Wie sagte doch letztens mal ein sehr kluger Literaturexperte und Rezensent über ihn (so sinngemäß)? - Da keinem Schriftsteller schon zu Lebzeiten der ganz große Ruhm zuteil wird, müssen wir uns wohl noch etwas gedulden; aber sein Leib wird nach seinem Ableben noch nicht einmal ganz erkaltet sein, da man ihn schon ganz schnell sehr nahe bei Goethe, Schiller und Lessing finden wird...
"Harun und das Meer der Geschichten" ist ein wunderbares Märchen für Kinder aber auch für Erwachsene, die sich nicht der Eintönigkeit der Wirtschaftswelt gebeugt haben und deren Phantasie ungebrochen ist.Raschid Khalifa, der Schah von Bla, das Genie der Phantasie, lebt von seiner besonderen Gabe des Geschichtenerzählens. Dabei sprudeln aus seinem Mund immer neue fabelhafte Erzählungen über Hexen, Prinzessinen, Helden, Bösewichtern usw. Als sein Sohn Harun ihn einmal fragt, woher denn all diese Geschichten kommen, antwortet sein Vater: "Aus dem großen Meer der Geschichten." Doch eines Tages verlässt Soraya ihren Mann, den Genie der Phantasie und dann sagt Harun die Worte, die er am liebsten niemals gesagt hätte: "Wozu sind Geschichten gut, die nicht einmal wahr sind?", fortan kann Raschid keine Geschichten mehr erzählen. Aus seinem Mund kommt nur noch ein Krächzen. Der Strom der Geschichten ist versiegt. Um seinen Fehler gut zu machen begibt sich Harun auf eine magische Reise. Er macht Bekanntschaft mit Wenn, dem Wasser-Dschinn, Aber, dem mechanischen Wiedehopf, Vielmaulfischen, den Eierköpfen, die verantwortlich sind für die Vzsze [Vorgang-zu-schwierig-zu-erklären], und natürlich dem Meer der Geschichten. "...stellt das Meer der Geschichtenströme die größte Bibliothek des Universums dar." Doch es lauern auch Gefahren in Gestalt des Ober-Bösewichts Khattam-shud. Der Junge muss ihn besiegen, doch selbst dann glaubt er nicht, dass alles gut werden wird. "Happy-Ends kommen in Geschichten, genauso wie im Leben, viel seltener vor, als die Menschen sich das vorstellen.""Harun und das Meer der Geschichten" ist eine wunderbares Märchen, das sowohl Kinder, als auch Erwachsene anspricht. Salman Rushdie hat die Geschichte für seinen Sohn Zafar geschrieben. Er beschreibt den Zauber und die Magie der Worte und Träume. "Indem man den Gegenständen Namen gibt...ruft man den jeweils gekennzeichneten Gegenstand ins Leben."Die Namen von Raschid und Harun stammen von dem Kalifen Harun-al Raschid, der zumeist aus den Märchen von 1001 Nacht bekannt ist. Viele andere Namen und Orte entstammen anderen Geschichten oder dem Hindustani. "...keine Geschichte kommt aus dem Nichts; neue Geschichten entstehen aus alten..." Es fällt nicht schwer, sich Salman Rushdie als den Geschichtenerzähler Raschid vorzustellen, der mit Worten jongliert und seinen Sohn Zafar (Harun) damit verzaubert. Zudem ist das Buch eine Liebeserklärung an den Jungen. "Jawohl, mein Junge, in dir steckt mehr, als auf den ersten Blick zu erkennen ist.""Harun und das Meer der Geschichten" war außerdem das erste Buch von Rushdie nachdem Ajatollah Khomeini eine Fatwa zur Tötung des Schriftstellers verbreitet hatte, wegen angeblicher Gotteslästerungen in Rushdies Buch "Die satanischen Verse". Deshalb finden sich in dem Märchen auch viele Anspielungen auf unfähige Regierungen, "...überlassen wir unseren gekrönten Häuptern niemals eine wirkliche Entscheidung", Gewaltherrschaften, "...dass sogar die allerschlimmsten Dinge so alltäglich sind...", unterdrückte Menschen, "...konnten endlich in freien Wahlen jene Männer bestimmen, die sie auch wirklich haben wollten", und die Macht der Sprache und Demokratie, "Die vielen Auseinandersetzungen und Debatten, die uferlosen Diskussionen hatten mächtige Bande der Kameradschaft zwischen ihnen geknüpft", doch vor allem spricht sich Rushdie für die Magie der Phantasie aus.