Das Leben und das Lesen spielen manchmal merkwürdige Zufälle. Nachdem ich am Freitag den letzten Essay des hier vorliegenden Buches “Sprachen der Wahrheiten”, in dem sich der weltbekannte Schriftsteller Salman Rushdie mit dem Coronavirus auf ganz persönliche Weise auseinandersetzt (er infizierte sich am 16. März 2020 mit dem Coronavirus, “der 16. März ist ein Tag nach den Iden des März, allerdings bin ich nicht Julius Caesar”, schreibt Rushdie in typisch selbstironischem Stil), gelesen habe, hörte ich am Abend in den Nachrichten, dass Salman Rushdie in New York bei einer Veranstaltung auf der Bühne Opfer einer Messerattacke wurde, bei der er schwerwiegende und wie es mittlerweile heißt lebensverändernde Verletzungen erlitt. Der Fluch der 1988 von Irans Revolutionsführer Khomeini ausgesprochenen Fatwa als Reaktion auf das angeblich blasphemische Werk “Die satanischen Verse” hatte den indisch-britischen Schriftsteller an diesem Tag eingeholt (obwohl die Umstände des Attentats noch nicht vollständig geklärt sind, die perfiden Reaktionen in Iran sprechen aber eine deutliche Sprache). Die Coronaerkrankung, die Salman Rushdie zum Anlass nahm über seine persönliche Krankengeschichte nachzudenken (in seinem Leben war er bis dato nur zweimal ernsthaft krank gewesen, wie er schreibt: 1949, als er noch nicht einmal zwei Jahre alt war, erkrankte er an Typhus, der Hausarzt erklärte seinen verängstigten Eltern, dass er womöglich bald sterben würde, als letztes Hilfsmittel nannte er ein neues Antibiotikum namens Chloromycetin, worauf sein Vater spätabends “auf der Suche nach einer offenen Apotheke kreuz und quer durch Bombay” sauste. Diesem Medikament verdankte der kleine Salman sein Überleben; die zweite ernsthafte Krankheit hatte Salman Rushdie 1984 in London, wo er damals studierte, er zog sich eine doppelseitige Lungenentzündung zu, überstand diese aber. Das Rauchen gab er aber danach auf, ein behandelnder Arzt hatte ihn mit einer eigenwilligen Metapher davon überzeugt, auf das Rauchen zu verzichten. Der Arzt fragte ihn, ob er Filme möge, und als Rushdie es bejahte, entgegnete der Arzt: “Denken Sie an Lungenkrebs wie an einen Film. Stellen sie sch vor, er sei ein Spielfilm. Was mit Ihnen gerade geschieht, ist, als ob Sie den Trailer betrachten. Wenn Sie also Ihre fünfzehnminütigen krampfartigen Hustenanfälle haben und den grünlichen Schleim herauswürgen, sollten Sie darüber nachdenken, ob Sie den ganzen Film sehen wollen.”), überstand er ohne Schäden und als nach einem Antikörpertest die Immunität bei ihm festgestellt wurde, überkam Salman Rushdie ein Hochgefühl. Er erzählte es seinen Freunden, die ihm entgegneten: “Dann bist du jetzt Superman.” Die letzten Sätze in diesem Text klangen aber weniger euphorisch und im Hinblick auf das was jetzt passiert fast schon gespenstisch prophetisch: “Ich fühle mich nicht besonders super. Und ich weiß, dass es für jeden Superman einen Brocken grünes Kryptonit gibt. Wir werden sehen.”“Sprachen der Wahrheit” enthält Essays, Reden und Texte, die zwischen 2003 und 2020 entstanden sind und in denen sich Salman Rushdie überwiegend mit Literatur und Kunst und dem eigenen künstlerischen Schaffensprozess beschäftigt. Er plädiert für Phantasie und das “wundersame” Geschichtenerzählen, das ihn seit seiner Kindheit begleitet hat und führt dabei Argumente für etwas auf, “das heute ziemlich altmodisch ist.” Denn “laut allgemeinem Konsens leben wir in einem Zeitalter der Non-Fiction. Jeder Verleger, jeder Buchverkäufer wird das bestätigen. Und außerdem scheint sich die Fiktion von der Fiktion abgewendet zu haben. ….Die ernsthafte Fiktion hat sich dem Realismus in der Art von Elena Ferrante und Knausgard zugewandt, Fiktion, die uns auffordert zu glauben, sie stamme von einem Ort, der der persönlichen Erfahrung des Autors sehr nahe liegt, wenn er nicht gar mit ihr identisch ist, und sei von Magie gleichsam weit entfernt.” Die Liebe zu den wundersamen Geschichten und ihres Abkömmlings der Fiktion, hat Salman Rushdie mit der Muttermilch aufgesogen. Geboren und aufgewachsen in einem nichtreligiösen Haushalt im heutigen Mumbai waren die Eltern von Rushdie dennoch der Ansicht, dass die großen Geschichten des Hinduismus, die sakralen Ursprungs sind, auch für ihre Kinder von Bedeutung seien. Dazu gehörte das “Mahabharata-Epos” sowie sein Nebenstrang, das “Ramayana“, zwei der längsten wundersamen Geschichten, die noch bis heute in den Köpfen der Inder lebendig und bedeutsam für ihr tägliches Leben sind. Der Einfluss dieser Geschichten ist aber, wie Salman Rushdie mit Bedauern konsternieren muss, nicht immer positiv. Die Politisierung des “Ramayana” zum Beispiel und des Hinduismus im Allgemeinen “ist in den Händen skrupelloser sektiererischer Anführer zu einer gefährlichen Sache geworden.” Die hindunationalistische Partei BJP nutzt zum Beispiel “die Rhetorik der Vergangenheit, um über eine Rückkehr zum “Ram Rajya”, dem “Reich des Gottes Rama”, zu fantasieren, über ein angeblich goldenes Zeitalter des Hinduismus ohne solche Unannehmlichkeiten wie Anhänger anderer Religionen, die die Sache verkomplizieren.” Ein anderes Werk mit wundersamen Geschichten, “Tausendundeine Nacht” hat Salman Rushdie ebenfalls in seiner Kindheit und Jugend verschlungen und eine der bemerkenswertesten Eigenschaften dieser Geschichten ist, wie der bekennende Atheist gern zugeben muss, “die nahezu vollkommene Abwesenheit von Religion. Viel Sex, viel Ausgelassenheit, eine Menge Unaufrichtigkeit; Ungeheuer, Dschinn, der Riesenvogel Roch; bisweilen gigantische Mengen flüssigen und geronnen Bluts; aber kein Gott. Und genau darum lehnen strenge Islamisten dieses Buch so vehement ab.”Die Schriftsteller des Westens, die Rushdie am meisten bewundert und an ihnen anknüpft (wie Italo Calvino, Günter Grass, Bulgakow, Gabriel Garcia Marquez und Singer) haben ebenfalls “in reichem Maße in ihrer jeweiligen Tradition der wundersamen Geschichten geschwelgt und Möglichkeiten gefunden, dem Realen das Fabelhafte zu injizieren, um es lebendiger und sonderbarererweise auch wahrhaftiger zu machen.” Sie sind die literarisch raren Söhne von Sternes “Tristram Shandy” (ein Verweis von Rushdie auf Kunderas berühmten Essay, in dem der tschechische Schriftsteller erklärte, dass der Roman zwei Eltern habe, Tristram Shandy und Clarissa Harlowe. Von Richardsons “Clarissa” leitet sich die größte Tradition des realistischen Romans ab, aus Sternes “Tristram” die groteske, spielerische und komisch exzentrische Seite) aus dem nur ein kleineres Rinnsal eigenartiger Bücher tröpfele. Mit seinem Werk steht Salman Rushdie in der Tradition des magischen Realismus, wobei das Problematische am Begriff des Magischen Realismus ist, “dass Menschen, wenn sie ihn aussprechen oder hören, ihn nur halb hören oder aussprechen, magisch, ohne die andere Hälfte zu beachten, den Realismus.” Wenn der magische Realismus “bloß magisch wäre, hätte er kein Bedeutung. Er wäre nur eine grillenhafte Schreibart, in der, weil alles geschehen kann, nichts Auswirkungen hätte.” Der magische Realismus gehört nicht zur Genre-Fiktion, es ist tief im Realen verwurzelt, nur betritt es das Reale “durch eine andere Tür.” Rushdie gibt ein Beispiel aus der Weltliteratur um das zu veranschaulichen. In einer berühmten Passage aus “Hundert Jahre Einsamkeit” geschieht etwas völlig Fantastisches: Nachdem sich die Figur im Roman, José Arcadio, im Schlafzimmer erschossen hat, macht sich das Blut, der Blutrinnsal des toten Mannes auf den Weg zum Haus seiner Mutter, “es erlangt fast ein Eigenleben und bewegt sich planvoll durch die Straßen von Macondo, bis es zu Füßen seiner Mutter verharrt. Das Verhalten des Blutes ist “unmöglich”, und doch liest sich die Passage als wahrhaftig, die Reise des Bluts wirkt wie die Reise der Todesnachricht aus dem Zimmer, wo er sich erschossen hat, bis in die Küche seiner Mutter, und sein Ankommen zu Füßen der Matriarchin Ursula Iguaran liest sich wie eine große Tragödie: Eine Mutter erfährt vom Tod ihres Sohnes.” Hier gewinnt das Reale “durch die Hinzufügung des Magischen tatsächlich an dramatischer und emotionaler Kraft. Es wird realer und nicht weniger real.”In seinem beeindruckenden Essay “Autobiografie und Roman” verweist Salman Rushdie auf “die autobiografische Obsession”, die derzeit vorherrscht. Jeder zeitgenössische Schriftsteller wird mit der Frage konfrontiert “Wie autobiografisch ist ihr Roman?” Die Frage ist immer dieselbe wenn Journalisten und Leser auf einen fiktiven Text stoßen “und ebenso die zugrunde liegenden Annahmen. Wenn Nabokov “Lolita” schrieb, dann muss er zumindest seine eigenen unterdrückten pädophilien Begierden erforscht haben. Wenn Kafka “Die Verwandlung” schrieb, dann muss er sich selbst als ein abstoßendes, zurückgewiesenes Insekt empfunden haben. …Ist die Hauptfigur ein Zwerg wie Oskar Matzerath in “Die Blechtrommel”, dann muss Günter Grass sich selbst für zwergenhaft gehalten haben. Und schreibt man öfter über Bären, wie John Irving es zu Anfang seiner Laufbahn tat, dann muss es - oder etwa nicht? - einen Bären gegeben haben, der für sein Leben wichtig war.” Natürlich ist die Romanfigur Stephen Dedalus aus “Ulysses” mit James Joyce eng verbunden und der Ich-Erzähler Marcel in “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” hat viel gemeinsam mit seinem Autor Marcel Proust. Es stimmt also, dass viele fiktionale Charaktere Vorbilder im richtigen Leben haben. Aber erst wenn aus der echten Person - den Schriftsteller selbst eingeschlossen - ein fiktionaler Charakter wird, haben wir es mit Literatur zu tun, mit einem schöpferischen Akt: “In dieser transformativen Reise liegt die Kunst.” Rushdies Meisterwerk des magischen Realismus “Mitternachtskinder” enthält viele autobiografische Details. Der Ich-Erzähler Saleem Sinai hat vieles mit Rushdie gemeinsam: “Saleem/Salman. Nicht so weit voneinander entfernt.” Aber erst als Rushdie fiktive Momente in den Roman einpflanzte wie zum Beispiel die legendäre Szene, “als Saleems gotische ayah Mary als politische Geste zwei Neugeborene auf einer Säuglingsstation vertauschte (nein, ich wurde nicht nach der Geburt in meiner Wiege vertauscht)”, war der Sprung der Fantasie vollbracht, “erst da hatte ich einen Roman zu schreiben.” Entscheidend war diese fiktive Überschreitung “und nicht das Quellenmaterial aus dem wahren leben: Um die berühmte Unterscheidung von Lévi-Strauss anzuführen, nicht das Rohe, sondern das Gekochte zählt. Und das ist es, was ich letztendlich verteidige: die Kochkunst. Die Freude am Kochen.”Etwas ganz anderes als die autobiographische Obsessionen in der Literatur sind die Kontroversen und Bedrohungen, die auf die Veröffentlichung von Rushdies Roman “Die satanischen Verse” folgten, “den Jahren der Angriffe auf Autor, Verleger, Übersetzer und Buchverkäufer durch die Lakaien und Nachfolger von Irans theokratischem Tyrannen Ruhollah Chomeini.” Hier fühlt sich die islamische Welt von einem fiktiven Text beleidigt und gekränkt und klagt es der Blasphemie und Ketzerei an. Exemplare der “Satanischen Verse” wurden daraufhin in der islamischen Welt verbrannt, der Autor selbst mit der Fatwa belegt. Christopher Hitchens, der Autor des religionskritischen Werks “god is not Great” (nachdem Hitchens Rushdie ein Exemplar seines Buches geschickt hatte, antwortete Rushdie “ihm nur halb im Scherz, der Titel sei zu lang; er könne das Wort GREAT auch weglassen. Er ignorierte meinen Rat.) und enger Vertrauter Rushdies während dieser Zeit, zitierte in einem Gespräch mit ihm den Dichter Heinrich Heine: “Dort, wo man Bücher verbrennt, verbrennt man auch am Ende Menschen.” Mit “seinem profunden Sinn für Ironie” erinnerte er Rushdie daran, “dass dieses berühmte Zitat aus Heines Theaterstück “Almansor” sich auf einen Vorfall bezog, bei dem der Koran verbrannt worden war.” In dieser Schlacht ging es um alles was Rushdie schätzte und liebte (Literatur, Respektlosigkeit, Ungläubigkeit und Freiheit des Wortes und des Geistes) gegen das alles, was er sosehr verabscheute wie “Fanatismus, Gewalt, Heuchelei, Humorlosigkeit, Philistertum und die neue Beleidigungskultur.”Bei den klugen Betrachtungen zur Literatur und Kunst fehlt niemals das persönliche Urteil und die komischen Details aus dem eigenen Leben. So erfährt man im Text “Proteus”, dass Salman Rushdie eine Shakespeare-Büste aus Messing als Türklopfer an der Tür zu seinem Arbeitszimmer hat, “sodass ich jeden Tag, wenn ich es betrete, um zu arbeiten, an meine Tür klopfen und mir selbst erlauben kann hineinzugehen. Ich weiß, dass ich nicht meinen Bereich betrete, sondern seinen, Shakespeares, den kein Türklopfer begrenzen oder einschränken kann, der aus dem Türklopfer heraushüpft, das Zimmer hinter der Tür im Besitz nimmt und es beherrscht, so wie er alle Räume im armen, reichen Haus der Literatur beherrscht.” Überraschend ist auch Rushdies Liebe und Begeisterung für die moderne bildende Kunst und die zeitgenössische Photographie. Bei den außergewöhnlichen Aufnahmen der Fotografien Taryn Simon beispielsweise überkommt Rushdie ein Gefühl der Dankbarkeit gefolgt von einem Anflug von Neid: “die Verneigung des Schreibtischtäters vor der Frau der Tat.” Mit Taryn Simons Fotografien gelangt man zu einigen der geheimsten, unbekanntesten und selten gesehenen Orten der gegenwärtigen Welt. Sie hat es zum Beispiel geschafft, “freien Zugang zur Scientology-Kirche und MOUT zu erhalten, einer gewöhnlich unzugänglichen Attrapenstadt in Kentucky, die zu Trainingszwecken als urbanes Kampfgebiet genutzt wird, zum Imperial Office der Ritter des Ku-Klux-Klans mit seinen Zauberern, Nachteulen und KLEAGLES, den Rekrutierungsoffizieren des Klans, zu Gestalten also, die aussehen, als seien sie einem Film der Coen-Brüder entsprungen, oder zu einem Operationssaal, in dem an einer Palästinenserin eine Hymenoplastik durchgeführt wird, ein Eingriff, mit dem das Jungfernhäutchen wiederhergestellt wird”. Taryn Simon schafft es also irgendwie, “eine erkleckliche Zahl von Bewohnern dieser verborgenen Welten dazu zu bringen, nicht wie Kakerlaken oder Vampire Schutz suchend davonzulaufen, sobald das Licht angeknipst wird, sondern stolz vor ihrer zudringlichen Kamera zu posieren und dem Objektiv ihre Tattoos und Konföderiertenflaggen hinzuhalten.”Am Ende des Buches stellt sich Rushdie einem Proust-Fragenbogen. Auf die Frage was er für seine größte Leistung hält, antwortet der Schriftsteller wohl auch im Hinblick auf die Todesdrohung, dass er durchgehalten hat. Auf die Frage wo er gern leben würde, antwortet der Literat und Büchernarr “auf einem Bücherregal. In alle Ewigkeit."