Der Ökonom, Finanzanalyst und Musiker Jo Nesbö schreibt bereits seit einigen Jahren Krimis. Und das mit großem Erfolg. Bereits sein Erstling "Der Fledermausmann" brachte ihm die Auszeichnung "Bester Krimis des Jahres" in Norwegen und alle weiteren Fortsetzungen der Ermittlungen Harry Holes wurden Bestseller.War "Der Fledermausmann" aus meiner Sicht ein interessanter, aber etwas sinnlos kompliziert erzählter Durchschnittskrimi, der einige Längen enthielt und auch sein zweites Werk "Kakerlaken" eher durchschnittlich, so ist ihm bereits mit "Rotkehlchen" nicht nur ein hochgradig spannender Krimi, sondern in meinen Augen auch ein hochwertiges literarisches Werk gelungen. Es ließe sich darüber streiten, ob Nesbö dieses Niveau ganz halten konnte, aber lesenswert fand ich sie bisher alle.Harry Hole ist das Sinnbild des desperaten Ermittlers, der sich wenig um Konventionen und Meriten schert, der sein Leben nie so richtig in den Griff kriegt. Ein wenig klischeehaft für das Genre wirkt er darin mitunter. Nesbö vermeidet es aber, Hole zu einem lupenreinen Außenseiterhelden zu machen. Hole kooperiert immer wieder, lässt sich immer wieder in den Dienst der Polizei einspannen, um dann doch wieder seine eigene Schiene zu fahren. Als moralischer Held taugt er nicht. Hole ist keine hollywoodreife Schwarz-weiß-Figur, sondern er hat Ecken, Kanten, positive Seiten und Abgründe.In "Leopard" holt ihn eine Ermittlerin im Auftrag des Dezernats für Gewaltverbrechen aus Hongkong nach Norwegen zurück. Eigentlich wollte Hole nie mehr für die Polizei arbeiten und es ist auch nicht seine plötzlich wiedergewonnene Motivation für die Polizeiarbeit, sondern ein privater Grund, der ihn in Norwegen hält. Als er schließlich doch die Akten zu der Mordserie liest, wegen der ihn das Dezernat zurückgeholt hat, erwachen doch wieder seine Ermittlerinstinkte und sein Drang, das zu tun, was er am besten kann. Dies führt ihn nicht nur in die Einöde der nordnorwegischen Berglandschaft, sondern auch nach Afrika und nebenbei erfährt der Leser so einiges über den Kongo.Wie schon in anderen Fällen gerät Hole auch in Leopard in moralische Zwickmühlen, mehrfach in aktute Lebensgefahr und verletzt sich schwer. Auch seine Bindungsunfähigkeit zeigt sich wieder. Wird sie dieses Mal endlich geheilt?"Leopard" ist ein Krimi, in dem Nesbö beweist, dass er alle wichtigen Techniken des Genres beherrscht. Er baut Finten und Scheinlösungen ein - Hole gewinnt und Hole verliert, wobei - wie so oft - seine Gegner nicht nur die Verbrecher und Mittäter sind. Ich fand das Buch in höchstem Maße spannend und lesenswert - es hat kaum Längen, die Spannung wird durchgehend aufrechterhalten. Die Handlungsabfolge ist sehr dicht. Inwieweit die bisweilen schnell aufeinanderfolgenden Ermittlungserfolge realistisch sind, kann ich nicht beurteilen. Aber dass Ermittler-Romane einen Touch von Edagar Allan Poe und Sherlock Holmes haben, kann man dem Genre kaum vorwerfen. Schließlich sind Poes Ermittler in der Rue Morgue und Holmes die Urväter bzw. "Urhelden" des Genres. Ich finde, Nesbös Unglaubwürdigkeiten halten sich im Rahmen.Einzig der Epilog scheint mir etwas misslungen. Viele Nebenstränge der Handlung werden da einfach kurz abgehandelt und zu einem Pseudo-Ende gebracht, was aber dem Eindruck der vorangegangen über 600 Seiten bester Krimiunterhaltung keinen Abbruch tut.Ein höchst lesenswerter Krimi! Wie ich überhaupt erwähnen muss, dass ich es als Gewinn empfinde, alle Nesbö-Krimis gelesen zu haben, auch wenn die ersten beiden sicher nicht so gut wie die danach sind. Wer wie ich großen Spaß an Stieg Larsson hatte, Mo Hayder und Karin Slaughter schätzt (vielleicht auch Mankell, um den ich bisher einen Bogen gemacht habe), dem kann ich nur empfehlen, tatsächlich alle Nesbö-Bücher in Reihenfolge zu lesen.Ob man, wenn man mit "Leopard" anfängt zu viel über die anderen Nesbö-Krimis erfährt, kann ich nicht vollends beurteilen. Ich denke, Gefahren bestehen vor allem hinsichtlich "Schneemann", aber ansonsten versteht man halt ein paar nebensächliche Details schlechter, was nicht weiter schlimm ist.
Brutal geht es zu in Harry Holes 8. Fall. Geschmackssache. Dabei hätte Nesbo dieses Ausmaß an Härte gar nicht nötig: Mit Harry Hole hat er eine absolute Kultfigur skandinavischer Kriminalliteratur geschaffen. Zudem ist sein Erzählstil derzeit unerreicht. 700 Seiten Spannung pur, Mitfiebern und Mitraten erlaubt, aber Vorsicht: Es lauern ständig falsche Fährten.Harry hat sich nach der Lösung des Schneemannfalls nach Hongkong verzogen. Dort verbringt er seine Zeit auf Pferderennbahnen und in Opiumhöhlen. Seine Kollegin Kaja schafft es, ihn aus diesem Dämmerzustand zu holen. Ein weiterer Serienmörder treibt rund um Oslo sein Unwesen. Harry reizt die Aufgabe. Und weil auch noch sein Vater im Sterben liegt, reist er nach Oslo, von wo aus eine Verfolgungsjagt um den halben Globus beginnt.Die Romane um Kommissar Harry Hole sind inzwischen absolute Kultromane. Der Name des Protagonisten Harry Hole kann heute in einem Atemzug mit Kurt Wallander (Mankell), van Veeteren (Nesser) oder Kommissar Beck (Sjöwall/Walhöö) genannt werden.Für infizierte Neulinge hier die chronologische Reihenfolge:Der FledermausmannKakerlakenRotkehlchenDie FährteDas fünfte ZeichenDer ErlöserSchneemannLeopard