Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown war für mich wirklich ein ganz besonderes Buch. Noch nie haben es 413 Seiten so oft geschafft mich in tiefer Trauer oder auch Freude in Tränen ausbrechen zu lassen, oder mich so oft lachen lassen.Die Geschichte wird erzählt von einem Bären, Henry N. Brown, ursprünglich geboren als Henry Brown (das N. wurde seinem Namen erst später hinzugefügt) Er erzählt mit viel Gefühl sein Leben vom Augenblick seiner Geburt bis zum heutigen Tag.Wer in diesem Roman spannende Action erwartet ist leider sehr fehl am Platz. Um ehrlich zu sein würde es mich wundern, wenn jemand mit solch einer Erwartung überhaupt bis hier hin gelesen hat.Die Geschichte beginnt in der heutigen Zeit. Der kleine Teddy wird von einer Schriftstellerin auf einem Flughafen durch die Sicherheitskontrolle transportiert und für „auffällig“ befunden. Henry N. Brown ist schockiert und kann den ganzen Aufruhr nicht verstehen, genau wie die Schriftstellerin.„Ich war erstaunt, erschreckt und konsterniert. Die Tatsache, dass es möglich ist, ohne weiteres durch mich hindurchzusehen, traf mich völlig unvorbereitet. Es ist offenbar ein Leichtes, mein Innerstes zu betrachten und das zu entdecken, was ich während der vergangen vierundachtzig Jahre für mein best gehütetes Geheimnis gehalten habe.“ (S. 13)Die Geschichte wechselt immer wieder zwischen der heutigen Zeit, der Situation am Flughafen, und den Erlebnissen, die Henry N. Brown während der letzten vierundachtzig Jahre miterlebt hat. Man kann es fast als kleine Geschichten in der großen Geschichte bezeichnen, denn jede Szene enthält neue Situationen in denen man schmunzeln muss, hält neue seichte Abenteuer für den stummen Teddybär bereit und entführt den Leser in eine vollkommen andere Welt.In der ersten „Geschichte“ beginnt das eigentliche Leben Henry N. Browns. Er erblickt das Licht der Welt, als ihm von Alice Sheridan das zweite Auge angenäht wird.„Ich hörte. Ich sah. Ich war.“ (S. 23)Sofort beginnt der kleine Teddy zu denken, sich neugierig umzublicken und alles Leben um ihn herum in sich aufzusaugen. Dies tut er auf so niedliche Art und Weise, dass ich ihn sofort ins Herz schließen musste. Auch ohne Worte schafft er es die junge Alice, deren Partner nicht aus dem Krieg zurückgekehrt ist, zu trösten und schafft es sich mit seinem großen Herzen durch bloßes Beobachten und Zuhören ein Bild von der jungen Frau zu machen.Bei Alice lernt er die ersten kleineren Gefahren - in Form eines Katers - kennen, erfährt einiges über die Menschen und genießt sein Leben als Trostbär für diese unglückliche Frau.In ähnliche Situationen gerät er immer wieder auf seiner achtzigjährigen Reise durch ganz Europa. Seine Besitzer sind immer grundverschieden, wohnen in vollkommen unterschiedlichen Regionen und Verhältnissen, doch eins haben alle gemein: Sie brauchen Henry, weil sie sich sonst einsam und verlassen fühlen. Und diese starke Emotionalität hat die Autorin durch den Blick des Teddybären so gut beschrieben und erzählt, dass ich mir gar nicht vorstellen kann, wie man es besser machen könnte.Während der ganzen Jahre trägt der Teddy ein Geheimnis in sich, welches er selbst gar nicht genau kennt. Für ihn heißt es immer nur „Die Liebe“. Sie begleitet ihn, während er verloren, verschenkt oder gar vergessen wird. Seine Besitzer kann er sich natürlich auf Grund seiner Bewegungsunfähigkeit nicht aussuchen, aber nur deshalb lernt Henry so viele verschiedene Menschen kennen und erfährt soviel über sie, dass man von diesem kleinen Plüschbär viel lernen kann.Mir hat es sehr viel Spaß gemacht das Buch zu lesen. Für mich persönlich war das Interessanteste an der Geschichte sich in diesen stummen, wehrlosen Zuschauer hineinzuversetzen. Zwar ist Henry N. Brown ein offensichtlich sehr cleverer Teddybär, durchdenkt Situationen ausgiebig und weiß immer einen Kommentar zu denken, aber er kann – wie eben typisch für einen Teddy – einfach nicht handeln. Er kann sich nicht bewegen, nicht sprechen und nicht im Mindesten auf sich aufmerksam machen. Dies macht ihn zu einem ganz besonderen Erzähler, führt aber leider auch zu einigen sehr dramatischen und traurigen Situationen. So floss bei mir die erste kleine Träne, als der Teddy das erste Mal verloren ging. Sehr viele weitere folgten. Das ganze Buch ist oft sehr traurig, oft auch sehr schön, und auf allen 413 Seiten sehr emotional. Wer wie ich nah am Wasser gebaut ist, sollte die Taschentücher bereitstellen.Dieses Buch erzählt wunderbar über Dinge, die den Menschen ausmachen. Es erzählt von Liebe, Hass, Trost und dem Verzeihen. Durch die Augen des Teddys wirken all diese Dinge so kostbar und werden mit soviel Verstand beobachtet und durchdacht, dass man sich selbst nach der letzten Seite ein wenig anders betrachtet als zuvor.FAZITDas Buch ist absolut nichts für Menschen, die auf nervenzerfetzende Spannung oder Action stehen. Aber für jeden, der eine einfach schöne Geschichte lesen will, die aus einem sehr spannenden und sehr außergewöhnlichen Blickwinkel geschrieben ist (und vielleicht auch zumindest ein wenig Interesse an Geschichte mitbringt), kann ich Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown für ein paar laue Sommerabende (oder kalte Winternächte) wärmstens empfehlen.Jeder Mensch der Gefühle hat und sich gern mit diesen auseinander setzt, muss dieses Buch einfach lieben! Ich tue es. :)Von mir gibt es dafür fünf von fünf Sternen.
"Die unglaubliche Geschichte des Henry N. Brown" gelangte ganz zufällig in meinen Besitz, als ich mich von meiner Freundin mit einem "Buch-Überraschungspaket" überraschen ließ. Und eines kann ich nach der Lektüre dieses wundervollen Buches mit absoluter Sicherheit sagen: Es ist eines der schönsten Bücher, die ich je gelesen habe!Es geht um die Lebensgeschichte des kleinen, lieben Bären namens Henry N. Brown (der übrigens die Liebe in sich trägt). Es wechseln sich immer Gegenwart und Vergangenheit ab, wobei das "Hier und Jetzt" stets ein Kapitel einleitet und auch nur 1-2 Seiten lang ist. Anschließend erzählt uns Henry von seinem neuen "Heim" und berichtet auch, wie er die letzten Freunde (oder Besitzer) verlassen hatte.Das alles mag für den einen oder anderen recht langweilig klingen, und wer in diesem Buch actionreiche Spannung sucht, ist hier eher Fehl am Platz, doch die knapp 500 Seiten lohnen sich so sehr, dass ich dieses Buch umarmen musste, weil ich Henry Brown so sehr vermisse. Es ist liebevoll, traurig, lustig, ein klein wenig spannend, mitfühlend und man erfährt einige Dinge aus verschiedenen Ländern, in denen Henry - wenn auch nur für teilweise kurze Zeit - zu Hause war: England, Amerika, Frankreich, Italien, Deutschland, Norwegen, Ungarn. Angefangen mit dem Ersten Weltkrieg bereist Henry diese verschiedenen Länder, kehrt in einige mehrmals zurück, verlässt liebgewonnene Freunde und Familien, verliert diese leider auch aus den Augen, lernt jedoch neue und interessante Menschen und Kulturen kennen. Auch die Zeit des Zweiten Weltkrieges erlebt Henry mit, ebenso die nachfolgenden Jahrzehnte, die geprägt sind von verschiedensten revolutionären Bewegungen. (Eine solche Thematik interessiert mich persönlich nicht unbedingt sehr, doch Anne H. Bubenzer/Henry N. Brown beschreibt diese Zeiten und Geschehnisse eher grob und konzentriert sich auf das Wesentliche: Was fühlen die Menschen in Frankreich während des 2. Weltkrieges? Wie werden die Deutschen gesehen? Wie lernt Henry die Deutschen dann letztendlich selbst kennen? Wie ist das Leben im eisigen Norwegen? Warum ist Ungarn weniger fortschrittlich als Deutschland? Wieso lieben sich manche Menschen, während andernorts Kriege geführt werden?Auf solche und ähnliche Fragen kann Henry manchmal Antworten finden, muss sich aber zu oft damit zufrieden geben, doch "nur" ein Bär zu sein, und von Menschendingen "keine Ahnung" zu haben. Wie soll auch ein Bär, wie Henry, der zudem noch die Liebe in sich trägt, und dazu da ist, Menschen Trost zu spenden, verstehen, wieso es Kriege gibt, wieso Menschen anderen Menschen weh tun, und warum Kinder in jungen Jahren sterben, während ein paar 100 Kilometer weiter weg andere Menschen ein volles, glückliches Leben führen dürfen.Henry N. Brown ist nicht nur ein Bär, sondern ein Philosoph, ein Freund, ein Familienmitglied, ein Gefährte und ein treuer noch dazu, ein Trostspender in traurigen Momenten, ein Kamerad zum Freuen in glücklichen Zeiten. Henry N. Brown ist eine Geschichte und eine Legende, ein Held und sowohl der schönste Roman den ich bisher gelesen habe als auch der sympathischste Kerl, den ich mir vorstellen könnte.