Was ist das eigentlich für ein Buch, dessen Veröffentlichung wenige Monate auf den Freitod des Autoren folgte? Vielfach steht geschrieben, dass es sich bei der letzten Erzählung zugleich um das epische Vermächtnis des Stefan Zweig handeln solle.Wieviel eigene Lebensgeschichte mag wohl in der Handlung des gebürtigen Österreichers, geflohen vor den Nazis, stecken?Wird es überhaupt möglich sein, an der Geschichte selbst, über den historischen Hintergrund hinaus, durchgängiges Interesse an der Handlung zu entwickeln? - zumal man als Leser (u.U.) keinen blassen Schimmer bzgl. der Regeln des königlichen Spieles hat?Diese, u.a., Fragen haben mich vor Monaten beschäftigt, lange bevor ich die "Schachnovelle" zur Hand genommen und mir noch während der Lektüre selbst ein eigenes Schachbrett zugelegt hatte, war ich in Besitz der Monographie, aus dem Verlagshaus Rowohlt, gelangt, welche mich aus dem Interesse an den Autoren heraus beschäftigte, deren Bücher 1933 auf den Scheiterhaufen der Nazis landeten - über manchen Umweg bin ich somit bei der "Schachnovelle" gelandet - zum Glück!Zweig stellt den Leser an die Seite seiner Figur, welche in der Einsamkeit der Einzelhaft per Zufall mit Schachlektüre in Berührung kam, das Spiel entschlüsselte, so letztlich in eine Welt eintauchte, welche ihn in seltsamer Weise während dieser schwierigen Zeit zu beschützen schien, während einer späteren Atlantikquerung (per Schiff) jedoch einholt, alte Bilder heraufbeschwört und mehr denn je beherrscht...Die aus heutiger Sicht, gerade für jugendliche Augen und Ohren, u.U. befremdlich, weil zum Teil unüblich, wirkende Sprache kann mit Hilfe des sehr empfehlenswerten Lektürschlüssel (Reclams Lektüreschlüssel), passend zur Ausgabe Nr.155, aus dem Verlagshaus Fischer, "übersetzt" werden.Am Ende war für mich die "Schachnovelle" tatsächlich DIE Einstiegsdroge - inzwischen habe ich neben trivialer Literatur zum Thema Schach, in Form des Buches "Die Schachspielerin" (von Bertina Henrichs), ein weiteres Buch entdeckt, welches sich noch tiefer mit dem Schrecken der Nazizeit auseinandersetzt, ähnlich der Schachnovelle, nur eben wesentlich breiter und tiefer dabei das königliche Spiel einbezieht - ich darf Ihnen hiermit das Buch "Die Lüneburg-Variante" (von Paolo Maurensig) ans Herz legen.Es ist also nicht übertrieben, wenn ich es Stefan Zweig zuschreibe, dass ich persönlich Interesse an diesem tatsächlich unschlagbaren Spiel entwickelt habe und weiterhin entwickle!Warum ich dem Buch trotz der positiven Einschätzung von Werk und Autor "nur" 4 Sterne gegeben habe? Ich habe es im direkten Vergleich zu meiner Leseentdeckung "Die Lüneburg-Variante" erneut gelesen - und mag eben dem Buch von Paolo Maurensig eine noch größere Leistung zuschreiben, in Breite und Tiefe der Darstellung des Spieles selbst, wie auch der Einbeziehung der historischen Ereignisse jener dunklen Zeit der Naziherrschaft.