Timothy Snyder ist wütend. Sehr. Das geht vielleicht noch mehr Menschen, nicht nur in Amerika, so. Bei Snyder aber gesellt sich zur Wut einerseits ein ausgeprägter Sachverstand über gesellschaftliche und politische Gegebenheiten seiner Heimat und auf der anderen Seite die Fähigkeit, die innere Befindlichkeit durch Worte präzise und treffend auszudrücken.Wobei sich Snyder in diesem neuen, schmalen Band auf das amerikanische Gesundheitssystem fokussiert. An dem, das sei vorweggesagt, allerdings die gesamte gesellschaftliche Prägung der Vereinigten Staaten und die unmissverständliche Ausrichtung alleine auf materiellen Erfolg (oder materielles „Ausnutzen“ der anderen) immer wieder mehr als hintergründig durchklingt.Was Corona schonungslos vor Augen stellt zur Zeit, was aber eine lange Geschichte in den Vereinigten Staaten bereits hat. Betrachtet man alleine die „Unsummen“, die an opioidhaltigen Schmerzmitteln verdient wurden, ohne Rücksicht auf die Erzeugung von Sucht durch ebendiese Medikamente und die Verwahrlosung einer erklecklichen Anzahl an Menschen in Amerika durch diese Medikamente.„Der Zweck der Medizin besteht nicht darin, während kurzer Leben aus kranken Körpern maximalen Gewinn zu ziehen“.Wenn dann noch bewusst wird, dass Amerika eines der wenigen, wenn nicht das einzige politische Gebilde der „westlichen Zivilisation“ ist, in dem die Lebenswertung seit Jahren sinkt, dann ist klar und deutlich, dass dieses System nicht funktioniert, um die Gesundheit der Bevölkerung wirklich zu verbessern. Woraus die Frage folgt, ob die Zeichen des Misserfolgs nicht klar gesehen werden können (was Unsinn wäre), oder das ganze einem System, bestimmten Werten folgt, die eben keinen gesteigerten Wert auf eine gute Gesundheitsversorgung des eigenen Volkes legen.„Profit für einige Wenige, statt Wohlstand für viele“.Wie Snyder im Klappentext zusammenfasst, passt dies umfassend auf den Inhalt, den Snyder methodisch und fundiert vor Augen führt.Was umso mehr Gewicht erhält, wenn Snyder von einer eigenen schweren Erkrankung berichtet und er unmissverständlich zur „Wut“ aufruft. Weil er am eigenen Leib erlebt hat, dass es nur um Profit, nicht um Gesundheit geht. Die nur insoweit eine Rolle spielt, als sie den Profit steigern könnte oder Krankheit die Basis für mehr Profit ist.Aber nicht zu einer blinden Wut, sondern einer Wut, die „Empathie“ nach sich zieht. Für die Menschen. Für die „Krankheit“ der USA, für das, was getan werden kann, sollte und eigentlich muss, um erste Schritte in ein besseres System zu gehen. Was angesichts der erbitterten politischen Widerstände gegen die Verbesserungen der Obama-Regierung allerdings hoch unwahrscheinlich wirkt, solange die traditionellen Kräfte der politischen Klasse in den USA weiterhin an den Hebeln der Macht verbleiben.Vielleicht aber rüttelt die überzeugende Argumentation Snyders aber doch mehr Menschen auf, als sich bisher für Verbesserungen einsetzen. Denn wenn klar wird, dass das Ziel derer, die die Richtung bestimmen, eben nicht die Verbesserung der Gesundheit der Gesellschaft als oberste Priorität verfolgt, mag es so manchem den Blick öffnen für das, worum es scheinbar wirklich geht.„Wir sind keine Dinge. Wir sind Menschen, und wir gedeihen, wenn wir als solche behandelt werden“.Das wäre dem Buch zu wünschen, tatsächlich Wirkung zu erzeugen.