Leben in gestohlener Luft Schicksale, die man nie mehr vergisst: Ljudmila Ulitzkaja erzählt von drei Freunden, die in der Sowjetunion aus Liebe zur Literatur zu Dissidenten werden. Ilja, der Fotograf, wird schon früh zum Chronisten der regimekritischen Bewegung. Erst Jahre später stellt sich heraus, dass er auch für den Geheimdienst KGB tätig war, und er muss fliehen. Eine Tragödie für seine Frau Olga, die ihn bei seinem Tun unterstützt hat. Für sie bleibt er die große Liebe ihres Lebens, auch als er im Westen längst mit einer anderen zusammenlebt. Auch Micha und Sanja geraten in Konflikt mi t der Staatsmacht ...
Bewertungen & Erfahrungen
4,0 von 5
4 Bewertungen
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Verteilung basiert auf 4 vorliegenden Einzelbewertungen.
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Redaktion09.06.2026
testmonster.de · Redaktion
Ein faszinierendes Buch über die Schicksale von Freunden in der Sowjetunion, das sehr bewegend ist. Die Geschichte ist sehr packend, auch wenn manche Details etwas zu dicht sind.
Mir hat das Grüne Zelt gefallen, weil es eine Zeitspanne beschreibt, die ich an den Universitäten Moskau (MGU) und Novosibirsk/Akademgorodok beinahe 1:1 in den Jahren 1984-86 miterlebt habe. Es gab dort in meinem Wohnheimleben als "Staschor" an physikalischen Fakultäten Freunde, die mir ihre sowjetisch-russische Welt zeigten, wozu z.T. nicht-legale Schritte nötig waren. Ich habe einen kleinen Einblick in das Mokauer russisch-jüdische Leben bekommen und - was die Dominante war - in das Leben der sowjetischen Intelligenzija, egal ob russisch, jüdisch, germano- oder slawophil, russisch-patriotisch oder gar asiatisch/anti-russisch: Man war sich einig, dass es so nicht weitergehen kann, dass die Folge Breschnew-Andropov-Chernenko in einen Neubeginn münden muss. (Chernenko wurde intern als "lebende Leiche" tituliert, Andropov galt in KPdSU-Kreisen - recht unscharf skizziert - als genialer Lyriker mit Weitsicht, weil er indirekt Gorbatschov intronisierte.) Es gab große Ratlosigkeit, wo denn die Reise hingehen solle, und daher Aktivität im Kulturbereich, verzweifelte Suchbewegungen nach Alternativen. Die Liedermacherszene stand mir besonders nahe. Der amerikanische Weg war durch den weit zurückliegenden Vietnamkrieg zunächst diskreditiert. Der eigene Afghanistankrieg der UdSSR hat dies aber relativiert. Wichtig waren auch Berichte von Dienstreisenden der Nomenklatura, die ihre privilegierten studierenden Kinder mit neuesten Stereoanlagen etc. aus Westdeutschland versorgten und innerhalb der Nomenklatura die Einsicht förderten, dass die Nation mit Trotzki, Lenin und Stalin auf die falschen Pferde gesetzt hat. Zumal man sich ja donnerstags selbst mit Lebensmittellieferungen durch einen untertänigsten Muschik versorgen ließ und bei ihm für die kommende Woche Bestellungen aufgab: Fleisch aus Australien, Kaffee aus der Schweiz etc. etc. Diese Zustände bildeten sich in der Gefühlswelt, im Nachdenken und in den Suchbewegungen der eingeweihten akademischen Jugend ab, wie Ulitzkaja es beschreibt.Ich habe ältere Moskauer Kollegen auf Buch und Autorin angesprochen und hörte zum Teil, diese Literatur sei für das Ausland da, im Lande läse man sowas nicht. Dies offenbart, dass die Nachricht noch immer nicht überall angekommen ist, erklärt aber, warum das moderne Russland ist, wie es halt ist -- und Putin sein durchaus passender Repräsentant. Wir sollten unsere Mitnationen nehmen, wie die Geschichte sie geformt hat, und Gelassenheit im Umgang damit entwickeln, wie auch im Umgang mit den z.T. schwer erträglichen Schrullen des wiedervereinigten Deutschlands.
Das große Problem dieses Romans ist zweifelsohne sein Kompositionsprinzip, das im Wesentlichen durch das achronologische Erzählen geprägt ist. Die Art des Erzählens ist aber in diesem Fall ein vollkommen leerer Kunstgriff: Es wird weder Spannung aufgebaut, noch geht es darum – wie es bei historischen Romanen, die auf dieses Verfahren zurückgreifen häufig der Fall ist –, die verschiedenen Zeitebenen oder eigentlich unabhängig voneinander verlaufende Erzählstränge mit einer zu konfrontieren. Ganz im Gegenteil wird mit diesem Verfahren unnötige Verwirrung gestiftet, welche die Auseinandersetzung mit einer Heerschar von Figuren blockiert; so ist es kaum überraschend, dass die Figuren eigentlich am Leser vorbeigehen. Dem leistet zusätzlich der Umstand Vorschub, dass diese Figuren samt ihren Geschichten und Schicksalen dem russischsprachig orientierten Leser in dieser Form schon zigmal untergekommen sind – weshalb man dies alles im Jahr 2010 auf diese konventionelle Weise bemühen muss, ist mir nicht ganz ersichtlich. Zuletzt würde ich noch den Umgang mit der russischen Kultur monieren: Ständig werden Namen von Künstlern – insbesondere Literaten – genannt, es wird immer wieder auf einzelne Figuren aus ihren Werken verwiesen, Gedichte werden zitiert... Dummerweise – und das ist vielleicht so eine typische Geschichte für viele osteuropäische Gebildete – entsteht kein interessantes intertextuelles Spiel, es wird – ironischerweise ziemlich stumpf und staatstreu – der Kanon heruntergebetet (auf die gleiche Weise, wie Literatur an russischen Schulen und Unis gelehrt wird – meist ohne Sinn und Verstand eignet man sich lexikalisches Wissen an).Das hört sich jetzt alles furchtbar negativ an, jedoch kann ich nicht sagen, dass ich mit der Lektüre unzufrieden wäre: Die einzelnen – durch das achronologische Erzählen lose zusammenhängenden – Kapitel sind für sich genommen interessant und halten einen bei der Stange. Bisweilen erinnert das Buch so an Aleksievičs Interviewkollagen, erreicht aber an keiner Stelle ihre Meisterschaft. Insgesamt lässt es sich mit einem ruhigen Bach im Wald vergleichen – es ist schön und angenehm, aber kein literarisches Meer oder gar ein literarischer Wasserfall.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 19:39 Uhr.