenen Tobak hat, bemerke ich in mir doch sehr präsent.Warum interessiert mich dieses Buch? Warum will ich die Worte eines Mannes lesen, der eine gesamte Nation belogen und verführt hat in die tiefsten Abgründe der menschlichen Existenz und die gesamte Welt in einen verheerenden Krieg stürzte, in dem so viele millionen Unschuldige ermordet wurden und dessen kranke Ideologie der minderwertigen Gene/Rassen bis heute für Konflikte, Verfolgung, Hass auf der gesamten Welt sorgt? Dass man schlicht "geschichtlich interessiert" ist, mag für viele Grund genug sein. Für mich persönlich lässt sich das Interesse wohl auch auf diese zwei Worte reduzieren, aber ich fühle mich dennoch genötigt, mich mehr zu erklären und womöglich von anderen noch ihre jeweiligen Beweggründe zu hören. Ggf. diskutieren, ob es OK ist, diesen Text überhaupt zu besitzen, zu lesen. Letzteres kann man damit bejahen, dass man diese Texte nicht vollständige aus der Welt entfernen können wird und somit nicht den falschen überlassen werden sollten. Doch könnte man "Mein Kampf" restlos vernichten, sollte man das? Vielleicht. Ich weiß es nicht.Ich möchte dieses Buch einschließlich Kommentare von sehr viel intelligenteren Menschen lesen, weil ich mir vorstellen kann, dass vieles aus der Jetztzeit ähnlich ist wie damals, als Hitler an die Macht kam. Vielleicht irre ich mich. Ich halte es für gefährlich, Hitler einfach als verrückten Redenschwinger darzustellen. Donald Trump hat in einem Interview vergangene Woche wohl darauf hingewiesen, dass seine Unterstützer viel tougher sind, als die der Demokraten und dass man das schon merken würde, sobald die Demokraten versuchen, ihn als Präsident zu entfernen. Ich möchte Trump nicht mit Hitler vergleichen und ich möchte auch nicht den Eindruck erwecken, ich wäre gegen (oder für) seine Politik. Ich will sagen, dass die Menschen damals nicht dumme Schafe ohne eigene Gedanken waren und wir heutzutage genauso wenig immun gegen Themen, die auf ein leicht verständliches, wenn auch falsches, Maß heruntergestutzt werden und zeitgleich irgendein "Volk" als die "Besseren" oder die "Guten" darstellt. Feindbilder haben wir heutzutage mehr als genug Auswahl und der Nationalsozialismus war letztendlich (und hier simplifiziere ich wahrscheinlich selbst) auch nichts anderes als eine lebendig gewordene Nation, die Feindbilder vernichten und eine illusorische Utopie herbeiführen wollte.Bei all diesen Worten, die ich schreibe, bin ich unsicher, ob es genug Rechtfertigung ist und ob es überhaupt Sinn ergibt. Je mehr ich mich mit Politik befasse, desto bewusster wird mir, wie schwer und komplex die Probleme von heute doch sind und wie wenig man doch weiß. Ich glaube Putin hat mal gesagt, dass in der modernen Zeit man keine Angst vor "der einen" Propagandalüge haben sollte, die dann alle glauben und die Welt vernichten. Sondern, dass es so viele verschiedene Sichtweisen und "Wahrheiten" geben wird, dass man gar nicht mehr weiß, was man noch glauben soll. Dieser Informationskrieg und dieser Wettbewerb der Systeme von heute stellt ein Schlachtfeld dar, auf dem wir alle uns als Teilnehmer befinden. Sich kritisch mit der Schrift des erfolgreichsten Propagandisten und Verführers zu beschäftigen, den die Welt je erlebt hat, kann bei ehrlichen und kritisch denkenden Menschen nur Ideell stärkend wirken. Hoffe ich.