Es war einmal eine wunderschöne und erfolgreiche Familie. Sie verbrachte ihre Sommertage auf einer kleinen privaten Insel an der Küste Massachussets. Ein gestrenger Hausherr wachte über sie alle. Er wollte nur das Beste für seine Töchter und Enkel. Doch das Beste war noch nicht gut genug. Angetrieben von dem Wunsch, ihm zu gefallen, verstrickten sich die Töchter in Lug und Trug. Doch das Imperium sollte nicht ewig währen.Eines muss man den Verlegern dieses Werkes lassen: man hat wahrlich keine Kosten und Mühen gescheut, um dieses Buch wie ein Mysterium anzupreisen. Um die Qualität dieses Buches noch höher zu schrauben, wird der Verkauf gleich durch eine ganze Auflistung an Pressestimmen und Zitaten von namhaften Autoren ergänzt. Ein paar Beispiele:“Thrilling, beautiful, and blisteringly smart, We Were Liars is utterly unforgettable.”- John Green“Lockhart has created a mystery with an ending most readers won’t see coming, one so horrific it will prompt some to return immediately to page one to figure out how they missed it. At the center of it is a girl who learns the hardest way of all what family means, and what it means to lose the one that really mattered to you.”-Publishers Weekly, starred review“This mindblowing YA thriller from E. Lockhart will make you glad you’re the 99 percent…And that’s about all we can tell you when it comes to the story of ‘We Were Liars,’ the book by E. Lockhart that everyone will be reading, and re-reading, this summer. It’s twisty, it’s mysterious, and it’s got a surprise ending that’ll knock your socks off.”-Kat Rosenfield, MTV NewsDie Geschichte rund um die Sinclair-Familie steht ganz im Zeichen von Desperate Housewives, American Beauty und Pretty Little Liars. Die Familie ist das hochgehaltene Alpha und Omega, doch die aufgeputzte Fassade ist starken Witterungsverhältnissen ausgesetzt. Alles ist mehr Schein als Sein – und dieser Schein soll um Gottes Willen um jeden Preis aufrechterhalten werden. Perfektion ist Alles, Perfektion ist Kapital und von letzterem haben die Sinclairs reichlich. Der alljährliche Sommerurlaub wird auf der eigenen Insel mit vier stattlichen Häusern verbracht. Dort buhlen vor allem die drei Töchter von Harris Sinclair um seine Gunst, denn ihren Lebtag hatten sie alles, was sie sich wünschten. Nie mussten sie einer richtigen Arbeit nachgehen, also sind sie angewiesen auf das großzügige Erbe des dominanten und autoritären Inselherrschers. Auch die Kinder haben unter dem konservativen Zepter zu leiden und werden für die Bemühungen der Erwachsenen instrumentalisiert.Wir folgen der Geschichte der Sinclairs durch Cadence Sinclair Eastman. Sie ist fast 18 Jahre alt, als sie beginnt, uns von dem Sommer zu erzählen, als sie 15 war. Es war ein Sommer wie jeder andere auf Beechwood Island und doch sollte sich alles ändern. Cadence wird Opfer eines tragischen Unfalls. Die kommenden Monate und Jahre sind durchzogen von schrecklichen Kopfschmerzen und Gedächtnislücken. Außerdem erachtet es ihre Familie für geboten, dass sie die nächsten Sommer nicht auf der Insel verbringen soll. Diese Isolation und Ungewissheit ist das Schlimmste für sie: Cadence weiß nicht, was im Sommer 15 vorgefallen ist. Nur langsam kommen die Erinnerungen zurück.Häppchen für Häppchen erfährt man mehr und mehr über die Intrigen innerhalb der Familie und die Lasten, die auf einem jeden Mitglied liegen. Es scheint, als hätte jeder Dreck am Stecken. Nur ganz sachte eröffnen sich die Ereignisse rund um Cadence’ Unfall. Niemand hilft ihr auf die Sprünge, sie muss selbst herausfinden, was vorgefallen ist. Cadence bedient sich bei der Schilderung der Ereignisse einer sehr jugendlichen Sprache, angereichert mit Melancholie und Leidenschaft. Die Wortwahl ist simpel, aber kunstvoll arrangiert und wirkt dadurch streckenweise sehr poetisch. Besonders über ihre Familie schreibt sie, als wären sie alle Teil eines Märchens mit der berühmten Frage nach der Moral von der Geschicht’. Bekannte Märchenthemen werden dabei zu einer Allegorie ihrer Familie und so dringt man immer tiefer in die Strukturen dieses Geschlechts ein, von dem man wahrscheinlich kein Abkömmling sein möchte. Was wirklich mit Cadence vorgefallen ist, soll natürlich auch hier nicht berichtet werden. Es ist der Geschichte zuträglich, wenn man so wenig wie möglich über die Personenkonstellationen weiß, deswegen möchte ich hier auch nicht wirklich darauf eingehen. Was man allerdings anmerken kann ist, dass die Charaktere für einen Jugendroman erstaunlich viel Tiefgang aufweisen. Auch der scheinbare Wert von Standesunterschieden und kultureller Herkunft wird thematisiert, ein Wert wie er in heutigen Gesellschaften mehr als antiquiert sein sollte, aber sicherlich dennoch nicht ad acta gelegt worden ist.Der Twist am Ende der Geschichte ist viel gerühmt, vielleicht aber auch in Teilen überbewertet. Möglicherweise ist man als geübter Leser schon zu sehr an die verschiedensten Geschichtskonstruktionen gewöhnt und auch, wenn man fleißig Filme (besonders Psychothriller schaut) dürfte einen das Ende nicht im Mindesten aus den Socken hauen. Im Grunde war mir schon nach den ersten Kapiteln klar, was da ungefähr passiert ist. Ich wusste zwar noch nicht wie, aber ich wusste, was das Resultat ist. Dennoch … auch dieses Erahnen hat einen ungeahnten Reiz ausgemacht, das Buch so schnell wie möglich durchzulesen. Entweder möchte man herausfinden, was passiert ist oder man möchte wissen, ob man Recht behalten sollte. So oder so vermag es die Erzählweise, einen in einen Lesetornado zu ziehen, aus dem man erst entlassen wird, wenn die letzte Seite gelesen ist. Ob überraschend oder nicht, dieses Buch sollte gelesen werden. Die eigene Meinung kann nicht ersetzt werden und spannende Lesestunden mit vielen Fragezeichen sind garantiert. Denn Sicherheiten gibt es hier keine.