Joseph Conrad (1857 – 1924) stammte aus Polen, fuhr dann lange Jahre zur See, bevor er sich parallel dazu als Schriftsteller einen Namen machte. Die vorliegende Erzählung „Herz der Finsternis“ erschien im Original 1899. Man kann davon ausgehen, dass Conrad eigene Erfahrungen darin verarbeitet hat.In der Rahmenhandlung liegt die Kreuzerjacht „Nellie“ auf der Themse vor Anker und wartet auf Niedrigwasser, um auslaufen zu können, was sie am Ende der 169 Seiten auch tun wird. Kapitän Charlie Marlow wird der Mannschaft bis dahin die Zeit vertreiben, indem er sie mit Seemannsgarn versorgt.„Marlow entsprach nicht dem üblichen Bild eines Seemanns; für ihn steckte der Sinn einer Geschichte nicht wie ein Kern in ihr drin, er umhüllte sie gleichsam wie einen Lichtschein.“ (S. 10) In diesem Sinne erzählt Marlow von seiner Handelsexpedition als Binnenkapitän auf dem Kongo, die ihn einst von Abenteuerlust getrieben ins Innere Afrikas führte. Die Landkarte dieses Kontinents bestand damals noch aus zahlreichen weißen Flecken. Marlow berichtet gemächlich von seiner gefährlichen Reise. Dabei versteht er es, Atmosphäre zu schaffen und unbekannte Landschaften vor dem Auge des Lesers entstehen zu lassen. Die rückblickende Grundhaltung Marlows ist von Anfang an klar: „Die Eroberung der Welt ist – genau betrachtet – nichts Erbauliches; meist läuft es darauf hinaus, dass man denen, die eine andere Hautfarbe oder platte Nase haben, ihr Land wegnimmt.“ (S. 13)Über verschiedene Stationen kommt Marlow voran, seine Eindrücke sind vielfältig. Langsam bewegt sich schließlich der alte Dampfkahn vorwärts, es gilt, zahlreiche Hindernisse zu überwinden. An den Ufern: undurchdringliche Wildnis, verlassene Stützpunkte, Überbleibsel fremder Kulturen und das Gefühl, permanent beobachtet zu werden. „Ganz allgemein nahm ein Gefühl der Bedrückung und Verwunderung in mir überhand. Es war wie die Vorahnung eines bösen Traums.“ (S. 29)Marlows Erzählung wirkt nüchtern, er ist ein genauer Beobachter, der nur ins Geschehen eingreift, wenn es lebensnotwendig wird. Gerade deshalb wirken seine Erlebnisse sehr authentisch und realistisch, erinnern teilweise an Schauergeschichten. Helden sucht man vergeblich. Er schildert, wie schwarze Arbeitskräfte ausgebeutet werden und hungern müssen, wie sie weißer Willkür ausgeliefert sind und zum Spielball wirtschaftlicher Interessen werden. Angebliche Handelsgeschäfte zeichnen sich dadurch aus, dass man die Einheimischen mit billigem Tand versorgt und dagegen wertvolles Elfenbein eintauscht. Erschreckend, mit wie wenig Widerstand sich einzelne Völker unterjochen lassen, sie erliegen dem „Zauber des weißen Mannes“. Das schwarze Menschenleben ist wertlos, der gruselige Mythos vom Kannibalismus omnipräsent.Eingebunden ist das Geschehen in einen Bericht von wunderbarer Sprachschönheit, wie man sie von guten Klassikern gewöhnt ist. Zwischendrin wendet sich Marlow immer wieder an seine Zuhörer auf der „Nellie“, wobei sich auch der Leser angesprochen fühlen darf.Joseph Conrad bezieht eindeutig Stellung gegen den Kolonialismus. Er sieht den Raubbau, die Unterdrückung, den Machtmissbrauch. Er hinterfragt die fadenscheinigen Rechtfertigungen (Zivilisierung, Erziehung, Missionierung), kritisiert die organisatorische Unfähigkeit der rohen, ungebildeten Invasoren, deren robuste Gesundheit ein weitaus höheres Gut für die Karriereleiter darstellt als fachliche Kompetenz.Es hat mich sehr beeindruckt, wie deutlich Conrad hier die Schattenseiten der Kolonialisierung als Zeitzeuge definiert. Uns heutigen Lesern reichen ein paar Stichworte, um das Kopfkino in Gang zu setzen, weil wir die brutalen Konsequenzen der damaligen Entwicklungen kennen. Es schmerzt zu erleben, wie rabiat gegen Natur und Menschen aus reiner Habgier vorgegangen wurde. Es muss nicht alles auserzählt werden, Anspielungen reichen.Die Übersetzung von Fritz Güttinger orientiert sich am Originaltext. Die editorische Notiz erläutert die Nutzung von heute umstrittenen Begriffen, die jedoch bewusst beibehalten wurden, um keine Geschichtsverfälschung oder eine Verharmlosung des Rassismus zu betreiben. Das Nachwort von Ernst Weiss bietet einige biografische Fakten zum Autor, vernachlässigt aber leider konkrete Informationen zur Entstehung/ Rezeption dieser Erzählung.Das farbenfrohe Büchlein aus dem Penguin Verlag wird meine Klassikersammlung bereichern. „Herz der Finsternis“ lädt gewiss zu einer Zweitlektüre ein. Ich bin Joseph Conrad mit seinem Marlow sehr gerne auf ihrer Reise gefolgt und empfehle das Buch allen Lesern, die sich an schöner Sprache erfreuen und in eine andere Welt eintauchen wollen.
Kurzmeinung: Anfänge imperialistischer Kritik - ein Zeitzeugnis.Man sollte die Lebensdaten Conrads (1857-1924) kennen und berücksichtigen, wenn man seine Werke liest. Es wäre auch nicht verkehrt, ein wenig mehr von ihm selbst zu wissen, zum Beispiel, dass er schon in jungen Jahren zur See fuhr und sich vom einfachen Matrosen hocharbeitete, dass er die Welt bereiste. „1886 erhielt er im Alter von 30 Jahren die britische Staatsbürgerschaft. 1888 wurde er Kapitän der Otago; es sollte seine einzige Position als Kapitän sein. Seine Erlebnisse zur See, insbesondere im Kongo und auf den malaiischen Inseln, bilden den Hintergrund seines Werkes.“ So steht es in Wikipedia. „Heart of darkness“ erschien 1902. Die Handlung: Ein alter Kapitän, Marlow, erzählt, sich mit einigen Seeleuten auf der Themse befindend, von einstigen Abenteuern, die er erlebte als er den Kongofluss befuhr. Dass Conrad dabei aus eigener Anschauung schöpft, merkt man an den stimmigen Beschreibungen des Urwalds, den sein Dampfer in der vorliegenden Erzählung befährt. Von unserer heutigen Sicht aus gesehen, ist seine Sprache pathetisch und schwer, seine Ausführungen langatmig, dennoch kann man die Bedrohlichkeit der unberührten Wildnis mit Händen greifen. Da Englisch nicht Conrads Muttersprache ist, kann man ihm seine manchmal umständlichen Wendungen leicht verzeihen. Nigel Frederick Barley, ein englischer Anthropologe, der sich ausführlicher (als ich) mit Herz der Finsternis beschäftigte, sagt: „Das Buch basiert [also] auf Conrads eigenen Erfahrungen als Kapitän eines Flussdampfers auf dem Kongo zur Zeit des Kongo- Freistaats als Leopold II. von Belgien das unermesslich große Land zu seinem persönlichen Eigentum erklärt hatte. Die Einheimischen, die niemals zuvor von Leopold gehört hatten, waren plötzlich seinen unberechenbaren Forderungen ausgeliefert, mussten Gewalt, Verstümmelung und Tod fürchten, wenn sie sich seiner Gier oder der seiner Handlanger widersetzten“ Was passiert genau?Der Dampfer holt von einer weit entfernten Niederlassung einen Agenten für Elfenbein ab, einen gewissen Herrn Kurtz. Dieser will das „organisierte“ Elfenbein nicht mehr an seine Company herausrücken und soll deshalb abgesetzt werden. Die Fahrt dorthin, den Kongo hinauf ist beschwerlich, man meistert diese Schwierigkeiten mithilfe von angeheuerten „Wilden“, die die Schwerstarbeit verrichten. Belohnt werden sie durch Hunger, denn sie bekommen nichts zu essen, die Heuer besteht in einigen Stücken Draht. Sterben sie unterwegs, werden sie mir nichts dir nichts wortlos über Bord geschmissen.Conrad schildert ohne große Emotionen und weitgehend ohne Wertung die Ausbeutung des Landes und der schwarzen Menschen.Vieles wird indessen nur angedeutet. Was hat Kurtz gemacht im Urwald, wodurch erhielt er eine gottgleiche Anbetung oder wurde er nur aufgrund bestialischer Unterdrückung gefürchtet? Der Leser kann sich vieles denken, doch weiß er es nicht so genau; schließlich nimmt man den todkranken Kurtz an Bord. Er ist nicht nur physisch, sondern auch mental an Afrika gescheitert. Das ist die stärkste Aussage des Romans.„Herz der Finsternis“ wird heute unterschiedlich bewertet. Für seine Zeit ist es bemerkenswert, dass sich Conrad überhaupt der Thematik des europäischen Imperialismus und des Kolonialismus ziemlich ungeschminkt annimmt; und wie realistisch er die Zustände zeichnet. Es gibt keinen Weichspüler in seinem kleinen Buch. Die unmenschliche Gier der Invasoren ist ihr hervorstechendes Charakteristikum. Fazit: Ein frühes Zeitzeugnis europäischer Ausbeutung und des europäischen Rassismus. Kategorie: Klassiker der WeltliteraturVerlag: Penguin Edition, 2022