Brot und Spiele: Roman
Sozialwissenschaften EAN 9783455011333

Brot und Spiele: Roman

Hersteller: Hoffmann Und Campe  ·  MPN: 1217926
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Hoffmann und Campe
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Produktbeschreibung

Noch einmal ist der erfolgreiche Langstreckenläufer Bert Buchner für die Europameisterschaft aufgestellt worden, noch einmal ist er vom Start weg an die Spitze gegangen, wie er es immer tat. Aber wird er noch einmal siegen? Auf der Tribüne verfolgt ein Reporter, einst Entdecker, Freund und Warner Buchners, den schweren Lauf über fünfundzwanzig quälende Runden. Und dabei werden Erinnerungen wach: an die erste Begegnung im Gefangenenlager, Buchners Flucht, ihr zufälliges Wiedersehen, die ersten Starts, verbissenes Training, Siege und Rekorde - verknüpft und erkauft mit Enttäuschungen im private

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Literatur und Sport – zwei Bereiche des Lebens, die sich (so könnte man meinen) weitestgehend ausschließen. Doch ist dem wirklich so? „ In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“ heißt es in einem lateinischen Sprichwort, das schon von den Nationalsozialisten für ihre Hetz-propaganda missbraucht worden ist, doch ungeachtet seiner historischen Verstümmelung steckt mit Sicherheit einiges Wahres in diesem Satz. Denn so ist ein intensiver Ausgleich zwischen körperlicher Betätigung und Auseinandersetzung mit den eigenen Gedanken, mit dem Philosophieren und dem Kritisieren doch genau das, was auch eine gewisse Bandbreite im Leben schafft und mehr und mehr zu einer Erkenntnisgewinnung beiträgt, die auf beide Aspekte einzugehen vermag.Siegfried Lenz, der in seinen jüngeren Jahren selbst Leichtathletik betrieben haben soll, dürfte über diesen notwendigen Ausgleich von körperlicher und geistiger Betätigung gewusst haben bzw. mit Sicherheit hatte er sie selbst erfahren. Wer heute zu seinem mittlerweile schon weitestgehend vergessenen Roman Brot und Spiele greift, der erstmals 1959 erschienen ist und mittlerweile in einem Neudruck bei Hoffmann und Campe wieder erscheint, wird bemerken, dass derjenige, der hier über den Sport schreibt, mit Sicherheit auch ein bisschen mehr über den menschlichen Körper und seinen Zustand in der Betätigung weiß als einer, der sich schlichtweg Grundwissen darüber aus irgendeinem Lehrbuch angeeignet hat. Siegfried Lenz erzählt die Geschichte von Bert Buchner, einem in die Jahre gekommenen, einst erfolgreichen Langstreckenläufer, der von seinem Verein noch einmal für die Europameisterschaft aufgestellt wird. Auf der Tribüne sitzt der Ich-Erzähler dieses frühen, fünften Roman von Lenz, der als Reporter bereits viele Artikel über Bert Buchner geschrieben hat und nun als Beobachter berechtigte Zweifel äußert, dass dieser Lauf von ihm noch einmal gesiegt werden kann. Die Konkurrenz ist groß, und doch bewegt sich Buchner nach dem Startschuss direkt an die Spitze der Läufergruppe. Wird er diese Führung halten?Runde um Runde verstreicht, fünfundzwanzig muss Buchner laufen, und immer wenn er an der Tribüne, auf der der Ich-Erzähler sitzt, vorbeikommt, steigen im Erzähler die Erinnerungen an den gemeinsamen Werdegang auf. Ihre erste Begegnung fand in einem britischen Gefangenenlager ein paar Tage nach Kriegsende statt. Damals, als Buchner durch einen Zufall die Gelegenheit zur Flucht ergreifen konnte, sah der Ich-Erzähler seinen späteren Freund zum ersten Mal wirklich rennen. Durch die gelungene Flucht trennten sich die Wege der beiden Männer zunächst, ehe sie Jahre später wieder zusammenfinden. Berts Talent als Sportler und Läufer war von einem eher kleinen Hafensportverein erkannt worden, Buchner brach sein ursprüngliches Ziel zu studieren ab und widmete sich ganz dem Sport. Die ersten Artikel über seine Sportlerkarriere schrieb niemand anderes als jener Kriegsgefangenschaftskumpane von damals. Buchner will mehr, das merkt man schnell, er verlässt seinen kleinen Hafensportverein und tritt einem größeren, reicheren und international bedeutenderen bei, mit dem er auf Wettkampfreise bis in die USA geht und dabei sogar Geschäftsführer des vereinseigenen Sportartikelladens wird. Und obwohl Buchner jeden der Läufe gewinnt, seinen Körper und seinen Sport perfekt beherrscht, ist der Unmut über seine Person bald dennoch am wachsen: die Rekorde fehlen, wo bleibt die neue Spitzenleistung? Die vereinsinternen Differenzen über seine Person führen schnell zum Entzug jenes eben erst erworbenen Geschäftsführerpostens, eine Bilanzuntauglichkeit gibt ihm schließlich den vollkommenen Nackenschuss, und Bert beginnt in seiner Wut und seinem Hass einen Teil seines Geldes beim Kasinospiel und mit dem Alkohol zu verprassen.Einmal am Boden ist es schwer, jemals wieder aufzustehen. Wäre er nicht ein derart guter Läufer, hätte der Verein Buchner auch nicht mehr für die Olympischen Spiele aufgestellt, doch als sie die Chance wittern, auch hier Bestleistungen erlangen zu können, stellen sie ihn dennoch auf. Ein Unfall kurz vor Beginn des Turniers verhindert seine Teilnahme und führt einen jüngeren Konkurrenten an den Start, der genauso gut läuft aber eben nicht den Rang und Namen von Bert Buchner hat. Als dieser das Gefühl vermittelt bekommt, sich auf dem Abstellgleis zu befinden, verletzt er seinen Konkurrenten in einer vermeintlichen Unfallsituation so schwer, dass dieser nie wieder als Läufer würde antreten können. Da der Ich-Erzähler und Beobachter Bert Buchners dies genau beobachtet hatte, brach er die Freundschaft ab, sitzt nun, bei seinem letzten Lauf, allerdings dennoch wieder auf der Tribüne und hat bei jeder realistischen Einschätzung, dass dieser Lauf nicht für Buchner entschieden werden könnte, dennoch einen letzten Funken Hoffnung, es könne doch ein Wunder geschehen und ein Sieg erlangt werden.Laufen und Gewinnen sind die zentralen inhaltlichen Aspekte, die in diesem Roman eine Rolle spielen. Zehn Jahre nach der Gründung zweier deutscher Staaten, in denen die Bundesrepublik wirtschaftlich florierte und einen Erfolg nach dem anderen zu feiern hatte, war in der DDR bereits damals wirtschaftliche Flaute und gesellschaftlicher Unmut zu spüren. In der deutschlandweiten Rezeption dieses Romans wird Brot und Spiele vollkommen berechtigt als Parabel auf die Leistungs-gesellschaft gelesen, in der es immer nur darum geht, einen Sieg mit nach Hause zu tragen. Bert Buchner kämpft, hat sein Leben dem Sport verschrieben, jeden gutgemeinten Ratschlag seines Freundes, sich ein zweites Standbein aufzubauen, das für die Zeit nach der Sportlerkarriere hält, abgeschlagen. Ein Ziel vor Augen zu haben und die gesamte Lebensenergie in diese hineinzustecken ist auch die Botschaft der sozialen Marktwirtschaft zum Wiederaufbau eines zerstörten Landes gewesen. Öl ins brennende Feuer war dieser Roman also für die DDR, in der man Lenz als einen frühen Kritiker der Adenauer-Regierung mit seinem Wirtschaftsminister Erhard gesehen hat. Vielleicht, es wäre auf jeden Fall denkbar, hatte Lenz genau das erzielen wollen. Es ist in Frage zu stellen, dass der im ostpreußischen Lyck geborene Lenz in der DDR wirklich eine ernstzunehmende Alternative zu seinem eigenen Land gesehen hatte, doch muss Kritik an einem System schließlich nicht unmittelbar beinhalten, dass man ein anderes System ohne negative Aspekte hochloben würde. Aspekte von Leistung und dem Drang, immer zu gewinnen, der hier in diesem Roman vorherrscht, finden sich allerdings nicht nur in der jungen Bundesrepublik, sondern auch im ganz normalen, einfachen Leben. Warum möchten wir immer gewinnen? Warum halten wir uns selbst in allererster Linie für die einzig wahren, für diejenigen, die es im Gegensatz zu anderen einfach können?Ein kluges Buch, mit Sicherheit, denn Siegfried Lenz verkauft es dem Leser als einen zunächst vollkommen unpolitischen und auch eigentlich wenig zu verallgemeinernden Text über diesen alternden Läufer. Die hier bereits erörterten Tricks und Kniffe, die dem Text beiwohnen, wären meiner Meinung nach allerdings noch stärker ans Licht gekommen, hätte sich Lenz nicht zu einem Roman hinreißen lassen. Denn wenn man auf den Begriff Parabel schaut, der berechtigterweise für diesen Roman in der Rezeption angewandt wurde, wird man z.B. bei Franz Kafka fündig werden. Dessen Parabeln beschränkten sich maximal auf eine Doppelseite und brachten in einer sprachlich und inhaltlich extrem reduzierten Darstellung genau das auf den Punkt, was es zu sagen gab. Lenz kommt ebenfalls von der Kurzgeschichte, hatte sich neben seinen Romanen wie viele Autorinnen und Autoren seiner Zeit (denke man beispielsweise an Heinrich Böll) von den Amerikanern und deren „short storie“ beeinflussen lassen und bereits einige Erzählbände herausgebracht. Das Spagat zu finden zwischen einer Erzählung, die das Potenzial zu einem Roman hat, und einer Erzählung, die eben besser eine Erzählung bleibt, ist mit Sicherheit schwierig. Besonders dann, wenn man – wie Lenz in diesem Roman – eine Vielzahl von Ideen zu Figuren und sozialem Umfeld dieser Figuren hat, die man gerne in den Plot einbauen möchte. Lenz hätte gut daran getan, wenn Brot und Spiele im Stil der Ringparabel von Lessing nicht länger als 50 Seiten geworden wäre. Die Geschichte rund um die Ursprünge und der Entwicklung der Freundschaft des Ich-Erzählers und Bert Buchner ist ja ganz nett, die Szenen, in denen die beiden miteinander angeln sind melodisch und lenz-typisch fein und sauber erzählt, doch sie schaden dem Roman letzten Endes mehr als dass sie ihm helfen. Der zentrale Konflikt, der dem Roman innewohnt, ist das Gewinnenwollen, der Drang, dies immer und unbedingt zu tun, und die Frage der Bereitschaft danach, was man bereit ist zu investieren. Diese zentrale Frage in der Freundschaft zwischen Erzähler und Buchner wäre ausreichend gewesen als parallel zum Wettrennen verlaufende persönliche Geschichte dieser beiden Individuen. Von dem Rest hätte sich Lenz besser getrennt.So ist man als Leser in einem Roman gefangen, der sich nicht wirklich entscheiden kann zwischen seiner politischen und soziologischen Dimension und seiner literarischen. Dass beides Hand in Hand gehen kann, man aber in beiden für diese Gemeinschaft Abstriche machen muss, ist eine Erkenntnis, die diesem Roman fehlt. Dennoch ist Brot und Spiele ein Buch, das auch heute noch lesenswert ist. Denn die Möglichkeiten, diesen Roman zu interpretieren, übersteigen – es sei noch einmal erwähnt – den Horizont der Bundesrepublik-DDR-Differenz in hohem Maße.
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