Eine Perlenkette geistert immer wieder durch dieses Buch, "Das Geburtstagsgeschenk" ist sie, trotz ihrer Erlesenheit, aber nicht. Jane Atherton weiß um ihren Preis und will sie zu Geld machen, wenn sie nur wüsste, wie. Jane hat zwar genügend Verstand, um verschiedene Möglichkeiten abzuwägen, aber alles versandet bei ihr in kraftloser Ziellosigkeit. Ihre halbherzigen Pläne scheitern stets, sie wird immer merkwürdiger. Obwohl erst um die Dreißig, ist ihr Leben bereits abgenutzt, freudlos und in einer schäbigen Sackgasse steckengeblieben. Zwar hat das unscheinbare Mädchen aus der niederen Vorort-Mittelschicht ein abgeschlossenes Hochschulstudium, aber sie ist unattraktiv und nicht besonders nett; das schicke London, ganz nah und doch so fern, bleibt ihr für immer verschlossen. Ihr Wissen über diese fremde Welt in ihrer Stadt stammt aus Zeitschriften und aus zweiter Hand. Von Hebe Furnal, ihrer "Freundin" aus Studienzeiten, die eine heiße Affäre mit einem aufsteigenden Stern am Politikerhimmel hat, lässt sie sich als Alibibeschafferin benutzen. Zwar ist Hebe ebenfalls dem gesellschaftlichen Nichts entsprungen, aber sie hat, was sich viele Männer wünschen: lange Beine, langes blondes Haar, Charme und Spaß am nicht alltäglichen Sex. Mit diesem aufregenden Mix hat sich die Schöne nicht nur den jungen, gutaussehenden Liebhaber aus der englischen Oberschicht geangelt, sondern auch einen Ehemann, der seine Frau anbetet und sich redlich bemüht, die steile Gesellschaftsleiter nach oben zu klettern. Und während Jane von Geldnöten und damit verbundenen, nicht enden wollenden Demütigungen gestaucht wird, besucht die auf Händen getragene Jane in hochhackigen Stiefeln und ansonsten nackt unter ihrem schicken Mantel ihren aufregenden Liebhaber. Ihr 28. Geburtstag steht bald bevor, der mit einer inszenierten Entführung und anderen Spielereien gefeiert werden soll. Dass das Ganze im Desaster endet, konnte niemand voraussehen und hat keiner der Beteiligten gewollt. Das frivole Spiel ist aus, der makabere Ernst beginnt. Langsam.Ivor Tesham, Jurist, ein intelligenter, egoistischer Machtmensch, ein Draufgänger mit der richtigen Herkunft und exquisiter Ausbildung und daher bestens vernetzt, dazu blendend aussehend, hat fast alle Voraussetzungen für eine große Politikerkarriere. Allerdings hat er auch ungezügelten Appetit auf Sex mit freizügigen und schönen Frauen und keine Probleme damit, sie zu rekrutieren. Gefährlich nur, dass sich seine konservative Partei nach etlichen Skandalen besonders die "Rückkehr zu den Grundsätzen der Moral" auf die Fahne geschrieben hat. Und natürlich ist Ivor Tesham bedingt durch seine elitär-humanistische Erziehung theoretisch ein Gentleman mit moralischen Grundsätzen. Doch in der Praxis sieht es anders aus. Er ist skrupellos, wenn es um seine testosterongesteuerten Vergnügungen geht. Nun lauert hinter der respektablen und etablierten Fassade die Angst vor einem saftigen Medienskandal, der seine Karriere für immer zerstören kann. Aber für einige Zeit scheint sein Aufstieg unaufhaltsam, mit wachsendem Erfolg wird das Ticken der Zeitbombe jedoch immer lauter. Auch für die glücklose Jane, die endlich einmal ins Licht will, beginnt der Countdown zur Katastrophe.Erzählt wird das Kabinettstück um Politik, Geld, Macht und Verlogenheit, um Sex und Liebe und der Sehnsucht nach Glück aus der Sicht des Schwagers Ivor Teshams, ein kinderlieber Familienmensch, der auf die wenigen Jahre, die Teshams Aufstieg und Fall umfasste, kommentierend zurückblickt. Wir tauchen aber auch in die Gedankenwelt von Jane Atherton ein, was wahrlich kein Vergnügen ist. Der Umgang mit dem "Schuft" Tesham, Täter und Opfer gleichermaßen, ist wesentlich vergnüglicher. Mütter kommen in dieser Geschichte ebenfalls in mehreren Spielarten vor. Die eine verschanzt sich hinter ihrem Reichtum und glänzt durch Abwesenheit, die beiden anderen sind im Leben ihrer Kinder zwar stets präsent, aber wenig hilfreich in ihrer Ahnungslosigkeit. Verbittert, nörgelig und ständig unzufrieden die Vorstadtmutti, bigott, hilflos und naiv die Sozialhilfeempfängerin. Von ihren Kindern wissen sie nichts, die Männer und Väter wurden rechtzeitig vom Zeitlichen gesegnet. Der kleine Justin dagegen hat zwar einen Vater, vermisst aber seine Mutter und muss sich mit Betreuerinnen begnügen, die sich nicht sonderlich für ihn interessieren. Eine schöne, kinderliebe aber kinderlose Frau mit Hang zu komfortablem, jedoch moralisch anrüchigem Müßiggang und einige mehr oder weniger sozialschwache Loser komplettieren das Szenario, in dem die große englische Autorin Barbara Vine/Ruth Rendell ihre Geschichte angesiedelt hat. Längst hat sie den klassischen Kriminalroman hinter sich gelassen und präsentiert Gesellschaftskritik und Charakterstudien in nicht weniger spannenden Erzählungen. Die Welt ist nicht schwarz und weiß, auch nicht in England, wo das mit dem indischen Kastensystem vergleichbare Ständewesen unter der Oberfläche immer noch existiert - und funktioniert!, sondern hat unzählige Farbnuancen. Wer kann schon für sich in Anspruch nehmen, immer so zu handeln, dass es im Licht der Öffentlichkeit Bestand hat?Ivor Tesham, von der Öffentlichkeit aufs Potest gehievt, und, weil er den Erwartungen nicht entsprach und dafür von jenen verachtet wird, die sich von ihm verraten fühlen und von denen, die fassungslos sind, weil er sich kampflos erwischen ließ, fällt tief und findet sich am Ende - es hätte schlimmer kommen können, aber ihm bleibt immer noch sein Vermögen und die damit verbundenen Annehmlichkeiten - in der Bedeutungslosigkeit wieder. Wichtig kommt eben doch vielleicht in erster Linie von "Wicht". Das sollten wir besonders am heutigen Sonntag nicht vergessen.Helga Kurz27. September 2009