Frank Wedekind (1864-1918) war nicht nur seinen Zeitgenossen ein Rätsel. Die Literaturwissenschaft tut sich bis heute schwer mit ihm und sieht ihn irgendwo zwischen Verklemmung und sexueller Obsession. Sein Enkel Anatol Regnier ermöglicht nun einen neuen Blick auf diesen zutiefst widersprüchlichen Menschen. Mit zahlreichen s/w-Abbildungen im Text.
Bewertungen & Erfahrungen
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Der Name Wedekind steht für „Frühlings Erwachen“ und „Lulu“. Als mir diese Biografie unter die Augen kommt, blitzt mir durch den Kopf, dass ich über diesen Autor kaum etwas weiss. Als gebürtiger Aargauer ist mit bekannt, dass er auf Schloss Lenzburg aufgewachsen ist und an der Kantonsschule Aarau die Matura gemacht hat. Damit hat es sich. Die Biografie macht mich neugierig auf das Leben dieses Autors, der im Kanon der Klassiker schlummert und immer wieder mal auftaucht. Regnier arbeitet den schwierigen Charakter seines Grossvaters, den er bloss aus Dokumenten und Erzählungen kennt lebendig heraus. Als Untertitel der Biografie wählt der Autor „Eine Männertragödie“. Und tatsächlich, die Lebensgeschichte von Frank Wedekind liest sich wie ein Thriller. Regnier versteht es, die Zeit, in der die Biografie spielt, mit den verschiedensten zeitgeschichtlichen Aspekten (Gründerzeit z.B. mit den Konservenfabriken HERO und MAGGI, für Schweizer ein Begriff!) so lebendig aufleben zu lassen, dass neben dem rein biografischen ein spannendes Zeitdokument entsteht. Dann der besondere Lebens- und Leidensweg Wedekinds. Sein privates Leben und sein Leben als Berufsmann in der Öffentlichkeit. Das ewige Auf und Ab in seiner Ehe mit Tilly. Seine Eskapaden, Sentimentalitäten und Besitzansprüche. Als Wedekind mit Schreiben und Schauspielern (zusammen mit Tilly) Erfolg hat, bleibt sein Alltag als Dramatiker ein ewiger Kampf gegen die Zensur. Er schreibt gegen den Naturalismus an und schockiert die Menschen, die sich nicht daran gewöhnt sind, dass intime Dinge offen ausgesprochen werden. So laviert er zwischen Zensur und Publikumsungust, wird aber vom jungen Bertolt Brecht als ein bahnbrechender Autor erkannt. Hinzu kommt der schwierige Charakter Wedekinds, der es versteht, sich auffällig in Szene zu setzen, dabei misstrauisch und aufbrausend ist und sich, bei allen sentimentalen Anwandlungen, trotz seiner grossen Vernetzung in der Kulturwelt mit allem was Rang und Namen hat dennoch immer als Einzelkämpfer gebärdet, der sich zum Teil rechthaberisch durchkämpfen muss, dabei aber seine Umwelt, insbesondere die holde Weiblichkeit mit seinem Charme zu betören versteht.
Für mich ein ganz wunderbares und herausragendes Buch der Gattung Biografie! Der Autor hatte natürlich als direkter Nachfahre der Titelfigur sehr intimen Einblick in dessen Vita; er versteht es aber auch dem Leser ebenfalls solche Einblicke aus größtmöglicher Nähe zu eröffnen. Trotz dieser Nähe gelingt es Herrn Regnier durchgängig eine respektvolle Distanz zu allen beteiligten Personen zu halten. Dadurch und mit einer äußerst einfühlsamen und flüssigen Erzählweise schafft er eine stets angenehm balancierte Atmosphäre, wenngleich der Lebens- und Leidensweg des vorgestellten Ausnahmekünstlers Frank Wedekind oftmals alles andere als harmonisch verlaufen ist.Der spannendste und immer wieder für Überraschung sorgende Aspekt allerdings war für mich die hier angewandte literarische Collage-technik. Es findet sich praktisch keine Seite ohne kunstvoll eingeflochtene Tagebucheinträge, Briefzitate, Werkausschnitte und sonstige Zitate des Frank Wedekind und der anderen beteiligten Personen. Diese bindet er derart geschickt in den Text ein, dass man das Gefühl bekommt gleichzeitig eine Lebensbeschreibung, einen Roman und dazu noch ein Drehbuch zu lesen, Es entsteht ein äußerst plastisches Bild der Figuren, ja fast eine filmische Darstellung!Dazu erhält man einen sehr guten Einblick in das Schaffen und Werk des Frank Wedekind, welches ohne solche "Anleitung" zugegebenermaßen nicht gerade leicht verdaulich ist. Nach dieser Einführung hatte ich dann allerdings Lust auf mehr.Gleichzeitig bekommt der geneigte Leser eine Vorstellung von Lebensumständen, Stimmungen, inneren und äußeren Befindlichkeiten zu Beginn des 20.Jahrhunderts aus der Sicht der Literaten, Künstler, Intellektuellen und Bohéme des "fin de siécle".Äusserordentlich gut geschrieben, spannend zu lesen und für Interessierte sicher mit vielen neuen Einblicken bereichernd !PS: alles hier dargelegte gilt übrigens gleichermaßen für das (schon vorher erschienene) Werk des ANATOL REGNIER: "Du auf deinem höchsten Dach", die Familienbiografie der Wedekind Familie mit Frank Wedekinds Frau Tilly als Hauptfigur. Auch wenn sich der Zeitraum beider Werke naturgemäß zum Teil überschneidet, gibt es doch keine platten Wiederholungen, dafür wieder andere Perspektiven zu entdecken. Und dieses Buch führt den Leser weiter bis an das Ende des 20.Jahrhunderts.Beide Bücher super-spannend geschrieben und dabei ebenso unterhaltsam wie lehrreich.Extrem empfehlenswert für alle Literatur/Theater/Kunst- und Zeitgeschichte Interessierten !
Anatol Regnier hat das hervorragend gelöst, die widersprüchlichen Facetten Frank Wedekinds erfaßt und in umfangreiches Zitatenmaterial eingebettet. Es gibt einen Anhang "Lebensweg der Personen nach Wedekinds Tod",was man viel zu selten in Büchern findet. Der Anhang selbst ist sehr umfangreich, die Zitate sind sorgfältig belegt.Man ist überrascht von solchen Zitaten wie das von Paul Lindau über Wedekind auf Seite 294: "Sie haben wirklich viel mehr jugendliches Feuer, als ich Ihnen zugemutet habe, und Sie sind auch viel harmloser, als ich dachte."Erich Mühsam schreibt, Wedekinds Kritik sei oft boshaft, sarkastisch und jede Illusion zerstörend gewesen, aber er habe viel öfter Lob als Tadel aus Wedekinds Mund gehört; die Schamhaftigkeit seines Wesens habe seine Güte verborgen, S. 295.
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Letzte Aktualisierung: 12.05.2026 10:22 Uhr.