Ich wurde seitens der Amazon.de - Redaktion per E-Mail aufgefordert, meine Meinung zu "Carrie" kundzutun, was ich hiermit gern tun will. Ersparen kann ich mir, denke ich, die einschlägigen Hinweise auf die Hintergründe, die zum Zustandekommen, zur Veröffentlichung und zum Durchbruch dieses Erstlings von Stephen King geführt haben. Es weiß eh jeder, und wenn ich das nochmal referieren würde, würde das eh nur dem fadenscheinigen Zweck dienen kundzutun, dass ich das Wissen ebenfalls drauf habe. Also kann ich mir das auch ebensogut schenken. Wir sind ja hier schließlich nicht in der Schule! Im übrigen beinhaltet die e-book-Ausgabe ein umfangreiches Nachwort, wo das alles ausführlich drinsteht und das auch auf die Verfilmung von Brian de Palma aus dem Jahr 1976 eingeht. Letztere übrigens mit einer Sissy Spacek in der Titelrolle, die - und das steht weder im Nachwort, noch ist es bei wikipedia nachzulesen, sondern es ist mein eigenes Urteil - wirklich bezaubernd ist! Besonders in der Szene, wo sie mit ihrem Schwarm Tommy beim Abschlussball am Tisch sitzt.Nun war aber tatsächlich dieser Film der Anlass für mich, das Buch anzufordern.Den Film hatte ich bereits etliche Male gesehen und war restlos überzeugt, wie die Sache abgelaufen ist: Sue überredet ihren etwas simpel gestrickten Freund dazu, die Auenseiterin Carrie auf den Abschlussball zu begleiten, die Stimmzettel werden manipuliert, Carrie und Tommy müssen als Paar des Abends auf die Bühne, wo schon die bösartige Chris zusammen mit dem gutmütig-vertrottelten Billy darauf wartet, einen Eimer mit Schweineblut über Carries Kopf auszuleeren - eine gehässige Anspielung auf Carries erste Menstruation, die sie unter der Gemeinschaftsdusche nach dem Sportunterricht ereilt und zum Amüsement ihrer Mitschülerinenn in Panik versetzt hat. Das Ganze also ein abgekartetes Spiel, das letztlich in dem Amoklauf Carries endet, bei dem sie durch ihre telekinetischen Kräfte einige Mitchüler und Lehrer zu Tode bringt, die zuvor über die Situationskomik lachen musste.Ins Wanken gebracht hat meine Ansicht die Besprechung einer Neuverfilmung im Rahmen eines Filmforums, die neben dem bekannten Film auch die Romanhandlung einbezogen hat. Wäre es nicht doch möglich, dass Sue an dem Komplott gar nicht beteiligt war, sondern tatsächlich Buße tun wollte, indem sie ihren Freund dazu überredet, Carrie quasi als Wiedergutmachung zum Ball einzuladen? Und ist ihr Freund Tommy vielleicht doch nicht der stumpfe und oberflächliche Schönling, als den ihn de Palma inszeniert? Aber wenn das so ist: Wieso erscheint Sue plötzlich doch auf dem Ball und ist dann am Grinsen wie ein Honigkuchenpferd, sobald sie ihres Freundes samt Carrie auf der Bühne ansichtig wird ...? Seltsam, seltsam!Um diese Fragen zu klären, gab es nur eines:Ich musste das Buch lesen!Und tatsächlich hat mich der Roman in Sachen Aufhellung nicht im Stich gelassen. Wesentlich deutlicher und ausführlicher gezeichnet finden sich hier die Hauptcharaktere mit all ihren Motivationen und Widersprüchen. Stephen Kings Sue kaufe ich ab, dass sie wirklich ein schlechtes Gewissen und etwas wiedergutmachen möchte, Tommy ist in der Vorlage überhaupt kein stupider Schönling, sondern ein integrer und intelligenter junger Bursche, der sich seiner Verantwortung durchaus bewusst ist - inklusive des Zweifels, ob er Carries Martyrium mit seiner Einladung nicht noch schlimmer macht. Weder Sue noch Tommy hatten eine Ahnung von dem Plan mit den Eimern voll Blut - was ihnen allerdings im Nachhinein niemand akauft! Denn in Form fingierter Buchauszüge, Zeitungsartikel und Anhörungsprotokolle präsentiert uns der Autor einen Einblick in Carries tragischen Werdegang unter ihrer wahnhaft religösen Mutter. Ebenso schildert er die Folgen für den Ort, die das durch Carrie angerichtete Massaker nach sich zog - und die sind, gelinde gesagt, katastrophal! Was mir ebenfalls gut gefallen hat: Der Roman reflektiert die Grenzlinie, ab wann ein Sreich zu einer kriminellen Handlung wird. Eine Figur kennt sich da nämlich zufällig genauestens aus. Und das ist nicht Chris!Als nicht ganz so stark empfinde ich die Passage, als es zwischen den beiden Protagonistinnen gegen Ende zu dem unerlässlichen Showdown kommt. Das erscheint mir dann doch etwas aufgesetzt und auch ein wenig zu dick aufgetragen.Alles in allem haben wir es hier jedoch mit einem psychologisch und dramaturgisch sorgfältig durchgearbeiteten Roman zu tun, der durch den Einschübe von Pseudo-Zitaten aus verschiedenen nachträglich entstandenen Quellen einen besonderen Reiz erhält (im Nachwort erfahren wir, dass der Autor hier aus der Not eine Tugend gemacht hat - dies aber durchaus gekonnt!) und als Erstling bereits viele Qualitäten des späteren Bestsellerautors vorwegnimmt.Was die Verfilmung betrifft, so würde ich ihr die Lektüre des Buches allemal vorziehen. Der Roman ist ausfühlicher und präziser, und die Fragen, die der Film aufwirft, stellen sich aufgrund eines anderren Handlungsverlaufes überhaupt nicht! Die einzigen Pluspunkte, der für den Film sprechen, sind wirklich Sissy Spacek und ihr grandioses Schauspiel.