Northanger Abbey zählt zu den Frühwerken Jane Austens (1775 – 1817), das zwischen 1798 und 1803 entstanden sein soll, jedoch erst nach ihrem Tod veröffentlicht wurde – sehr zu unrecht, wie ich finde. Der Verlag hat den Roman im Rahmen seiner farbenfrohen Penguin Klassiker Edition in der Übersetzung von Andrea Ott und mit einem informativen Nachwort von Hans Pleschinski neu aufgelegt.Jane Austen ist eine genaue Beobachterin und erstaunlich versierte Stilistin. Im vorliegenden Roman wird uns ihre Protagonistin aus der Position eines allwissenden Erzählers heraus als ziemlich durchschnittliche Anti-Heldin mit einer großen Liebe zu Romanen und Schauergeschichten vorgestellt: „Niemand, der Catherine Morland als Kind gekannt hatte, wäre auf den Gedanken gekommen, dass sie zur Romanheldin bestimmt sei. Die familiären Verhältnisse, die Eigenschaften der Eltern, Catherines Aussehen und Veranlagung sprachen sämtlich gegen sie.“ (Erster Satz)Allein diese Erzählperspektive ist ein wunderbarer Kunstgriff, der den Leser immer wieder amüsiert, sobald von außen wertend oder erklärend ins Geschehen eingegriffen wird.Catherine ist eines von zehn Kindern einer Pfarrersfamilie auf dem englischen Land. Da sie allmählich ins heiratsfähige Alter kommt, wird es Zeit, dass sie ins gesellschaftliche Leben eingeführt wird. Insofern kommt es Familie Morland sehr gelegen, dass das befreundete kinderlose Ehepaar Allen Catherine zur Sommerfrische in die angesagte Bäderstadt Bath einlädt. Dort angekommen langweilt sich die junge Frau zunächst, bis sie die Bekanntschaft des jungen wohlhabenden Geistlichen Henry Tilney macht, mit dem sie sich auf Anhieb gut versteht und zarte Bande knüpft. Während jener die Stadt ohne ihr Wissen für einige Tage verlassen muss, lernt Catherine das Geschwisterpaar Isabella und John Thorpe kennen. Letzterer ist auch mit Catherines Bruder James befreundet, wodurch sich die Vier leicht für gemeinsame Unternehmungen verabreden können. James und Isabella scheinen sich sogar ineinander zu verlieben. Auch John, ein ziemlicher Prahlhans, macht Catherine eifrig den Hof, die das in ihrer grenzenlosen Naivität zunächst gar nicht realisiert.Wie bei Jane Austen üblich ergeben sich aus dieser Grundkonstellation heraus Liebesirrungen und -wirrungen. Der Leser enttarnt Isabella und ihren Bruder sehr schnell als berechnende, ausschließlich auf ihren Vorteil bedachte Personen, die sich nach einer möglichst guten Partie sehnen und das Wohlergehen anderer Menschen aus reiner Eitelkeit hintenan stellen. Catherine indessen merkt das nicht und ist bemüht, eine treue Freundin zu bleiben. Austen zeichnet ein ungemein zutreffendes Sittenbild der englischen, vermeintlich besseren Gesellschaft zu Beginn des 19. Jahrhunderts, in der Vermögen, Status und tadelloses Benehmen immense Bedeutung hatten. Mit Catherine Morland wird eine unbedarfte, sympathische Heldin beschrieben, die immer wieder selbst über ihre Affinität zu Schauergeschichten stolpert, wenn ihre Fantasie die Realität überlagert. Es ist bemerkenswert, wie es der Autorin gelingt, sowohl das damalige Frauenbild als auch die zu jener Zeit begehrte Literatur mit Ironie und satirischem Unterton zu skizzieren. Ihre spritzigen, spitzzüngigen Dialoge machen einfach Spaß.Jane Austen hat ihr eigenes Strickmuster, das man auch in diesem Roman wiederfindet. Man kann wunderbar eintauchen in diese vergangene, uns fremde Welt, in denen die beschriebene Gesellschaftsschicht sich kaum nennenswerte Sorgen machen muss, sondern sich fast alles nur um Vergnügen, Vermögen und Stellungen dreht. Sowohl Figuren wie Schauplätze werden pointiert und anschaulich beschrieben. Das Happy End lässt zwar auf sich warten, ist sicherlich auch etwas vorhersehbar, wird aber trotzdem glaubwürdig hergeleitet. Austen schreibt keine Dramen, sondern Gesellschaftsromane mit Liebesgeschichte inklusive. Dabei tappt sie niemals in die Kitschfalle. Der Schreibstil passt zur Zeit und ist trotzdem wunderbar eingängig, was auch der gekonnten Übersetzung geschuldet sein dürfte. Jane Austens Werk war bereits zu ihren Lebzeiten sehr angesehen, heute zählt die Autorin zu den bedeutendsten Schriftstellern Englands.Ich habe auch diesen, meinen fünften Jane-Austen-Roman, von der ersten bis zur letzten Zeile sehr genossen. Er bietet leichtfüßige, wunderbar erzählte Unterhaltung vom Feinsten und eignet sich bestens auch für alle Leser, die einen Einstieg in die so genannte klassische Literatur suchen.