Mit einem Bienenstich fängt alles an. Beim Barfußgehen im Gras wird der Erzähler gestochen und nimmt dies als Zeichen, aufzubrechen, wieder zu wandern. Raus aus der Niemandsbucht "seines" Vorortes von Paris, in die Picardie diesmal. Vorbei am Auto des Nachbarn, der sich früher beschwerte, weil er sich durch die Stille im Haus des Erzählers belästigt fühlte, inzwischen aber, nach dem Tod seiner Frau, friedlich und einsam geworden ist, führt der Weg zum Bahnhof. Er trifft , Obdachlose, mit denen er einen Augenblick der Gemeinschaftsgefühls teilt. Im Zug dann meint er sie zu sehen: hingekauert in eine Ecke, die junge Obstdiebin.Etwas willkürlich wechselt jetzt die Perspektive. Hat bis dahin der Ich-Erzähler sublime Alltagsbeobachtungen aneinandergereiht - über die "Unerreichbaren", die im Zug in sich selbst verkapselt teilnahmslos dasitzen, jeden Blickkontakt als Affront auffassen, über Fahrzeugkontrolleure, die großzügiger sind, als auf dem ersten Blick zu glauben gewesen wäre etc. etc -, so geht es nun fast nur noch um die junge Alexia, als Sinnbild der Nichtangepasstheit. Die ganze Welt, vor allem Alaska und Sibirien. hat sie durchstreift. Jetzt ist sie auf der der Suche nach ihrer "Bankfrau-Mutter" - den wohlwollenden, unkonventionelleren Vater hat sie erst kürzlich getroffen. Sie lässt die phantasielosen Wohngegend von Cergy hinter sich, übernachtet in einem Haus, indem gerade ein Toter aufbewahrt wird, erreicht das Quellgebiet der Viosne. Ihre Begegnungen sind alltäglich und wunderbar zugleich : ein junger Pizzabote, der an Weltschmerz leidet, ein anhänglicher Hund, den sie wieder zurückschickt zu Herrchen und Frauchen, Pilger, die auf dem Jakobsweg unterwegs sind, ein Mann auf der Suche nach seiner ausgebüxten Katze, oder eine Briefträgerin, die immer nur nur Rechnungen zustellt. Die Obstdiebin, die wie Parzival zwischendurch auch von einem Vogel (einem Raben) begleitet wird, stiehlt kaum noch Obst, träumt immer wieder von einem Kind, wird ständig von anderen übersehen, bleibt geheimnisvoll."Die Obstdiebin" ist kein Roman im klassischen Sinne, sondern ein Epos, wie es im Mittelalter Wolfram von Eschenbach schrieb, dem das Motto gewidmet ist, eine unendliche Suche, fern von aller Psychologie und allem Erklärungszwang, ein Epos, welches das Märchenhafte, Wunderbare im Kleinen, in der Natur (und sei es in Ratten auf dem Bahnhofsgleis!, in Eulenrufen oder Flusslandschaften) oder im Zufälligen einer geglückten Kommunikation sucht und findet. Nicht jede Episode, nicht jede in langen Satzgirlanden umspielte Wahrnehmung spricht mich gleichermaßen an, aber es überwiegt bei Weitem die Freude über Peter Handkes Eigensinn, seine poetische Sprache, seine unverwechselbare Individualität.
„Diese Geschichte hat begonnen an einem jener Mitsommertage, da man beim Barfußgehen im Gras zum ersten Mal im Jahr von einer Biene gestochen wird.“ Mit diesem bemerkenswerten, seltsamen, rätselhaften Satz beginnt das „Letzte Epos“ das Peter Handke als Schriftsteller veröffentlichte. (2019)Dann heißt es „Zur Zeit, da ihre Geschichte spielt, war die Obstdiebin gerade von einer monatelangen Reise zurückgekehrt.“ (S. 137) Als Leser dieses Buches habe ich das Gefühl, es handle in diesem Roman sich um eine besondere Frau im Leben des preisgekrönten Schriftstellers Peter Handke, die er mit einem zusammengesetzten Wort „Die Obstdiebin“ bezeichnet, die er nun somit näher beschreiben, erklären, vorstellen möchte.Vier weitere zusammengesetzte Wörter „Obstdiebintasche“, „Obstdiebestum“, „Obstdiebingeschichte“, und „Obstdiebszeit“ weisen die Absicht des Autors auf einer Beziehung zu einer sehr mutigen Frau hin, um ihr somit ein literarisches Denkmal setzen zu wollen, ob dies seine Mutter oder Großmutter sei, oder einer anderen Frau, wird mir nicht klar! Ein sehr gutes Buch zum Lesen wird mir jetzt hiermit bewusst, dass einer mir rätselhaften Aussage sich bemüht.Schließlich wird der Roman politisch, und es heißt „War das denn möglich: ein einzelner Mensch, welcher ausschwärmte? Es war möglich. Noch als Mutter, auch als Großmutter würde sie von der Obstdiebszeit träumen. Eine Partei gründen? Die Partei der Ortsdiebe? Aber gab es die nicht schon?“ Und der Roman endet mit den geheimnisvollen zwei Worten „Ewig seltsam.“
Jemand zieht von der Pariser Vorstadt aus einem "Picardie" genannten Landstrich entgegen. Zuerst mit der Bahn, dann zu Fuß durch sterile Neubaustädte an der Peripherie der Metropole, über Landstraßen in Sichtweite der geschäftigen Hauptverkehrsader, durch immer ländlichere Dörfer und immer verwachsenere Flußauen, bis die Schritte zum Schluss in der klaren Weite des Vexin-Hochlands so etwas wie ein Ziel finden. Anfangs erzählt der Autor aus der Perspektive eines schwer zuordenbaren Ichs. Dann begleitet er beobachtend die Obstdiebin auf ihrer Wanderung, manchmal fast ironisch distanziert, dann wieder ihre Gedanken lesend, gelegentlich bleibt er für einige Seiten bei irgendeiner Wegbekanntschaft hängen, während die Obstdiebin bereits weitergezogen ist. Am Ende erlöst sich die Erzählperspektive zu einem geradezu heiteren und feierlichen "Wir".Bei jeder Begebenheit und jeder Begegnung auf diesem Weg hatte ich das Gefühl, dass der Autor etwas universal Gültiges über das Leben erzählen will. Selten habe ich verstanden was. Dennoch hat mich die Geschichte durch ein fast schon "geborgenes" Leseerlebnis getragen. Ich mag das Bemühen des Autors um Genauigkeit, auch wenn dieses Bemühen seine Sprache fast schon ins Schrullige dreht. Schrullig und heiter auch seine gerne eingeflochtenen Regiebemerkungen ("Mehr dazu im Internet!"). Mit seinen Bezügen zu Angst und lauernden Terroranschlägen verortet Handke die Geschichte in einer gesellschaftlichen Gegenwart, die durchaus wiedererkennbar ist. Man könnte das Gefühl bekommen, die Obstdiebin wandere als eine Allegorie des Menschlichen an sich auf einem Weg, der für die Herausforderungen des Lebens an sich steht. Literarisch ein vermessener Anspruch, dabei durchaus kühn umgesetzt.