Wer auf achthundert Jahre zurückblicken kann, hat viel gesehen und kann viel berichten. Städte sind im Allgemeinen stumm, ihre Bewohner und Bewunderer gleichermaßen laut und euphorisch. Riga, die Hauptstadt Lettlands, kann auf eine eben solche lange Historie zurückschauen und ihre Fans versammeln sich in diesem kleinen Büchlein, um lautmalerisch die Werbetrommel für die alte Handelsstadt zu rühren.Das berühmteste Gesicht der Stadt ist zweifelsohne Elīna Garanča. Die Cellistin lässt es sich nicht nehmen und steuert diesem Büchlein, das man bei einem Besuch in Riga unbedingt dabei haben muss, eine Anekdote über Richard Wagner bei. Er war hier angestellt. Das moderne Programm verwunderte den gebürtigen Sachsen. Doch es war ihm zu provinziell hier. Doch das Theater blieb ihm in Erinnerung, so sehr, dass Bayreuth heute durchaus mit dem Riga von damals zu vergleichen sei. In Bezug auf das Theater, natürlich…Regielegende Sergej Eisenstein staunt über die Kaufstraße. Die hieß wirklich so und war breiter als lang. Und da besonders der Laden „August Lyra, Riga“, wobei das Y wie JU gesprochen wird. Hier gab es Buntstifte, Tuschen Papiere, Federhalter et cetera. Und Fotopostkarten. Die hatten es ihm angetan. Wie ein kleiner Junge im Süßwarenladen fühlt sich Eisenstein in diesem Geschäft. Der Detailreichtum der Motive, die durchaus merkwürdige Auswahl selbiger (Selbstmord zweier Liebender, Kinder überm Abgrund, bewacht von einem Engel, Steinigung eines Mädchens fasziniert ihn. Er war nun mal ein optischer Mensch. Man denke nur an „Panzerkreuzer Potëmkim“, die Szene, in der die Löwen von Odessa erwachen, der Kinderwagen, der die Treppen hinunterrumpelt – alles Klassiker, die gern kopiert werden.Auch Krimi-Papst Henning Mankell ließ sich von Riga in ihren Bann ziehen. Seine „Hunde von Riga“ sind essentieller Bestandteil des Wallander-Kosmos. Mankell hätte sicher auch einen anderen Handlungsort wählen können. Aber nein, es musste Riga sein.Und wem es genau so geht wie dem schwedischen Krimiautoren, der sollte sich genau vorbereiten. Denn Riga schlummert noch ein wenig vor sich hin. Ja, der Euro hat schon Einzug gehalten und mit ihm so manche Ladenkette, die das Stadtbild … beeinflusst. Aber die wahren Schätze liegen noch unter der Oberfläche – danke dieses Buches treten sie aber nun so stark hervor wie nie zuvor. Riga mit den Augen der Autoren zu sehen, seien sie nun bekannt wie ein bunter Hund (oder zumindest einer aus Riga) oder in Wartestellung und auf Entdeckung verharrend, sie alle geben Riga ein Gesicht, das der Stadt besonders gut steht.
Die Reihe "Europa erlesen" ist eigentlich ein Garant für eine gute Textauswahl und besonderen Lesegenuss für alle, die sich auf literarische Entdeckungsreise begeben wollen. Der Band zu Riga macht da keine Ausnahme. Neben deutschbaltischen Autoren sind auch genügend "einheimische" Stimmen vertreten, große Namen (Bergengruen darf nicht fehlen) ebenso wie zahlreiche Entdeckungen weniger bekannter Autoren. Henning Mankell musste sicher wegen des Starstatus vertreten sein, obwohl sein Beitrag zu Riga vergleichsweise schwach ist und auch diesem Band keinen wirklichen Gewinn bringt. Das tut dem Gesamteindruck aber keinen Abbruch - am Ende bleibt ein vielschichtiges und differenziertes Bild dieser faszinierenden baltischen Metropole.