Ein sehr gutes Buch, dass nebenbei eine biographische Lücke schließt. Es sind zwar lediglich die Briefe von Lyonel Feininge an seine Frau in Auszüge abgedruckt, da die Briefe von Julia F. an den Ehegatten gesperrt sind.
Der Briefwechsel umfasst dreißig Jahre, ist meist auf Deutsch, zuweilen auch auf Englisch geschrieben. Und ja, es ist eine bewusst zusammengestellte Auswahl, auch sind darin nur Auszüge der Briefe von Lyonel Feininger zu finden, nicht hingegen jene der Adressatin, seiner Frau Julia. Auf all das wird freilich im lesenswerten Vorwort eingegangen, somit ist dies einmal klargestellt. Bemerkenswert auch die ereignisschwere Zeit, in welche dieser Briefwechsel fällt - von 1905 bis 1935. Dazu noch die Persönlichkeit des Briefschreibers.Am 19. September 1932 schreibt Feininger etwa: "Es ist schlimm in Deutschland, wenn erst politische Leidenschaften überhandnehmen. Wie garstig ist und unehrenvoll, diese ganze Baushausaffäre. Alles ist wankend, in grenzenloser Furcht vor den Zeiten, die hereinbrechen mögen, und vergiftet durch Politik." Und am 5. Mai 1935, Jüdinnen und Juden wurden in Deutschlands bereits gedemütigt und verfolgt: "The Kulturkammer demand your and my Taufschein for Lux - Der Nachweis der arischen Abstammung ihrer Großeltern erübrigt sich ...".
Lyonel Feiningers Briefe an seine Frau Julia liegen im Original in der Houghton Library, nicht auf dem Mars. Nach Feiningers Tod hat Julia aus den Tausenden von Briefen einig hundert, die ihr besonders wichtig erschienen, ausgewaehlt und von diesen Auszuege erstellt. Von diesen Auszuegen finden sich wiederum Auszuege aus gut zweihundert Briefen in diesem Buch. Die Originalbriefe sind von groeszter kunsthistorischer Bedeutung und enthalten auch wunderbare Liebesbekundungen Feiningers an seine Frau Julia.Leider basiert dieses Werk nicht auf Feiningers Originalen, sondern auf Julias geschoenten und massiv manipulierten Abschriften. Dass Julia die Liebesbekundungen Feiningers manipuliert hat, mag man verstehen. Auch Ihre Klaerungen von mehrdeutigen Aeuszerung zum Thema Kunst ist oft hilfreich, noch oefter aber leider auch eine Perversion von Feiningers Auffassung, wie sie sich in den Originalbriefen findet. Der Maler Feininger ist ohne den Einfluss seiner Frau Julia nicht denkbar. Erst unter ihrem Einfluss hat er sich vom Karikaturisten zum Maler entwickelt und sie war stets seine wichtigste Reflexionsquelle fuer seinen kuenstlerischen Prozess. Er ist ihr weitgehend gefolgt, aber eben an ganz wichtigen Stellen auch nicht, und diese Divergenzen Feiningers sind in Julias stark manipulierten Auszuegen ins Gegenteil verkehrt. Das ist nicht der reale Feininger, den man in diesen fiktiven Briefen sieht, sondern Julias Ideal.Somit haben diese stark manipulierten Briefe kaum einen Wert, weil sie das kunsthistorisch Relevante und die originellen Liebesbekundungen, die diese Briefe so kostbar machen, nicht mehr enthalten.Es hat mich sehr geschmerzt, dass fast 50 Jahre nach der Publikation von June L. Ness, die das Feiningerbild in der englischsprachigen Welt weitgehend pervertiert hat, jetzt wieder, anstelle der Original-Briefe, auf Julias Fiktionen zurueckgegriffen wird. Dass dies nie wieder geschen darf (es sei denn, man interessiert sich fuer die Traume Julia anstelle der Wirklichkeit) ist seit Jahrzehnten Konsens in der Fachwelt. Dass der von mir bisher aeuszerst hoch geschaetzte Feiningerexperte Andreas Huenke hierbei mitgewirkt hat, wird die verheerende Wirkung dieses Buch wohl noch vergroeszern. Auszerdem scheint er nicht mehr in der lage zu sein, auf sein groszes Wissen zuzugreifen. Ein Beispiel: Dass die von Julia auf den 17.5.1911 datierte Postkarte vom Sonntag, 14.5.1911 ist, schon weil Feininger am Mittwoch wieder in Berlin war, sollte man wissen. Lustigerweise steht als ueberschrift ueber diese Postkarte nun "Sunday (17.V.1911) [Paris]", was ja den Fehler klar anzeigt. Peinlichsterweise korrigiert Andreas Huenke Feiningers Rueckkehrdatum auf S. 60 auf "Am 19. Mai keherte eer nach Zehlendorf zurueck.". Das ist Stuempertum pur und einfach nur peinlich, wenn man so eine grosze Autoritaet ist.Diese Publikation ist m.E. ein Verbrechen an der Historiographie.