Wir fuhren mit dem Hausboot auf den Rheinsberger Gewässer zum Schloss. Was bietet sich da besser an, sich darauf einzustimmen, als Tucholskys Erzählung zu lesen? Im Nachhinein konnten wir alles gut einordnen, wenngleich der schrullige Kastellan des Schlosses aus dem Buch einem modernen Besichtigungsmanagement mit Audio-Guides gewichen ist.Was uns erstaunte war die Tatsache, dass der junge Tucholsky mit seiner Freundin zu der damaligen Zeit den Mut hatte, zu einem Liebeswochenende aufzubrechen. In seinem Buch sind seine Liebesnächte nur vage angedeutet. Alles in allem auch heute noch lesenswert, besonders unter dem Aspekt, dass man selbst eine Zeitreise in Jahr 1912 machen kann.Das gilt auch für Schloss Gripsholm, das allerdings später spielte.
Vorab möchte ich bemerken, dass ich die Kindle-Ausgabe bestellt und gelesen habe. Leider fehlt darin das Nachwort von Reich-Ranitzky, das in der gedruckten Ausgabe, die mir nicht vorliegt, anscheinend enthalten ist. Nun ja, der Preis ist niedrig, so dass ich mich nicht wirklich beschweren kann. Ich bewerte die Kindle-Ausgabe mit 4 Sternen.Sie enthält den Text von zwei Werken von Kurt Tucholsky (1890-1935), und zwar von seinem Erstlingswerk 1912 (über eine 1911 unternommene Reise nach Rheinsberg) und den des Romans "Schloss Gripsholm", der ebenfalls von einer Reise handelt. Letztere hat Tucholsky 1927 unternommen und 1931 aufgeschrieben. Rheinsberg liegt im nördlichen Brandenburg, Gripsholm am Mälarsee in Schweden.Auf den ersten Blick handelt es sich um Reiseliteratur, aber bei der Lektüre stellt man fest, es ist weit mehr als bloß das. Zwar mangelt es darin nicht an wunderschönen Beschreibungen von Landschaften, Sehenswürdigkeiten und Sommerstimmungen. Daneben geht es aber auch um die Beziehungen zwischen Reisenden und um Kritik an spießerhaften Einstellungen jener Zeit.Die Protagonisten der ersten Reise sind Wolfgang und Claire, zwei junge Leute, nicht verheiratet. Allein das galt im ausgehenden Kaiserreich bereits als Skandal. Die Reise geht nur über das Wochenende. Womit die beiden ihre Zeit verbringen, ist aus heutiger Sicht eigentlich ein harmloses touristisches Programm.Die Protagonisten der zweiten Reise sind Peter und Lydia. Für sie völlig überraschend, können sie günstig eine Zweieinhalb-Zimmer-Wohnung im Schloss Gripsholm mieten und bekommen dort zeitweise Besuch von Karlchen (Peters Kriegskamerad) und Billie (Kurzform von Sibylle, eine Freundin Lydias). Der Verleger hat von Tucholsky eine Liebesgeschichte gefordert. Vielleicht ist das der Grund, dass das Buch auch eine Liebesszene zu Dritt enthält. Aber eigentlich handelt es sich, wie Tucholsky selbst feststellt, eher um eine schöne Sommergeschichte als um eine Liebesgeschichte.Da "Schloss Gripsholm" drei Mal so lang ist wie "Rheinsberg", war genügend Platz für einen weiteren Handlungsstrang. Dem schönen Sommer, den die Hauptdarsteller verbringen, steht das traurige Leben in einem deutschen Kinderheim ganz in der Nähe gegenüber. Dieses Heim wird von der herzlosen Frau Adriani geführt, die die 40 Mädchen mit ihren Erziehungsmethoden quält und der es, wie Tucholsky feststellt, eigentlich nur um Macht geht. Peter und Lydia gelingt es, zur Mutter eines der Mädchen in Zürich Kontakt aufzunehmen und das Mädchen aus dieser schlimmen Lage zu befreien.Beide Reisen hat Tucholsky im "wirklichen Leben" tatsächlich unternommen. Dennoch hat er den männlichen Hauptdarstellern andere Namen gegeben. An einer Stelle wird erwähnt, dass Peter eigentlich Kurt heißt, Lydia dieser Name aber nicht gefällt, so dass sie ihn lieber Peter oder Fritzchen oder Daddy nennt. Dadurch kommt eine gewisse Distanz zum Ausdruck. Wie Tucholsky selbst, wollen sich auch seine Alter Egos nicht zu sehr binden. Sie akzeptieren emanzipierte Frauen, sind einer Heirat aber abgeneigt, weil sie das für das Ende der Liebe hielten.Die Texte sind sehr schön zu lesen, weil es Tucholsky verstand, zu schreiben. Schön ist besonders auch sein Spiel mit verschiedenen Sprachebenen und Stilen, sei es nun die "Baby-Sprache", die Claire gerne benutzt, oder sei es das "Missingsch" von Lydia, die als gebürtige Rostockerin gerne mal vom Hochdeutschen ins Plattdeutsche verfällt. Tucholsky ist zwar alles andere als ein Heimatdichter, trotzdem spricht er vom Niederdeutschen an einer Stelle von "jenem Weg, den die deutsche Sprache leider nicht gegangen ist."(Pos. 1282)