Schopenhauer vertritt eine Metaphysik des Willens. Der Wille zum Leben ist das ewig herrschende Lebensprinzip. Es ist unser Wesenskern, der uns als Individuum überdauert. Im Tod zerfällt der Körper und es entsteht ein neues Individuum, indem der Wille beharrt und, die Gestalt eines neuen Wesens annehmend, einen neuen Intellekt, ein neues Bewusstsein erhält.Nach Schopenhauer zerfällt unser Wesen in einen wollenden und einen erkennenden Teil, in Wille und Intellekt, in Herz und Kopf. Der Wille ist unvergänglich und unzerstörbar, denn sein Streben nach Dasein und Manifestation, woraus die Welt hervorgeht, wird stets erfüllt. Der Wille als unser wirklicher Lebensquell und Kern geht im Tode nicht unter, sondern bleibt unversehrt. Im Tod geht jedoch das erkennende Ich, das individuelle Bewusstsein unter.Das unzerstörbare Urwesen „Wille zum Leben“ objektiviert sich in allem Da-seienden. Dieser Wille zum Leben lebt und entfaltet sich in jedem Dasein. Ich werde dessen aber wegen der Täuschung, die mein Bewusstsein von dem der übrigen trennt, nicht inne. Der Tod ist die Aufhebung dieser Täuschung. Wir werden im Sterben inne, dass eine bloße Täuschung unser Dasein auf unsere Peron beschränkt hatte.Schopenhauer zieht diese Erkenntnis aus der bloßen Betrachtung der Natur: der Tod mäht unermüdlich. Dessen ungeachtet aber ist alles da, an Ort und Stelle, als wenn alles unvergänglich wäre. Jederzeit grünt und blüht die Pflanze, steht Tier und Mensch in unverwüstlicher Jugend da. „Was also drängt sich unwiderstehlicher auf, als der Gedanke, dass das Entstehen und Vergehen nicht das eigentliche Wesen der Dinge treffe, sondern dieses davon unberührt bleibe, also unvergänglich sei.“ Wir fühlen es und wir erfahren es, dass wir ewig sind, dass in uns etwas ist, was nicht durch den Tod zerstört werden kann.Paradoxerweise kleben wir alle also an unserem individuellen Leben; an einem Leben, dessen Wesentlichstes aber gerade nicht das individuell Besondere ist, sondern der zugrunde liegende metaphysisch-allgemeine Wille zum Leben.Im Leben individualisieren wir uns, wir versteifen uns auf uns selbst. Daher haben viele im Alter kaum noch einen Zugang zu anderen Lebensentwürfen und schon gar kein Verständnis mehr dafür. Dies ist ein Mangel. Warum sollte aber unser kleinliches, enges, auf die Probleme des Alltages gerichtetes Bewusstsein ewig andauern? Der Tod ist daher für Schopenhauer die große Zurechtweisung, welcher der Egoismus durch den Lauf der Natur erhält. Das Sterben ist der Augenblick jener Befreiung von der Einseitigkeit einer Individualität, die nicht den Kern unseres Wesens ausmacht. Der Tod ist ein Schlaf, in dem die Individualität vergessen wird. Alles andere bleibt wach.In Schopenhauers Texten verliert der Tod seinen Schrecken, weil er uns nicht ganz zerstört, weil der Wille weiterlebt. Anders als im Christentum lässt er unsere individuelle Besonderheit untergehen. Es gibt keine Strafe für den Bösen, kein Himmelreich für den Guten. Wie kommt aber der natürliche Wille in die Welt? Danach fragt Schopenhauer nicht mehr. Er ist einfach da.Die von Ernst Ziegler herausgegebenen meist kurzen Texte Schopenhauers sind sehr gut geeignet das Denken Schopenhauers über die letzten Dinge auch Nichtphilosophen nahe zu bringen.