Aus dem Filmtagebuch von hdsIch liebe die Extreme - bei Filmen wie bei BüchernIch liebe die Extreme, bei Filmen wie bei Büchern. Auf der einen Seite das hinreißende neue JUNGLEBOOK, mit dem ein Jon Favreau die visuelle Avatar-Technik eines James Cameron nach fast zehn Jahren mit dem weiterentwickelten gleichen Team wieder auf die digitale Spitze treibt – und man wie ein Kind mit Mogli durch die Dschungelwälder rennt, bis man am Ende verblüfft feststellt, daß das alles nur eine photorealistische Animation war. Das geht weit über Zeichentrick hinaus. Das ist faszinierender Realtrick.Auf der anderen Seite das außerordentliche kleine Animations-Kunstwerk SONG OF THE SEA von Tomm Moore. Man glaubt zunächst, Japans Meister Miyazaki hätte seinen Waldgeist Totoro auf Urlaub nach Irland geschickt, bis man erkennt, daß man eine irisches Märchen erlebt, in jeder Hinsicht, vom Thema bis zu den meisterlich stilisierten Bildkompositionen, die ganz nebenbei einen furiosen Querschnitt durch die gesamte moderne Kunstgeschichte liefern, von der Romantik und Beardsley über Gustav Klimt bis zu Sebastian Isepp. Ja, auch Kärntens Jugendstilgröße klingt bei dem jungen Team aus Irland an. Der Film erhielt zwar den europäischen Filmpreis, wird aber hierzulande nur als Kinderfilm eingesetzt.Andere aus der Reihe tanzende Animations-Kunstwerke erleiden nicht einmal dieses Schicksal, wie das herrlich verrückte, mit originellen Geschöpfen belebte, grandios gezeichnete Märchenmusical STRANGE MAGIC, eine völlig gegen den Strich gebürstete Lovestory zwischen einem Waldschrat und einer Schmetterlingsfee, das in Amerika bei Kritik und an der Kasse völlig durchfiel, obwohl es George Lucas geschrieben und produziert hatte. In Österreich ist die Ausnahme-Animation von Gary Rydstrom nicht einmal in den Verleih gekommen.Bei Büchern geht es mir ebenso. Auf der einen Seite der 800-Seiten-Wälzer ERSTE ERDE von Raoul Schrott, ein gewaltiges Ausnahme-Epos, in das der Dichter die gesamte Evolution und Menschheitsentwicklung poetisch hineinzwängen wollte. Bevor ich mich an die Kapitel mit den Anfängen wagte, wo es um Jahrmilliarden geht, bis die ersten Pflanzen und Menschen auftauchten, delektierte ich mich mit den fast 150 Seiten des Anhangs, wo Raoul Schrott unser gesamtes heutiges Wissen von der Entstehung des Universums, der Erde, des Lebens und des Menschen vorbildlich zusammenfasst. Ein erstaunliches Buch, sozusagen eine Bibel von heute, die man nicht lesen oder auslesen, sondern nur von Zeit zu Zeit studieren und genießen kann. Eine neue, andere Art von zeitgemäßer Erbauung und Seelen-Nahrung.Auf der anderen Seite die neue GEBRAUCHSANWEISUNG FÜR DAS LEBEN von Andreas Altmann. Kurz und präzise, offen und ehrlich wie immer – bis zur Selbstverleugnung - gegenüber sich selbst und allem, was da so kreucht und fleucht und empfindet auf dieser Erde Dieser Spiegel-Bestsellerautor, wie der Verlag ihn bewirbt, ist ein Globetrotter der anderen Art, packt seine oft bitteren Erkenntnisse in die lebensbejahendsten Anti-Reise-Bücher, die ich kenne, von den brillanten FRAUEN.GESCHICHTEN bis zum VERDAMMTEN LAND, seinem Palästina-Buch. Kürzlich stolperte ich mit Altmann, in 34 TAGE, 33 NÄCHTE - zu Fuß und ohne Geld - von Paris bis Berlin, wie seinerzeit mit Werner Herzog bei GEHEN IM EIS von München nach Paris. Man muss ja nicht immer in die weite Welt, um zur Weisheit zu gelangen. Ich bin allergisch gegen jede Art von Missionierung, aber süchtig nach mutmachender Literatur, die vor nichts die Augen verschließt und Allzumenschliches kritisch entlarvt. Und die jeder nachempfinden kann, auch wenn er kein Philosoph ist.Diese SUCHT NACH LEBEN teilt Altmann mit einem anderen weisen Globetrotter, dem Dokumentarfilmer Michael Glawogger, dessen letztes Werk UNTITLED als grandioses Fragment die DIAGONALE eröffnen wird. Der Autor verstarb unterwegs in Nigeria, an einem Moskito-Stich, bei seinem letzten Versuch, wie Altmann die Welt spontan zu überfallen und zu beschreiben. Gerade studiere ich seinen literarischem Nachlaß, das Buch 69 HOTELZIMMER, auch eine Art von Reise-Literatur, nur in der Weise, daß sie fast „platzt“ vor präziser Beobachtung, ebenso „untitled“ wie Altmann. Es ist nicht leicht, hier gerecht zu definieren. Beide faszinieren mit ihrer Art, die Welt zu dokumentieren, ohne zu belehren.Horst Dieter SihlerKlagenfurt, im März 2017