Wo finden Journalisten Schreibstoff? Dort, wo etwas passiert. Getreu diesem Motto trat Hemingway, der sich im Buch Henry nennt, während des ersten Weltkrieg in den Sanitätsdienst der Italiener um als Kriegsberichtsreporter für die - noch neutrale - USA zu schreiben. Der Titel weist daher auf mehreres hin, er beschrieb in einem anderen Land einen Krieg für ein anderes Land. Später veröffentlichte er seine Notizen als Buch. Obwohl es keine echte Autobiographie darstellt, wird der Leser auf einen Ausflug mitgenommen, den ein Autor sich so nicht erfinden kann. So wird "Henry" verwundet. Während der Fahrt zum Lazarett stirbt über ihm ein Soldat. Henry merkt es, weil der Blutfluß von oben versiegt. Im dunklen, engen Transporter kann er niemanden informieren. Der OP-Tisch ist glitschig, die Ärzte gleichen blutgetränkten Metzgern, die im Bein das Knie suchen. Das Buch ist lesenswert, es bagatellisiert den Krieg nicht, aber es hebt ihn auch nicht empor. Eigentlich ist er auch nicht wirklich vorhanden, da der Autor zwar während des Krieges schreibt, das Buch aber keinen Kriegsbericht darstellt und keine echten Fakten bringt. In einem anderen Land ist "nur" ein Roman.
Die Geschichte kann man nicht kurz fassen. Es gibt ganz wenige Bücher, die die Sinnlosigkeit von Kriegen so emotional fassen und auf der anderen Seite ist es ein Liebesroman sind. Mir fällt da nur noch Ralf Rothmann mit "Im Frühlings sterben" (großartig-sollte man auch lesen) ein.
Ich lese eigentlich recht viel, was man als Deutschlehrer vermutlich auch von mir erwarten würde, aber um Ernest Hemingway machte ich bislang immer einen kleinen Bogen. Er soll ja "etwas speziell" sein, der Gute, aber irgendwann möchte man sich doch selbst mal eine Meinung über ihn und seinen "nicht ganz einfachen" Schreibstil bilden. Und ja, nach der Lektüre von "In einem anderen Land" kann ich ansatzweise verstehen, warum man ihn eigentlich nur lieben oder hassen kann.Kurz zum Inhalt: Der US-Amerikaner Frederic Henry dient im 1. Weltkrieg auf Seiten der Italiener und wird in den Alpen als Sanitäter eingesetzt. Dort erhält er einige Einblicke in die militärische Denkweise und Wahrnehmung, aber schließt auch Freundschaften und verliebt sich in die britische Krankenschwester Catherine. Eine schwere Verletzung führt ihn schließlich nach Mailand, wo die Dinge ihren Lauf nehmen.Die Handlung an sich ist recht unterhaltsam, allerdings erschwert sich der Genuss der Sache durch Hemingways speziellen Schreibstil. Manche Dinge werden, nicht nur gefühlt, doppelt und dreifach betont und sonderlich emotional geht es, trotz der dazu einladenden Thematik, auch nicht zu. Ich bin kein Freund von Kitschromanen, daher kann ich mit den recht sachlich gehaltenen Liebesschwüren gut leben, aber gerade nach der letzten Seite führt es dazu, dass man vielleicht gar nicht so recht die gewünschte literarische "Katharsis" erleben kann. Was mir jedoch sehr gefallen hat ist der teilweise sehr dokumentarische Stil und vor allem die lebendigen und wunderbar im Kopf gestalt annehmenden Dialoge zwischen den Figuren. Wenn Hemingway etwas über die Dinge, die der Krieg mit den jungen Leuten jener Zeit machte, zu sagen hat, dann gibt er einem dies ohne Umschweife konkret und klar per Gespräch mit auf den Weg.In Summe empfand ich meinen ersten "Hemingway" als einen passablen Einstieg in die Materie, der wohl schon viel von dem vorwegnimmt, was mich in den weiteren Werken erwarten wird. Vielleicht sollte ich auch noch einmal vergleichend ins englischsprachige Original reinschauen, um die Authentizität der Übersetzung einordnen zu können, denn nach dem Gelesenen erachte ich ihn als Autor, den man nur schwer ohne Verluste in eine andere Sprache "rüberbringen" kann. So oder so ein vergleichsweise empfehlenswertes Buch, das sich als gute Hemingway-Erstlektüre eignet.