In Zeiten, wo jeder durch viele Funktionen eines Computerschreibprogramms Zugriff hat auf eine Vielfalt von sauber ausgeführten Schriften, wird die Sehnsucht nach handgemachten, individuell gestalteten Buchstabenprojekten größer denn je! Der Run auf Kalligraphiekurse und die Fülle von Handlettering-Büchern bestätigen diesen Trend.Die Schweizer Schriftkünstlerin Lach lädt in ihrem neuen Buch zu einem kreativen Spiel mit den Lettern eines französischen Textes ein. Sie setzt ihn in eine quadratische Form und variiert den Text 150 Mal. Auf Kosten der Lesbarkeit ändert Lach fortwährend die Buchstabentypen, das Buchstabenmaterial und die Technik der Buchstabendarstellung. Einige Buchstaben werden mit Federn, Finelinern oder Pinseln geschrieben, dabei überraschen die Fonts durch Variationen im Schwung, in den Serifen, in der Dicke, in der Gestaltung der Buchstabenfläche, der Zwischenräume oder der Konturen. Mit zeichnerischen Mitteln wirken die Lettern zerschnitten, zerbrochen, gelöchert, erhöht, eingegraben…. Manchmal wird dieses Gestaltungselement haptisch interpretiert – die Buchstaben werden wirklich geprägt, geritzt, ausgeschnitten, hinterlegt, mit herausquellenden Stoffen gefüllt, in Lochreihen gestanzt, ausgestickt, in dritter Dimension ausgeklappt. Hier und dort kommt Farbe ins Spiel durch Pigmente, Folien, durch Collagen auf bunten Hintergründen, durch das Übersticken mit Fäden, durch das Applizieren auf Filz und das Ausbrennen der Zwischenräume. Die Variationsmöglichkeiten sind beeindruckend! Dem Laien wird das Kopieren der Schriftbeispiele und der Transfer auf die Entwicklung eigener Texte schwer fallen. Wer ein Anleitungsbuch zur Entwicklung einer ausgereiften Handschrift erwartet, wird enttäuscht sein. Die vielen Abbildungen inspirieren dazu, eigene Buchstabenkreationen zu erfinden. Wenn man sich auf die Gesetzmäßigkeit der Buchstabenkonstruktion und -musterung einlässt, können im kreativen Prozess fehlende Buchstaben nacherfunden werden, die im Basistext nicht vorkommen. Das Buch macht deutlich, dass hier jemand die Schrift als Kunst beherrscht. Diese Welt werde ich vermutlich nie betreten, aber vielleicht wage ich mich durch dieses Buch an das gewagte Spiel mit einem Buchstaben, einem Wort heran….