Die Komplexität Europas Anfang des 19. Jahrhunderts wird überzeugend dargestellt. Das fast verzweifelte Bemühen der Nationen um ihre Vorherrschaft unter den Mächtigen führte immer wieder zu kriegerischen Auseinandersetzungen, brachte aber keine dauerhaften Lösungen. Erst die napoleonische Gefahr führte zu ernsthaften Bemühungen, tragfähige Konstellationen für Europa zu suchen. Der Wiener Kongress war das Schlüsselereignis in diesem Zusammenhang und dieses Büchlein erleichtert das Verständnis der Probleme, die die Nationen untereinander hatten und der Ansätze zu akzeptablen Lösungen.
Herr Professor Doktor Duchhardt weiß viel und er zeigt das auch gern. Dagegen ist nichts einzuwenden. Nur scheint er vergessen zu haben, für wen er das Büchlein schreibt. Den Leserkreis der Reihe C.H.Beck Wissen kennzeichnet der Verlag so: „Alle, die sich anspruchsvoll, knapp und kompetent informieren wollen“ – was vermutlich Schüler der gymnasialen Oberstufe und Anfangssemester meint, aber naturgemäß interessierte Laien einschließt. Denen wird hier einiges zugemutet. Sie wissen nicht, was im ersten und zweiten Pariser Vertrag steht? Und den Aachener Kongress von 1818 kennen Sie auch nicht?! Ihr Pech! Und dann die Diktion: Bandwurmsätze mit mehrfacher Verschachtelung fast auf jeder Seite. Der Höhepunkt kommt auf der letzten – ein Satz über 15 Zeilen: Wahrhaft ein „Finale furioso“ – so die Kapitelüberschrift.So weit zur Form. Man wundert sich, daß hier das Lektorat des Verlages nicht helfend und korrigierend eingegriffen hat. Aber vielleicht gibt es das gar nicht mehr.Nun sind die Erwartungen, die sich an ein solches Buch richten, naturgemäß verschieden. Wer also unbedingt wissen möchte, wer mit wem gekungelt und wer mit welcher Dame ins Bett gestiegen ist, wird im Kapitel „Akteure und Aktricen“ (30 Seiten) zweifellos Befriedigung seiner Neugier finden und auch das folgende („Gesellschaftsspiele“, 9 Seiten) genießen können. Das einleitende Kapitel („Das Vor- und das Nachspiel“) hingegen bleibt blaß und bietet wenig Erhellendes (der Titel wirkt – wahrscheinlich unfreiwillig – etwas frivol, wenn man bedenkt, was auf den folgenden Seiten kommt). Im Kapitel „Spielregeln“ (11 Seiten) erfährt man etwas zur Arbeitsweise des Kongresses, unter anderem, daß es keine Vollversammlungen gab, sondern Arbeitsgruppen, die sich mit einzelnen Aspekten beschäftigten und ihre Arbeitsergebnisse vorlegten – sofern denn welche erzielt wurden.Im letzten Drittel des Buches (!) wird es dann handfester und wer sich eigentlich dafür interessiert, was hinsichtlich der Politik geschah und warum, wird hier aufatmen. In den Kapiteln „Spiele mit dem Feuer“ und „Finale furioso“ geht es dann endlich um das, was verhandelt wurde und was dabei herauskam. Wegen des verbliebenen Vorrates an Seitenzahlen naturgmäß knapp. Immerhin: Sachsen und Polen, Deutschland und der Deutsche Bund, Schiffahrtsrechte, Judenemanzipation und Sklavenhandel werden knapp skizziert und ganz zum Schluß kommt auch Italien noch vor. Ach ja, dann noch eine „Auswahlbibliographie“ (3 Seiten) und ein Personen- und Sachregister (5 Seiten).Wem das reicht, kann das Büchlein getrost kaufen. Ich persönlich bedaure nicht die Geldausgabe (die ja sehr bescheiden ist), sondern die vergeudete Zeit.