"Der Seidenspinner" - im Original "The Silkworm" - ist der zweite Band der Cormoran-Strike-Reihe und stammt aus den Federn von J. K. Rowling, die hier als Robert Galbraith schreibt. Es ist mein zweites Buch aus dieser Serie. Letztes Jahr hatte ich "Das Tiefschwarze Herz" gelesen (was eines meiner Jahreshighlights war) und werde deswegen an geeigneten Stellen Bezüge und Vergleiche dazu herstellen.Der Kriminalroman umfasst etwa 670 Seiten und handelt von einem Skandalautor, der in seinem neusten Manuskript diverse Menschen aus seinem privaten und geschäftlichen Umfeld verunglimpft und imageschädigende Behauptungen über sie aufstellt. Kurze Zeit später, noch bevor das Manuskript veröffentlicht wird, wird er tot aufgefunden.Der Privatermittler Cormoran Strike und seine assistierende Sekretärin Robin Ellacott machen sich alsbald auf die Suche nach dem Täter.Das Buch hat mir insgesamt ganz gut gefallen, allerdings reicht es nicht ganz für 5 Sterne. Es kam 2014 auf den Markt und ich denke, dass sich Rowling hier noch etwas warm geschrieben hat. Natürlich haben wir hier wieder typische Rowling-Elemente: komplexe Geschichte, viele Figuren, lebhafter Schreibstil, verzwickte Wendungen, ein überraschendes Ende, gut gesetzte Cliffhanger, wechselnde Spannungskurven, versteckte Botschaften. Ich habe mich in der Geschichte wohlgefühlt und auch gerne darin gelesen. Auf mich wirkte alles real und Rowling zeigt hier wieder einmal, dass sie eine talentierte Schriftstellerin ist.Von der Handlung her haben wir etwas ganz Ähnliches wie schon bei "Das Tiefschwarze Herz": auch hier geht es um eine Figur, die mit etwas Künstlerischem im Vordergrund steht und mit den Schattenseiten einer Unterhaltungsbranche konfrontiert wird. Bei "Das Tiefschwarze Herz" war es eine YouTube-Serie und thematisch die Welt des Internets, bei "Der Seidenspinner" geht es um einen Schriftsteller und um die Literatur- und Verlagswelt. Mich hatte der Klappentext angesprochen und ich hatte auch erwartet, über die Kulissen dahinter zu erfahren. Das war dann aber leider doch nicht so ganz der Fall.Auch die ganze Sache mit dem "Bombyx Mori" Manuskript - das ist der Fachbegriff für den Seidenspinner - hatte ich mir etwas anders vorgestellt. Das verrufene Manuskript ist wirklich schlecht geschrieben und ich hatte Schwierigkeiten zu glauben, dass professionelle Verlagsmenschen so etwas ernst nehmen und so ein Gewese darum machen, als hätte man geheime NSA-Dokumente geleakt. Außerdem habe ich mich gefragt, was denn so gefährlich sei an einem mit umständlichen Metaphern durchtränktes Werk, dass sowieso kaum jemand so richtig versteht.Es geht irgendwie ständig nur um eine handvoll Personen, die abwechselnd verdächtigt werden. Letztendlich ist es dann auch keine große Überraschung und auch ein wenig egal, wer der Täter ist, da nahezu allen Figuren irgendwelche Motive angedichtet werden.Insgesamt wirkt die Geschichte etwas aufgebläht. Man hätte keine 600 Seiten dafür gebraucht. 200 Seiten weniger hätten auch gutgetan. Gerade, wenn man die ganzen Füllsätze weggelassen hätte.Figurentechnisch stieß mir Cormoran Strike hier deutlich unsympathischer auf als in "Das Tiefschwarze Herz". Er ist der typische Kriminaldetektiv aus dem Bilderbuch: bewegte Vergangenheit (Kriegsveteran), Stigma (verlorenes Bein), Hang zum Alkohol (Dauerbesucher in Pubs), markantes Äußeres (maskulin, groß gewachsen) und alle Frauen stehen auf ihn. Damit haben wir eigentlich alle Klischees durch, die man einem Privatermittler anhaften kann. Warum hat Rowling ihn einbeinig entworfen? Irgendwie ist das schon eine sehr umständliche Behinderung und nervt in den Büchern nur, weil fast täglich sein Beinstumpf schmerzt, er aber nichts dagegen tun will. Er könnte Taxi fahren, aber aus finanziellen Gründen will er das nicht. Das wird im Buch auch häufig erwähnt, aber er hat kein Problem damit, permanent auswärts zu essen und in örtlichen Kneipen ein Bier nach dem anderen zu bestellen. Auch, wie er teilweise mit Frauen umgeht, fand ich teilweise fragwürdig.Robin fand ich in "Das Tiefschwarze Herz" angenehmer. Auch bei ihr wird man mit Persönlichem konfrontiert. Im letzten Band der Reihe erschien mir ihr Partner Matthew zwar unleidlich und normalerweise stelle ich mich auf die Seite der Frau, aber hier empfand ich Robins Verhalten gegenüber Matthew als unangebracht. Ich finde, in einer Beziehung muss man sich gegenseitig respektieren und einen Kompromiss finden - was Robin aber nicht tut. Irgendwie tat mir Matthew leid. Mal schauen, ob ich meine Meinung nach dem Lesen der restlichen Werke nachhaltig ändere.Handwerklich haben wir hier wieder die üblichen Schnitzer. Rowling hat einen ganz eigenen Schreibstil, der vielleicht an vielen Stellen ein strengeres Lektorat bedurfte (, der sich durch die Reihe hinweg aber deutlich ausgebaut hat). Gerade bei Szenen, die vielleicht etwas primitiv daherkommen, z. B. in der Szene, wo Strike Wohnhäuser nach Stellen absucht, in der man Gedärme eines Menschen entsorgen könnte oder die Art und Weise, wie er einer weiblichen Figur im Hauseingang auflauert.Ich konnte das Buch leider nicht flüssig lesen, sondern bin immer mal wieder über abenteuerliche Schachtelsätze und ungewöhnliche Beschreibungen gestolpert. Teilweise musste ich einen Satz, der aus vier - durch Kommata getrennten - Sätzen besteht, mehrmals lesen. Auch aus bestimmten Dialogen bin ich nicht schlau geworden, weil sie so aus der Luft gegriffen wirkten. Ich kann mir vorstellen, dass Rowling das alles in ihrem Kopf ausgearbeitet hat und weiß, wer wie wohin gehört, aber das war vielleicht manchmal zu unverständlich für den Leser.Trotzdem haben mich bestimmte Wendungen überrascht und auch die Spannung war konstant. Es gab zwar schon Kapitel, die ich jetzt weniger zielführend fand, bei denen dann mehr der Fokus auf Strikes und Ellacotts Privatleben gelegt wurde. Allerdings konnte man sich hier deutlich mehr auf den Fall konzentrieren und wurde nicht durch Gefühlsduseleien abgelenkt.Das Motiv des Täters fand ich nach dem ganzen Hin und Her und all den persönlichen Verflechtungen zwar irgendwie merkwürdig, also nicht wirklich nachvollziehbar. Aber dennoch ist der Schluss ganz in Ordnung gewesen.Anmerkung:Ironischerweise greift Rowling hier auch das Thema Transsexualität auf, wofür sie zuletzt öffentlich stark kritisiert wurde. In diesem Werk geht sie mit dieser Thematik aber erstaunlich sensibel um. Das fand ich merkwürdig - gerade auch im Hinblick auf ihren späteren Twitterkommentar. Im medialen Zusammenhang mit Transfeindlichkeit taucht dieses Buch übrigens nicht, dafür aber ihr fünfter Band "Böses Blut", welches Transsexualität wohl gar nicht thematisiert. Eine durchaus verworrene Angelegenheit.Kurzum: "Der Seidenspinner" ist vielleicht nicht der stärkste Band der Cormoran-Strike-Reihe, aber zumindest alleinstehend ein guter Kriminalroman mit spannenden Momenten.