Bei diesem Roman ist es schwer, die Handlung zu schildern, ohne zu spoilern. Auch weil sich die Gegenwart mit Rückblenden vermischt und diese mitreißende, subtile Konstruktion schwer erzählt werden kann, ohne zu viel zu verraten. Spannung ist auf jeden Fall garantiert und Gänsehaut beim nächsten Blick in den Spiegel.Die Leserschaft wird mitten hinein in das Leben der 16-jährigen Espe und ihrer Familie geworfen, die von der Stadt aufs Land zieht, auf der Suche nach Ruhe und Harmonie. Die plötzliche Verhaftung ihrer Adoptiveltern wirft Espe aus der Bahn. Was als familiäre Krise beginnt, entwickelt sich zu einem Rätsel, das Espe zwingt, die Fundamente ihrer Existenz zu hinterfragen und auch die Beziehung zu ihren Eltern und den drei Geschwistern, Farid, Sina und Yuma.Espes Suche nach Antworten führt sie in die undurchsichtigen Tiefen von Polizeiverhören und psychologischen Untersuchungen, in denen die Grenzen zwischen Wahrheit und Täuschung verschwimmen. Ihre Detektivarbeit, motiviert durch die verzweifelte Suche nach Klarheit über die Vergangenheit ihrer Eltern, zeichnet sich durch eine Mischung aus jugendlichem Eifer und der schweren Last ungewisser Erinnerungen aus. Espe muss sich selbst „neu zusammensetzen, um eine Entscheidung zu treffen, wer sie sein will und sein kann und welche Rolle dabei ihre Vergangenheit spielen soll.Das Buch beleuchtet das Thema Adoption auf eine Weise, setzt sie in Bezug zu den Krisen der Zeit, die sowohl erfrischend als auch nachdenklich stimmt. Es betrachtet die vielschichtigen Beziehungen innerhalb von Adoptivfamilien und stellt die Suche nach Zugehörigkeit und der Bedeutung von Heimat und Liebe in den Mittelpunkt.Gleichzeitig, und das gelingt dem Autor besonders eindrücklich, nähert es sich der Wissenschaft, dem Thema der Epigenetik an und den zukünsftigen Möglichkeiten der Medizin an, wenn es um die Heilung traumatischer Erfahrungen geht, ohne Partei zu ergreifen oder den Lesenden zu überfordern.„Mute“ verführt die Leser dazu, tief in das emotionale und psychologische Labyrinth der Figuren einzutauchen und sich selbst zu spiegeln. Es ist eine Geschichte, die sowohl die Intensität familiärer Bindungen als auch die Brüchigkeit unserer Wahrnehmungen erkundet, eingebettet in eine packende Erzählung, die bis zur letzten Seite fesselt.
Ich habe dieses Buch in nur zwei Tagen durchgelesen.Die Story ist spannend. Es gibt Zeitsprünge und Lücken, weil Espe, die Hauptfigur, die diese Geschichte erzählt, traumatisiert ist und in ihrem Kopf viel durcheinander geht.Gerade das, fand ich aber spannend. Insbesondere mit dem Ende hätte ich niemals gerechnet.Besonders gefallen haben mir die Geschwister. Jeder einzelne von ihnen ist so interessant und außergewöhnlich, dass ich am liebsten ein eigenes Buch über ihn lesen würde. Vor allem Farid habe ich ins Herz geschlossen.Auch geradezu philosophische Themen werden behandelt, wie zum Beispiel die Frage, wie weit man bei der Behandlung von Traumata gehen sollte und inwiefern seine Erinnerungen einen Menschen ausmachen.Volle fünf Sterne!
So richtig weiß ich nicht, wie ich dieses Buch rezensieren soll. Es geht nicht, wenn man den Kern der Geschichte nicht beschreiben kann. Dieser Kern wird erst am Ende offengelegt. Und er ist heftig. Vorher gelingt es dem Autor die ganze Geschichte in einer diffusen Schwebe zu halten. Ob das die Zielgruppe junger Leser ab 14 Jahren aushält, wage ich zu bezweifeln. Selbst als Leseprofi hatte ich mit diesem Buch lange Zeit ziemliche Schwierigkeiten, weil mir diese Unklarheit zunehmend auf die Nerven ging. Am Ende jedoch beruhigte sich das, und genau das Gegenteil trat ein. Ich finde die Geschichte inzwischen großartig. Aber dazu muss man sie bis zum Ende durchhalten.Mute ist die Stummschalttaste auf Fernbedienungen. Mute bedeutet im Zusammenhang mit dieser Geschichte die mögliche Fähigkeit, bestimmte Erinnerungen im Gehirn lahmzulegen, um sich daraus eventuell entwickelnde traumatische Störungen zu verhindern. Sollte man das tun, wenn man dazu die Fähigkeiten besitzt? Und darf man das auch ohne die Einwilligung der Betroffenen machen? Und was wenn diese Betroffenen so jung sind, dass man sie gar nicht mit einer solchen Frage konfrontieren kann? Wenn beispielsweise Kleinkindern den Mord an ihren Eltern gesehen haben.Um solche Fragen dreht sich die Geschichte dieses Buches. Da ich den Inhalt nicht völlig verraten kann, möchte ich alle Leser auffordern, das Buch wirklich bis zum Ende zu lesen. Das könnte nicht ganz einfach werden. Nicht dass das Buch schlecht geschrieben wäre. Im Gegenteil, im Nachhinein finde ich es fast schon brillant. Allerdings bleibt offen, ob es sich wirklich um ein Jugendbuch handelt.Die Geschichte wird aus der Perspektive der ältesten Adoptivtochter einer sechsköpfigen Familie erzählt. Die Mutter ist Ärztin, der Vater schreibt ein angebliches Entspannungsprogramm. Beide zusammen haben einst für Google gearbeitet, auch für Ärzte ohne Grenzen. Alle vier Kinder sind adoptiert und besitzen einen lateinamerikanischen Hintergrund. Genaues erfährt man nicht. Oder nur sehr sparsam am Ende.Warum auch immer - diese Familie ist im Schwarzwald gelandet, was nicht allen Kindern gefällt. Plötzlich werden beide Eltern verhaftet. Die Kinder kommen in ein Safe House. Und aus dieser Situation heraus erzählt die älteste Tochter die Geschichte. Daneben liest man verschiedene Interviews, die Licht ins Dunkle bringen sollen. Was genau den Eltern vorgeworfen wird, erfährt man auch nur scheibchenweise. Aber die Vorwürfe wiegen schwer.Schwierig ist aber vor allem der Erzählstil, weil ständig Gegenwart und Vergangenheit durcheinander gewürfelt werden und man nicht weiß, worum es eigentlich geht. Das muss man durchhalten, denn am Ende kommt es zum Prozess und zu einer Verurteilung der Eltern. Sie werden jedoch nur für einen gewissen Aspekt der ganzen Geschichte verurteilt, nicht aber für den Hintergrund. Dessen Aufklärung ist dann allerdings recht heftig und wirft komplizierte Fragen auf, die nicht leicht oder gar nicht zu beantworten sind.Mute ist also kein einfaches Buch, aber eines mit einer problembeladenen Geschichte, die komplexe Fragen aufwirft. So etwas ist leider sehr selten geworden, weil wir in einer Zeit leben, in der manche Zeitgenossen glauben, sie allein wären im Besitz der allumfassenden Wahrheit.