Dieser Roman stand über Jahre in meinem Schrank, verstaubte, geriet in Vergessenheit und wurde von mir schliesslich ungelesen verschenkt, nachdem ich die vielen negativen Rezensionen auf Amazon gelesen hatte. Doch zur Zeit schwimme ich auf einer Retro-Welle, und ich fand es an der Zeit, genau diesen berühmten Roman genau jetzt zu lesen - und war völlig überrascht vom Konzept, Ausführung und Spannungsmodus desselben!Kurzum: Ein SF-Kenner sollte diesem Roman nicht weniger als 4 Sterne geben.Ich will im Folgenden erklären wieso.Die Story: Man werfe "Lockruf des Goldes" von Jack London und "Picknick am Wegesrand" von den Strugatzkis in einen Mixer, würze das Ganze mit ein paar lustigen Raumschiffen der DEFA-Zeit, schmecke ab mit dem Gaumen einer Jules Vernes Sternensehnsucht und, voilà, man erhält diesen frischen, zeitlos interessanten Gateway-Roman!Der Roman verfolgt zwei Handlungstränge, die sich kapitelweise abwechseln, beide erzählt aus der Perspektive des Hauptprotagonisten Robinette Broadhead, auch "Bob" oder "Robbie" genannt. Der eine Handlungsstrang, eine Psychoanalyse/Primärtherapie von Bob, spielt in der Zukunft des anderen, und nervt ein wenig zu Beginn, da die vielen Dialoge von Robbie mit dem Sigmund-Freud-Therapie-Hologramm, zu nichts zu führen scheinen und den Spannungsbogen des anderen, viel spannenderen Handlungsstranges, dauernd unterbrechen.Wer sich für "Gateway" jedoch Zeit nimmt, merkt, dass genau diese Strategie das Spannungsmoment des existenzialistisch-tragischen Glücksrittertums auf die Spitze treibt, denn das Ende des Roman ist, slopp gesagt, wirklich "voll krass" und die authentisch wirkenden Therapiestunden zeigen, wie Traumaaufarbeitung in Echtzeit funktioniert: voller Widerstände und Wut; Verdrängung, Aufbrüche, Erkenntnisse und Ausweichmanöver wechseln sich sprunghaft ab, und die Art des Traumas, das erst gegen Ende des Romans deutlich wird, ist ein zutiefst menschliches, ethisches, das sich in dieser Art quer durch die Literatur der Welt zieht: Unschuld, Schuld und Sühne zwischen Leben und Tod.Die Grundidee des Romans, mittels aufgefundenen Artefakten und lustigen Raumschifflein einer fremden Spezies namens Hitschi zu unbekannten Ufern aufzubrechen, wirkt seltsam unwirklich und ist teilweise physikalisch ungenau (Zeitdillatation/Relativitätstheorie) aber dennoch schillernd-spannend und phantasievoll beschrieben; eine Art "Russisch Roulette", ein Lotteriespiel unter Einsatz des eigenen Lebens. Eingeschobene Seiten mit fiktiven Kleinanzeigen, Astronomie-Vorträgen, Statistiken und Expeditionsprotokollen der Gateway-Welt schmücken die Geschichte zusätzlich.Zweifellos ist der Roman ein Produkt seiner Zeit. Sex and Drugs spielen eine wichtige Nebenrolle (man lese dazu Robert Silverbergs "Zeitpatrouille"!). Jede Frau und jeder Mann scheinen jede Nacht auf jeden Fall Sex zu haben, egal mit wem. Man wechselt Partner häufiger als die eigenen Socken. Zeitkoloritt und Kulturgeschichte zum Anfassen. Dazu gehört auch das Therapieprotokoll von Robbie, das den 70er Jahre Trend der gerade aufgekommenen wilden, emotionellen und körperbezogenen Therapien (Janov u.a.) genau widerspiegelt.Fazit: Gateway ist ein munter dahinerzählter und farbenfroher Schatzsucher-Roman mit einem völlig konstruiert wirkenden, aber dennoch atemberaubend spannenden Ende.Sein Geist lebt in der Trilogie "Transport" von Phillip P.Peterson weiter, dessen Romane den Lotterie-Spiel-Modus von Gateway auf andere Weise, aber dennoch sehr ähnlich verwenden.