Fünf Bände gibt’s über die britische Familie Cazalet. Es geht um vier Geschwister, drei Generationen und zwei Jahrzehnte. Dies ist Band 3 und er spielt in Sussex und London während des Zweiten Weltkriegs. Genau gesagt zwischen März 1942 und Mai 1945.Auch wenn das Buch einen Stammbaum der Familie Cazalet enthält, ein Personenverzeichnis und eine zweiseitige Zusammenfassung der Ereignisse aus Band 1 und 2, hat man meines Erachtens als Quereinsteiger kaum mehr eine Chance, der Handlung vernünftig folgen zu können. Zu zahlreich sind die Personen, zu komplex ihre jeweiligen Geschichten. Man sollte bei dieser Reihe schon vorne anfangen.Die Cazalet-Saga gehört zu den Reihen, die man entweder hasst oder liebt. Für die Gegner hat’s hier zu viele Figuren und zu wenig Action. Die Fans lieben die Reihe als Gesellschaftsromane, in denen man den Personen sehr nahe kommt. Sie verbergen nichts vor dem Leser, und man sieht, welche zum Teil verheerenden Auswirkungen der Krieg auf unschuldige Zivilisten hat. Die Kinder, die dürftig gebildeten Dienstboten und die politisch unbedarften Ehefrauen haben den Krieg weder gewollt noch angezettelt. Er legt nur ihr Leben in Trümmer.Kommen wir zu den Personen: Den einen Protagonisten, um den sich alles dreht, gibt’s hier nicht. Es geht hier wirklich um den ganzen Familienclan. William und Kitty Cazalet sind schon in ihren Siebzigern und Achtzigern. Sie tun, was sie können, um ihren Kindern mit Anhang einen sicheren Unterschlupf auf dem Familien-Landsitz „Home Place“ in Sussex zu bieten. Dass die Söhne Hugh und Edward die Woche über in London verbringen, um sich um das Familienunternehmen zu kümmern, ist unvermeidlich.Sohn Rupert wird in Frankreich vermisst. Seit zwei Jahren haben sie nichts mehr von ihm gehört. Nur seine Tochter Clary (17) glaubt fest an seine Rückkehr. Akribisch führt sie Tagebuch, damit er, wenn er wieder da ist, nachlesen kann, was während seiner Abwesenheit alles passiert ist.Clarys Stiefmutter, Ruperts zweite Frau Zoe, 27, hat die Hoffnung aufgegeben und verzweifelt an ihrem ungewissen Status. Ist sie nun Witwe oder Ehefrau? Je, nachdem, wie die Antwort lautet, hat das Auswirkungen auf ihre weitere Lebensplanung.Louise Cazalet (19) hat ihren Traum von der Schauspielkarriere auf Eis gelegt und den deutlich älteren prominenten Maler und Marineoffizier Michael Hadleigh geheiratet. Dass das eine krasse Fehlentscheidung war, merkt sie bald. Doch als ausgebildete Schauspielerin gibt sie die glückliche Ehefrau und Mutter sehr überzeugend. Das geht so lange gut, bis ein Verwandter ihres Mannes sie durchschaut. Das Drama nimmt seinen Lauf …Louises Cousinen Clary und Polly wollen der Enge des Landlebens entfliehen und ziehen nach London, um dort auf eine Sekretärinnenschule zu gehen. Nicht gerade ihr Traum, eher eine Notlösung. Clary liebäugelt mit einer Schriftstellerinnenkarriere, Polly träumt von einer Ehe mit einem Freund, der davon allerdings nichts weiß.Da ist dann noch Cousine Angela, die nach einer großen Enttäuschung auf die schiefe Bahn zu geraten droht, Nora, die nun doch keine Nonne geworden ist und Teddy, den der Krieg in die USA verschlagen hat – sie alle schockieren ihren stockkonservativen Familienclan mit überraschenden Zukunftsplänen. Das Schicksal von Noras Mann und seinem Freund Tony geht einem dabei besonders nahe.Selbst das angeheiratete Ekel Raymond, das bisher hauptsächlich seine Unfähigkeit als Geschäftsmann, Ehemann und Vater unter Beweis gestellt hat, zeigt nun seine menschliche Seite und rührt uns durch eine traurige Geschichte. Nur Edward Cazalet und Jessica Castle – Villys Schwester – sind immer noch die gleichen narzisstisch angehauchten Unsympathen. Da gibt’s keine liebenswerte Facette und keine positive Entwicklung– und von mir auch keinerlei Mitleid. So!Und was ist jetzt mit dem vermissten Cazalet-Sohn Rupert? Wenn er tatsächlich noch lebt, müsste er doch nach Kriegsende nach Hause kommen … Aber würde er sich da überhaupt noch zurechtfinden? So vieles hat sich verändert.Ich bin auf die Entwicklungen gespannt und freue mich auf den nächsten Band. Mich interessiert vor allem, ob ein gewisser amerikanischer Captain sein Vorhaben nochmals überdacht hat.Gestört hat mich in diesem Band nur ein Stilmittel, das mir bei Band 1 und 2 gar nicht aufgefallen ist. Vielleicht ist es neu: Bei Szenenwechseln lässt uns die Autorin oft ein bis zwei Seiten lang raten, wer hier eigentlich agiert. Dann erst fallen Namen. Man ist also permanent am Überlegen, wer von den Personen aktuell dieses und jenes Problem haben könnte und mit wem er/sie es diskutieren würde.Na ja, im Zweifelsfall ist der Gesprächspartner ohnehin Archie Lestrange, der alte Kumpel von Rupert Cazalet. Er spielt den Ersatzvater für Ruperts verwaiste Kinder und wird ob seiner Gutmütigkeit von der ganzen Sippe als Beichtvater und Notnagel ausgenutzt. Er kapiert das sehr wohl, wehrt sich aber nicht dagegen. Das ist wohl der Preis, den er für seine Quasi-Familienzugehörigkeit zu den Cazalets zu zahlen gewillt ist. Archie wird seine Gründe haben …