Dieser Roman besteht aus einem einzigen langen Monolog Marias, der Mutter eines Sohnes, dessen Name nie genannt wird.Lange Jahre, nachdem Christus am Kreuz gestorben ist, will die Mutter Jesu von der Heiligkeit ihres Sohnes noch immer nichts wissen. Seinen Wundern gegenüber ist sie skeptisch und den Schmerz über seinen Verlust hat sie nie überwunden. Jetzt ist sie alt, vermutlich über 70 Jahre, lebt in Ephesus. Seit einiger Zeit bekommt sie regelmäßig Besuch von zwei Männern, die sie befragen und sie in die frühchristliche Legendenbildung um das Leben Jesu und seinen Tod einbinden wollen. Sie soll nur das erzählen, was diese Männer hören wollen, nicht, was sie erlebt hat. Doch sie weigert sich, sich an Ereignisse und Fakten zu erinnern oder sie zu bestätigen, die es gar nicht gegeben hat.So erzählt sie ihre Geschichte sich selbst: Es ist ihre Geschichte und zugleich die Geschichte ihres Sohnes, der nach vielen ungewöhnlichen Vorkommnissen eine immer größere Gefolgschaft bekommt, und so ein Dorn im Auge der alten aber auch der neuen Obrigkeit wird. Dabei entfernt er sich immer weiter von seiner Mutter. Trotzdem liebt sie ihn mit der verzweifelten Liebe einer Mutter. Aber vor seinem qualvollen Tod kann sie ihn nicht retten. Und ihre Liebe zum eigenen Leben ist schlussendlich größer als die Liebe zu ihrem SohnEs ist die Geschichte der Mutter Jesu aus ihrer eigenen, klaren, kritischen Perspektive, aus der heraus der Rummel um ihren Sohn merkwürdig und besorgniserregend wirkt. Sie erzählt ehrlich sich selbst gegenüber - von ihrer ganz persönlichen Trauer, ihrer fehlenden Frömmigkeit und ihrem Eigensinn. Es ist die Geschichte einer Frau, die nicht verstehen will, weshalb ihr Sohn sich von ihr abwandte, und die auch nicht an den christlichen Gott glaubt.Colm Tóibín ersetzt das überhöhte Idealbild der Mutter Gottes durch eine Maria aus Fleisch und Blut, eine fast untröstliche, eine leidende und ängstliche Mutter, eine Zweiflerin, die mit Sorge und Zorn auf das Gerede der Männer reagiert, die Jesus zum Sohn Gottes erklären wollen.Toíbín hat Maria eine eindrucksvolle Stimme verliehen: klar, trocken, unsentimental und nüchtern. Er lässt sie lebendig und sehr menschlich werden in ihrer Hilflosigkeit und Verzweiflung aber auch ihrer Stärke. Ein wenig zaghaft startet der Monolog, steigert sich dann aber unablässig und wirkte zumindest auf mich mitreißend.Durch ihre Augen eröffnet Colm Tóibín einen völlig neuen Blick auf das Christentum und erschafft ein ungeahnt menschliches Porträt der Ikone Maria.Lesenswert nicht nur für Christen sondern für jeden, der sich mit der Frage beschäftig, was den Menschen ausmacht. Und gerade weil es in Teilen sehr verstörend ist, eröffnet es Möglichkeiten des Nachdenkens. „Ich war dort. Ich floh, bevor es vorbei war, aber wenn ihr eine Zeugin braucht, dann bin ich eine Zeugin, und wenn ihr sagt, dass er die Welt erlöst hat, dann sage ich, dass es das nicht wert war. Das war es nicht wert.“
Da die ganze Kultur um den Christlichen Glauben hauptsächlich männlich geprägt ist bzw. dominiert, war der Roman ganz erfrischend die Geschichte um Jesus einmal aus dem Blickwinkel "der Mutter Jesus` " zu lesen. Auch wenn es nur fiktiv ist, es könnte tatsächlich so geschehen sein; gut geschrieben auch wenn es stilistisch etwas einfach daherkommt, doch Frauen um Christi-Geburt konnten angeblich weder lesen noch schreiben oder gar die Schule besuchen. Darum wirkt es fast authentisch. Es liest sich sehr schnell.
Angenehm: Keine "Himmelskönigin", keine "Madonna mit feinen Kleidchen und Krönchen auf dem Haupt", nichts "Heiliges" oder gar eine Göttin, nein, eine einfache Frau in ihrer persönlichen Lebenssituation, eine "normale" Mutter, welche bescheiden, zurückhaltend lebt und eher ängstlich besorgt um ihren Sohn ist. Umfeld und Familie werden nicht näher beschrieben und doch entsprechen die Fundamente der Geschichte den Überlieferungen der Bibelgeschichte. Es scheint, dass Maria sich wenig um den "heiligen" Weg ihres Sohnes und seiner Mitstreiter kümmert sondern wie jede Mutter um das Wohl ihres Sohnes bangt.