Lale, ein Mädchen der dritten Klasse, begegnet in der Umkleidekabine einem Okapi. Zuerst weiß sie nicht, was für ein Tier ihr da nicht nur gegenüber-, sondern auch noch auf ihren Jeans steht. In ihrer Umkleidekabine, die natürlich nicht ihr gehört, aber in der etliche Kleider hängen, die Lale bereits probierte. Die ihr alle nicht gefallen oder nicht passen, nicht jedenfalls so wie das blaue, das sie zurückgegeben hat. Aus einem Grund, der auf sonderbare und verbindende Weise damit zu tun hat, weshalb das Okapi im Kaufhaus eine blickdichte Strumpfhose sucht.Sandra Niermeyer hat zu Beginn des vergangenen Jahres bereits das wunderbare Bilderbuch „Stolz wie Paule“ beim Magellan Verlag veröffentlicht, in dem es um einen Hund geht, der einen Hof bewachen soll, aber nicht laut bellen kann. Innerhalb einer kurzen Geschichte schafft die Autorin es zu zeigen, wie aus einem schüchternen Paule mithilfe seiner vielen unterschiedlichen Freunde ein beachteter Hofhund wird.Tiere und Freundschaft – so könnte man auch die Basis ihres zweiten Buches beim Magellan Verlag umschreiben. Aber dieses Mal ist es ein Kinderroman auf fast zweihundert Seiten. Die Geschichte kann sich entwickeln, es ist Raum für Nebenschauplätze und Nebenfiguren und begleitende Handlungsstränge – und all das rundet den Besuch des Okapis nicht nur ab, sondern vertieft die Geschichte und lässt sie beim Lesen wie einen Film vor dem inneren Auge vorüberziehen. Gekonnt unauffällig werden wichtige Hinweise eingestreut: Ein Piratenbett taucht auf und der Verweis auf – für den Menschen – giftige Zimmerpflanzen. Eine Bemerkung nebenbei, dazu, dass der Vierjährige („Wie alt ist er überhaupt?“ „Vier“, sagte ich. „Viereinhalb…“) noch nicht lesen kann. Jedes Detail hat eine Bedeutung, wird weiterverwendet, zu Ende gedacht und gebracht. Einiges bleibt offen, der Phantasie überlassen: Lale, Alina und Nora, Klassenstrukturen und der Elefant, aber es gibt keine losen Enden.Die Geschichte spielt in einer intakten Familie, das ist selten geworden bei Kinderromanen. Tochter Lale und Sohn Nils müssen nicht ständig zwischen den Erziehungsberechtigten wechseln oder sich auf eine Reise begeben, um den zweiten Elternteil zu finden, sondern leben gemeinsam mit Mama und Papa. Mit wenigen Zügen skizziert Sandra Niermeyer die Eltern aus Lales Sicht, staunend, schmunzelnd, wissend und beobachtend. Eltern, die konsequent sind und Ausnahmen zulassen können, und eben ein Okapi von der Umkleidekabine weg adoptieren. Die Fensterbänke ausmessen, um abzuschätzen, wie viele Pflanzen (gleich Nahrung für das Okapi) dorthin passen. Die aber auch nach drei Tagen zur Normalität zurückfinden und Hausaufgaben abfragen.Lale und Alina, Nora und der kleine Bruder, die Eltern, die Großmutter, und erst recht der schwarze Lieferwagen sind plastisch „gezeichnet“, einzelne Bemerkungen und Gedanken wirken auch nach dem Schließen des Buches weiter, zusätzlich zur Geschichte, wie die gedachte und erlebte Tagesstruktur der Mutter aus Lales Sicht oder auch wiederkehrende Formulierungen.„Kinder, Kinder“, ein Spruch der Oma, ist „für brenzlige Situationen reserviert“, wie es in der Geschichte einige gibt, „Ihr seid mir welche“, ein Spruch der Mutter, für Situationen, die weniger schlimm waren oder bereits ein gutes Ende erfahren hatten.Wäre es nicht sicher sehr kompliziert, ein Okapi zu trainieren, könnte man der Autorin und sich selbst die Verfilmung dieses Buches nur wünschen.Die vierzehn Kapitel sind zusätzlich nach Wochentagen gegliedert und von Caroline Opheys farbenfroh und freundlich illustriert worden, ganzseitig und ergänzend zum Text auf dem besonderen festen Papier.Der Buchumschlag ist erhaben, man kann mit den Fingern darüberfahren (und wahrscheinlich sogar Schokofinger abwischen, ohne etwas zu beschädigen), in der „9“ im Titel ringeln sich die „Zebra“-Streifen des Okapis.Das Okapi, gepunktete und blaue Kleider, Nils, Alina, Nora, Mama – sogar der Wettbewerbszettel ist im Buch „9 Tage mit Okapi“ abgebildet. Ein Wettbewerb, der das Okapi ins Kaufhaus führte und der nicht nur Lale dazu bringt, über ihr Verhalten nachzudenken. Aber das geschieht erst am Ende der Geschichte. Am Anfang steht die Begegnung in der Umkleidekabine, die pragmatische Reaktion der Mutter und eine erstaunte Lale:„Jahrelang hatte ich mir ein Haustier gewünscht. Erst ein Pferd, dann einen Hund, dann eine Katze, dann einen Hamster und zum Schluss einen Goldfisch. Nie hatte ich eins bekommen. Und nun war es plötzlich so einfach.“
Inhalt:Lale ist mit ihrer Mutter beim Kleiderkauf als ihr plötzlich ein Okapi die Umkleidekabine vor der Nase wegeschnappt. Höflich bitten das scheue Tier um Verzeihung und fragt nach einer blickdichten Strumpfhose. Doch leider ist in seiner Größe im ganzen Geschäft keine zu finden.Natürlich möchte die Familie behilflich sein und quartiert das unbekannte Tier kurzerhand bei sich zu Hause ein, um anschließend in Ruhe nach einer Lösung zu suchen: Eine maßgeschneiderte Strumpfhose muss her.Aber wozu benötigt ein Okapi eine Strumpfhose? Warum hat es den weiten Weg aus Afrika nach Deutschland gewagt?Nach und nach freundet sich Lale mit dem schüchternen Tier an und findet den Grund heraus. Ob sie ihm helfen kann?lllustrationen:Zauberhafte und farbenfrohe Illustrationen ergänzen und unterstreichen die Handlung sehr gut und lassen das Gelesene lebendig werden. Alle paar Doppelseiten findet sich eine kleinere bis halbseitige Zeichnung, zudem beginnt jeder neue Tag mit einer ganzseitigen Illustration und jedes Kapitel mit einer kleinen Zeichnung passend zur folgenden Handlung.Der Zeichenstil gefällt sehr und die Figuren wirken sympathisch und dynamisch. Mimik und Gestik sind sehr gut gelungen und in das Okapi (mit seinen Rehaugen) verliebt man sich gleich auf den ersten Blick.Altersempfehlung:ab 6 Jahre (zum Vorlesen)oder zum Selberlesen für geübte Leser etwa ab 8 Jahre (normale Schriftgröße, Blocksatz)Mein Eindruck:Dank des humorvollen und lockeren Schreibstils und der Erzählung in der Ich-Perspektive aus Lales Sicht liest sich die Geschichte unterhaltsam und regt zum Nachdenken an.Die Charaktere sind sympathisch aber teilweise sehr überdreht. Beispielsweise kauft die Mutter nach Ankunft des Okapis das halbe Gartencenter leer, obwohl der Gast nur bleibt bis er eine maßangefertigte Strumpfhose findet. Andererseits ist sie sehr praktisch veranlagt und hinterfragt die seltsame Situation im Kaufhaus keine Sekunde lang.Lale erstaunlich erwachsen für ihr Alter beweist Empathie und Mut.Das Okapi ist zu Beginn sehr schüchtern, höflich und wortkarg. Obwohl es immer betont "Das ist eine lange Geschichte." fallen alle Erklärungen nur sehr knapp aus. Mit dem Flugzeug ist es in der Businessclass gereist. Persönliches verrät es nicht.Dafür erhält man viele Infos über Okapis. Ich muss gestehen, dass ich nicht sehr viel über diese Tiere wusste.Es dauert eine Weile, bis sich das Okapi der neuen Freundin Lale gegenüber öffnet und den Grund für das Strumpfhosen-Debakel gesteht.Zentrale Themen wie Mobbing, Bodyshaming und Ausgrenzung aufgrund Aussehen und Anderssein aber auch gesunde Vorsicht vor Fremden sowie Hilfsbereitschaft, Mut und Freundschaft werden kindgerecht und spielerisch vermittelt. Trotz aller Ernstheit und hin und wieder einem kleinen Kloß im Hals bleibt der Humor aber nicht auf der Strecke.Lale hinterfragt und wächst über sich selbst hinaus ebenso das Okapi. Eine wunderbare Wandlung.Fazit:Ein lustiges und fantasievolles Abenteuer und zudem lehrreich dank altersgerechter und humorvoller Vermittlung von Themen wie Ausgrenzung, Vorurteile, Bodyshaming, Freundschaft und Hilfsbereitschaft.Die sympathischen und etwas sonderbaren Charaktere wachsen schnell ans Herz und die zauberhaften farbenfrohen Illustrationen greifen die Handlung sehr gut auf.Ein verrücktes Lesevergnügen für Groß und Klein sowie für Mädchen und Jungen und für mehr Selbstvertrauen!...Rezensiertes Buch: "9 Tage mit Okapi" aus dem Jahr 2020