Fünf Bände gibt’s über die britische Familie Cazalet. Es geht um vier Geschwister, drei Generationen und zwei Jahrzehnte. Dies hier ist Band 1. Die Buchreihe war so erfolgreich, dass die BBC sie verfilmt hat. Es muss also was dran sein an dem Stoff.ALSO: WAS PASSIERT HIER?Öh … das Leben. Nichts weiter. Eine britische Großfamilie verbringt in den Jahren 1937 und 1938 jeweils die Sommerferien in Sussex bei den (Groß-)Eltern auf dem Land. Die Familienmitglieder gehen sehr unterschiedlich mit der Angst vorm Krieg um. Und sie tun das, was Familien eben so machen: Sie lieben und sie streiten sich.WER IST DER PROTAGONIST?Es gibt nicht den oder die eine(n), sondern ca. 20 verschiedene. Jede Episode wird aus dem Blickwinkel einer anderen Person erzählt. Zu Wort kommen Familienangehörige, Freunde und Bedienstete.IST DAS SPANNEND?Sagen wir so: Ein klassischer Spannungsbogen ist nicht erkennbar. Es sind eher viele kleine Erhebungen. Also ungefähr so, wie wenn man mit einem Fahrzeug über Kopfsteinpflaster rumpelt. ;-)WAS IST DANN DER REIZ AN DER GESCHICHTE?Wenn es keinen eindeutigen Helden gibt, mit dem man sich identifizieren kann und keinen packenden Plot, warum liest man das dann? Na ja: Warum hat man TV-Serien wie DAS HAUS AM EATON PLACE angeschaut? DIE JAHRE DER LEICHTIGKEIT bedient einen gewissen Voyeurismus. Man kann bei den Reichen und Schönen vergangener Zeiten und ihrem Personal heimlich über den Gartenzaun linsen – und auch durchs eine oder andere Schlüsselloch. Und riskiert man einen Blick in die Schlafzimmer, stellt man fest: So verklemmt, wie die immer tun, sind sie gar nicht. Jedenfalls nicht alle.Davon abgesehen sind die Einstellungen der Leute noch sehr viktorianisch: Mädchen brauchen, von Haushaltsführung abgesehen, nicht viel zu lernen. Von Politik und Weltgeschehen müssen sie nichts wissen. Ihr einziges Ziel ist, sich gut zu verheiraten und Kinder zu bekommen. Und ganz wichtig: Anständige Frauen haben keinen Spaß am S*x! Dafür gehen die Kerle alle fremd.Familienoberhaupt ist der vermögende Holzhändler William „Brig“ Cazalet. An seiner Seite ist seine Frau Kitty, die den Spitznamen „Duchy“ trägt. Zu Beginn der Geschichte ist sie 70, er 77.Zwei ihrer Söhne – der ernsthafte, kriegsversehrte Hugh und der leichtlebige Edward – sind in der Geschäftsführung des Familienunternehmens tätig. Rupert, der jüngste Sohn, ein jung verwitweter erfolgloser Künstler, schlägt sich als Lehrer durchs Leben. Die unverheiratete Schwester Rachel, 38, kümmert sich um ihre Eltern und engagiert sich sozial. Mit ihrer Freundin Sid verbindet sie eine tiefe Liebe, aber die bleibt, sehr zu Sids Kummer, rein platonisch. Kann es sein, dass Rachel so behütet und weltfremd aufgewachsen ist, dass sie nicht einmal weiß, dass es Beziehungen zwischen Frauen gibt?Die vielen Cazalet-Enkel den richtigen Eltern zuzuordnen, ist für den Leser nicht immer ganz einfach. Man kann aber vorne im Buch im Stammbaum nachgucken. Die hier sind wohl die wichtigsten:* Teenager Louise pfeift auf das, was die Leute sagen und macht ihr eigenes Ding. Mag sein, dass die Welt keine weiteren Schauspielerinnen braucht. Louise will aber eine werden. Was sie nicht will: die Avancen eines nahen Verwandten. Aber wem sollte sie sich anvertrauen?* Christopher ist Pazifist und will auf keinen Fall in den Krieg ziehen. Er fasst einen abenteuerlichen Plan.* Den jüngeren Burschen graust vor der Rückkehr in ihre Internate, wo’s Mobbing gibt und Regeln, von deren Existenz man erst erfährt, wenn man sie unwissentlich übertreten hat. Die Jungs tun buchstäblich alles dafür, um nicht wieder dort hin zu müssen.Eine interessante Figur ist die altjüngferliche Lehrerin der Kids, Miss Eleanor Milliment. An ihrem Beispiel erfahren wir einiges über die Situation mittelloser allein stehender Frauen zu jener Zeit.Im Sommer 1938 platzt das Anwesen von Brig und Duchy vor lauter Besuch aus allen Nähten. Die Männer der Familie gehen in London ihren Geschäften nach, die Ehefrauen, Schwägerinnen, Schwestern, Schwiegermütter, Tanten … haben sich aus Angst vor Luftangriffen nach Sussex zurückgezogen.Es ist interessant, die Ereignisse aus der Perspektive der Familie Cazalet zu sehen – mit ihrem Wissenstand von damals. Dass wir LeserInnen mehr wissen als die Personen im Roman, bringt Spannung in die Geschichte. Man möchte ihnen zurufen: „Glaub dies nicht, mach lieber das!“ Und das nicht nur im Hinblick auf die Vorbereitungen auf den Krieg.Auch wenn es hier nicht viel Action gibt, fragt man sich als Leser doch, wie es mit den Cazalets und ihrem Anhang wohl weitergeht: Wie werden sie den Krieg überstehen? Kommt die ahnungslose Ehefrau, die nach Strich und Faden betrogen wird, irgendwann hinter die Geheimnisse ihres Mannes? Und was wird aus der Kinderschar und ihren Sorgen und Plänen? Der Blick durchs Schlüsselloch weckt doch die Neugier.